2015 Wohnmobiltour nach Italien und Frankreich

Erste Wohnmobilreise vom 26.04.2015 bis zum 09.06.2015 nach Italien und Fankreich

Ich hatte mit dem Wohnmobilausbauer ausgemacht, dass das Auto zum 31.03.2015 fertiggestellt werden soll. Schon Bertold Brecht machte sich lustig über die Unzulänglichkeit der menschlichen Planung. Erst hatte Mercedes 1 Woche später geliefert und dann kam beim Ausbauer die Grippewelle dazu, die wiederum eine Woche gekostet hat, so dass ich mir das Mobil am 25.04 abholen konnte. Nachmittags wollte ich einräumen, aber dann kamen Malle, Thomas und Wolfgang, die sich das neue Mobil unbedingt anschauen wollten. So dauerte es bis 14 Uhr am folgenden Tag, bis ich endlich losfahren konnte.

Zuerst in den Harz zu Siggi und Horst. Horst steht schon viele, viele Jahre auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche mit seinen von Hand gezogenen Tierkerzen. Und ich verführe ihn schon viele, viele Jahre zum Zarenpunsch vom Stand gegenüber. Zuerst hat er sich ja gerne verführen lassen, aber seitdem der Punsch teurer und schlechter geworden ist, zieht er nicht mehr so richtig mit.

Auf halber Strecke fiel mir auf, dass der vom Ausbauer geschenkte Teppich feucht wurde. Wasser spritzte aus der Leitung, aber an der falschen Stelle. Ich konnte mich Gott sei Dank erinnern, wo der Schalter für die Wasserpumpe sitzt, denn die pumpte und pumpte. Sie hatte ja einen dankbaren Abnehmer gefunden. Die Einweihung der Nasszelle fiel also buchstäblich ins Wasser. So kam ich in den Genuss, den riesigen Badesaal meiner Gastgeber zu benutzen.

Abends gab es leckeres Schnitzel mit Kartoffeln und Blumenkohl. Die erste Nacht im Wohnmobil verlief ziemlich ereignisarm. Es war warm genug und die wenigen vorbeikommenden Autos störten dank Ohrstöpseln nur wenig.

Am nächsten Tag versuchten wir erst mal, das Leck zu reparieren. Ein Verbindungsstück aus Plastik war gerissen. Aber die Schläuche staken auf diesem Teil bombenfest. Ein Ersatzteil hatten wir auch nicht. So entschied ich mich, Berlin noch einmal einen Besuch abzustatten. Berlin ist immer eine Reise wert.

Zunächst stand die Frage im Raum, ob wir eine Fahrradtour zur Talsperre oder eine Tour mit dem Auto machen. Gott sei Dank haben wir uns fürs Auto entschieden. Unterwegs fing es nämlich an zu regnen.

Und so machten wir einen Spaziergang durch Goslar. Ist ja eine hübsche, gut erhaltene alte Stadt. Kaum angekommen, erklommen wir auch schon die 218 Stufen im Turm der Marktkirche.

Vorbei am interessanten, von J.F. Weule aus Bockenem gebauten Uhrwerk mit Zahnrädern aus Bronze, vorbei an den 3 Glocken, die unvermittelt zu schlagen anfingen, bis zur windigen Aussichtsplattform. Horst gab nur ein kurzes Gastspiel, denn er fühlte sich zu sehr zur Erde tief unten hingezogen. Und das Schauspiel eines kurzen Fluges wollte er uns denn doch nicht bieten. So zwängte er sich lieber durch die schmale Luke ins Turminnere zurück. Die Besichtigungstour schlossen wir mit Salat und Kaffee in der Hütte ab. Nachmittags fuhr ich dann wieder nach Berlin zurück, aber nicht ohne noch einmal einen Abstecher nach Goslar zu machen, um die Kaiserpfalz zu fotografieren, die wir vormittags nicht besucht hatten.

Am nächsten Morgen stand ich wieder beim Ausbauer auf der Matte. Die Reparatur dauerte nicht lange. Die Mitglieder des Mittags-Stammtisches und der Chef der Kantine staunten nicht schlecht, als sie mich nach so kurzer Zeit wieder sahen.

Und so musste ich am nächsten Tag wieder das Bettzeug und die elektronischen Geräte zum Auto schleppen. Es war die ersten Tage ein einziges Hin und Her.

Die nächste Station war meine Schwester Brunhild in Giesen. Zu essen gibt es ja immer gut und reichlich. Die Nacht war bannig kalt. Ich hatte nach alter Gewohnheit auch noch ein Fenster offen. Ich wachte auf und war bis auf die Knochen tiefgefroren. Noch nicht einmal die Heizung schaffte es, die Kälte aus den Knochen zu vertreiben. Erst die warme Dusche brachte es so einigermaßen fertig.

Am nächsten Vormittag fuhren wir nach Sarstedt, Einkäufe und Besorgungen zu machen. In der Innenstadt aßen wir im schönsten Sonnenschein, wobei ein kühles Lüftchen wehte, den ersten Spargel. Nachmittags musste ich nach alter Gewohnheit auf einen Kaffee bei einem Ehepaar vorbeischauen, das auch ein Wohnmobil besitzt. Den Kuchen steuerte ich bei. Die beiden fahren mit ihrem WoMo bevorzugt nach Kroatien und Slowenien und erzählen auch viel davon. Danach schaute ich mir unser ehemaliges Häuschen an, das wir ein Jahr vorher verkauft hatten. Der Garten sah ziemlich verwüstet aus. Alle nahe am Haus stehenden Bäume und Büsche waren weg, die Gehwegplatten rausgerissen und überall standen noch Baumaterialien herum. Ein Kind machte mir nach längerem Klingeln auf und ließ die Tür offen stehen. Ihre Mutter saugte gerade Staub und hörte nichts. Erst in einer Saugpause konnte ich mich bemerkbar machen. Sie begrüßte mich freundlich und führte mich im Haus herum. Ich konnte das Häuschen eigentlich nie richtig leiden. Das kam daher, weil es so dunkel war und durch die dunklen Möbel fremd und bedrohlich wirkte. Das war jetzt völlig anders. Alles war hell und freundlich. Die Wände weiß. Jedes Zimmer war mit einem besonderen Farbtupfer versehen, grün oder orange oder lila. Die Möbel waren topmodern, aber hübsch. Bad und Küche aufs Beste mit viel Geld ausgestattet. Ich war völlig hin und weg und ganz begeistert.

Am nächsten Tag, derweil Brunhild zur Physiotherapie ging, bemühte ich mich, das im Baumarkt gekaufte DC-Fix an der Seitenwand des Kühlschrankes anzubringen, die ziemlich desolat aussah. Es war nicht ganz einfach, weil DC-Fix beim Kleben die Eigenschaft hat, Luftbläschen zu bilden. Irgendwann habe ich es dann irgendwie geschafft. Mittags sind wir in der Alten Münze in Hildesheim essen gegangen. Die Alte Münze war früher eine Kneipe, wo mein alter Freund Wolfgang und ich uns bei Braunschweiger Starkbier die Köpfe heiß geredet haben über Kapitalismus und Kommunismus. Auf einen gemeinsamen Nenner sind wir nie gekommen. Wir kannten uns schon aus der Schulzeit, er war ein halbes Jahr älter als ich, ist aber im letzten Jahr an Prostatakrebs gestorben. Jetzt ist die Alte Münze ein gehobener Italiener. Jedenfalls die Preise sind gehoben. Mit Tischdecken und gefalteten Servietten. Schon das Wort Kartoffeln trieb dem Ober eine Grimasse ins Gesicht. Dafür war es lausig kalt in dem Laden.

Brunhild und ich hatten uns Kuchen nach Hause mitgenommen. Als wir den vertilgt hatten, klingelte eine Frau, die gerade 90 geworden war und brachte eine schöne Cremetorte. Kein Wunder, dass man bei Brunhild ein Bäuchlein bekommt.

Meine Schwester wollte mir unbedingt ein Buch über Ölziehkur aufschwatzen. Dabei wird Öl einige Minuten durch die Zähne gezogen, um angebliche Gifte und Schlacken zu entfernen. Es fehlt aber jeglicher wissenschaftlicher Beweis für diese Art Alternativmedizin. Gifte und Schlacken werden durch die zuständigen Organe des Menschen entfernt. Entscheidend ist sowieso wie immer die richtige ausgewogene Ernährung.

Am nächsten Tag, dem 1. Mai, machte ich mich auf den Weg zu meiner Nichte Tanja und ihrem Lebensgefährten Steffen nach Hirschfeld in der Nähe von Schweinfurth. Tanja ist Biobäuerin und Steffen konventioneller Bauer. Steffen, ein echter Franke, zeigte mir voller Besitzerstolz seine Ländereien. Er baut Dinkel und Weizen an. Tanja gleich daneben Bio-Melisse und Estragon. Wenn Steffen seine Felder spritzt, muss er sehr darauf achten, dass der Wind die Chemie nicht auf Tanjas Felder trägt.

Es war die Zeit der Spargelernte. Jeden Tag früh am Morgen zogen 4 Rumänen aufs Feld und stachen Spargel. Für sie war das in Ordnung, denn sie wollten so viel Geld wie möglich verdienen. Tanja und ihre Schwiegermutter standen dann am Schneidegerät, schnitten den Spargel auf Länge und sortierten ihn nach Qualität.

Also fuhr ich mit dem Fahrrad die Mainschleife ab. Zuerst immer unmittelbar am Main entlang und dann am Mainkanal weiter. In Schwarzach gab es bei schönstem Sonnenschein Kaffee und Kuchen bei Schneiders Bäckerei.

Rein zufällig lag das Benediktinerkloster Münsterschwarzach auf dem Weg. Hier gibt es noch richtige Missionare für die letzten verbliebenen zu missionierenden Gebiete: Nordkorea, China. Für die Missionierung ist eigens eine steuerbegünstigte Stiftung eingerichtet worden. Da muss man schon mindestens 5.000 € als Darlehen einzahlen, um dabei zu sein. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt. Die Zinserträge kommen dann der Missionsarbeit zugute, in Afrika, auf den Philippinen, in Lateinamerika, wie auf der Website geschrieben steht.

In einem Weingut in Nordheim vertilgte ich noch ein Nackensteak und kaufte Brot und Ziegenkäse für die Familie ein. 35 bis 40 km sind es doch geworden.

Die 10-jährige Tochter Lara ist ein Prinzesschen, kleidet sich auch gern in mittelalterliche Gewändern, sprudelt über von Fantasie, bewegt sich gut nach Musik (Helene Fischer war angesagt) und dominiert gern ihre Freundinnen. Der 7-jährige Lukas ist ruhiger, hat noch Probleme mit dem Lesen, kann sich auch nicht so gut bewegen wie seine Schwester, ist aber tiefgründiger und sehr niedlich.

Steffen gab mir den Rat, in die Fränkische Schweiz zu fahren, Richtung Pottenstein. Der Himmel am nächsten Tag war wolkenverhangen und es regnete hin und wieder. Ich musste 20 Minuten warten, um in die Tropfsteinhöhle Sophienhöhle eingelassen zu werden. Nur mit Führung. 9 € zusammen mit der Burg Rabenstein. Die Höhle ist nicht besonders groß mit einigen nett geformten Stalagmiten. Sie wurde von einem Angestellten des Grafen Franz Erwein von Schönborn-Wiesentheid mit dem Namen Koch entdeckt. Der Graf ließ die Höhle sogleich verschließen, weil die Leute die Stalagmiten bzw. -titen klein gestoßen gerne als Potenzmittel benutzten. Dabei sind es doch nur Kohlenstoffmineralien.

Der Graf gab der Höhle aber nicht, wie es sonst üblich ist, den Namen des Entdeckers, sondern den seiner Schwiegertochter. Sonst würde die Höhle heute Kochloch heißen.

Das Geschlecht derer von Rabenstein ist anno 1742 ausgestorben. Die Burg ist zum großen Teil gut erhalten und renoviert und wird heute gern als Veranstaltungsort z.B. zu Hochzeitsfeiern benutzt. Das Interessanteste war der Burgführer mit wallendem Haupthaar und Bart und mächtiger Gestalt, der gleich das Lied von den Alten Rittersleut‘ anstimmte.

Das Wetter lud nicht nach Übernachtung auf dem Campingplatz ein. Also fuhr ich weiter nach Erlangen. In den Städten gibt es immer das Problem mit den Parkplätzen. Die Innenstädte sind mit Parkzonen ausgestattet und zu laut. Also bleibt nur die Möglichkeit, sich in den Außenbezirken einen ruhigen Parkplatz zu suchen. Und den fand ich auch nach einigem Suchen. D.h. ich fand erst mal das Sportrestaurant Blaue Traube. Aus Erfahrung wusste ich, dass es in diesen Sportgaststätten gutes und preiswertes Essen gibt. Beides traf nicht nur voll zu, es war eine Riesenportion Lammschäufele für 8,60 €. Die Hälfte musste ich mir einpacken lassen. Die Portionen für die anderen waren noch viel mächtiger. Und das für Sportler.

Ich schlief sehr gut in jener Nacht in der stillen Nebenstraße.

Anderntags, es war der 4. Mai, fuhr ich weiter gen Regensburg zu meinem Neffen Benjamin. Er hatte mir gesagt, dass man auf dem Parkplatz Unterer Wöhrd kostenlos parken kann. Es war nur sehr schwer, dort eine Lücke zu finden. Nach einigem Auf- und Abfahren machte endlich ein Auto seinen Platz frei.

Um mir die Zeit bis Benjamins Feierabend zu vertreiben, machte ich eine kleine Radtour an der Donau entlang. Die führte nach den Regenfällen Hochwasser. Einmal musste ich sogar durch über das Ufer getretene Wasser fahren. Es wurde wärmer. Am nächsten Tag sollten es sogar bis zu 30 Grad werden.

Benjamin hat eine kleine Wohnung, die sehr kommunikativ in der Innenstadt gelegen ist. Er sieht von seiner Terrasse, die meistens im Schatten liegt, direkt auf die Terrasse des Nachbarn. Ansonsten hat er nur Aussicht auf ein paar Wände, u.a. auf einen Geschlechterturm. Die Geschlechtertürme sind ursprünglich Verteidigungsbauten einflussreicher städtischer Familien in Italien. Je höher der Turm einer Familie, desto höher ihr Ansehen. Später sollte ich sie in San Gimignano in voller Größe und Schönheit sehen.

Doktor Benjamin steht nur noch selten im Labor. Die Untersuchungen dürfen jetzt die anderen machen und er wertet aus. Im Augenblick werden die Auswirkungen von Stress aufs Gehirn untersucht.

Ich habe versucht, ihm und seiner Freundin Eva, die beim Abendessen dazu kam, beizubringen, dass fast alle Naturwissenschaftler Materialisten im philosophischen Sinn sind, auch wenn sie das selbst nicht wissen.

Abends ging die Sonne mit leuchtenden Farben unter. Ein junges Pärchen ging barfuß über ein überspültes Wehr, was ansonsten trocken liegt. Bei einem Ausrutscher hätten sie nicht mehr so mutig und vergnügt ausgesehen.

Benjamin hatte mir vorgeschlagen, am nächsten Morgen eine Tour zur Walhalla mit dem Schiff zu machen. Es sah aber am nächsten Morgen nach Regen aus. Und ich hatte keine große Energie bzw. Lust, diesen Ausflug zu machen. 1 dunkles Bierchen am Abend davor war wohl zu viel gewesen.

Weil ich erst später angekündigt war, trödelte ich auf der Fahrt zu meinem Bruder Dieter und Schwägerin Antje in Bad Endorf, machte hier eine kleine Pause, trank da einen Kaffee, aß dort einen Rollbraten und tankte ein paar Liter Sprit. Je weiter ich nach Süden kam, um so teurer wurde der Diesel. Am Anfang lag der Preis bei 1,16 € pro Liter, nach Regensburg ging es schon auf 1,29 € hoch.

Der Wetterbericht stimmte sogar, es wurde bannig heiß. Dieter hielt noch seinen Mittagsschlaf, als ich ankam, wurde aber von Antje unsanft aus dem Schlaf gerissen. Die beiden wohnen jetzt wunderschön gelegen in einem Mehrgenerationenkomplex mit mehreren Holzhäusern. Die Heizung ist ein geschlossener Kreislauf. Allerdings wäre die immer wieder aufbereitete Luft nichts für mich. Die Nachbarn, die ich kennengelernt habe, sind alle sehr nett und sympathisch. Antje und Dieter haben guten Kontakt zu ihnen und Dieter hat für ein Kind aus der Nachbarschaft die Aufgabe übernommen, sie bei den Hausaufgaben zu beaufsichtigen. Antje hatte sich schon längere Zeit um Flüchtlinge gekümmert und sie macht in Bad Endorf weiter, wo sie im letzten Wohnort aufgehört hat.

Kaum angekommen, mussten wir auch schon einen Spaziergang machen, die sogenannte 3-Bänkerl-Tour. Die dritte Bank haben wir aber ausgelassen.

An diesem Tag schien noch die Sonne, was sich am folgenden Tag ändern sollte. Da regnete es nämlich fast ununterbrochen. Eigentlich wollten Antje und ich in die Therme gehen, Dieter sollte mitkommen, was er aber nur ungern getan hätte. Er stellt nicht so gern sein Bäuchlein zur Schau. Also fiel die Therme buchstäblich ins Wasser. Dieter fiel eine Last von den Schultern. Dafür schauten wir uns am Abend das Champions-League-Hinspiel FC Barcelona gegen Bayern München an. Das Ergebnis 3:0 passte zu diesem verregneten Tag.

Am nächsten Tag machten Dieter und ich einen Ausflug auf den Samerberg. Das war mit anderthalb Stunden Fußmarsch verbunden, wo ich doch äußerst ungern zu Fuß gehe. Und es ging ziemlich bergauf und -ab. Dementsprechend geschlaucht war ich auch. Vorher hatten wir noch einen Blick auf einen Seitenarm des Chiemsee geworfen. Der Wirt des Gasthauses, auf dessen Parkplatz wir das Auto abgestellt hatten, erklärte uns nicht gerade freundlich, dass das nur ein Parkplatz für Gäste wäre, obwohl er gar nicht wissen konnte, ob wir Gäste werden oder nicht. Auf dem Rückweg vom Samerberg vertilgten wir in einem hübschen kleinen Örtchen Cappuccino und Kuchen bei einer kessen Kaffeehausbedienung. Bei mir kamen dann noch 2 belegte Brote obendrauf.

Am nächsten Tag musste ich unbedingt schwimmen gehen. Die alten Knochen brauchten etwas Wärme und wollten bewegt werden. Da Dieter dazu nicht zu bewegen war, fuhr ich allein nach Prien in das Prienavera. 25-Meter-Becken, 27 Grad Wassertemperatur, alles wunderbar. Das ganze Skelett entspannte sich. Nach 4 Runden musste ich erst mal verschnaufen. Die fehlende Bewegung und das gute Essen machten sich bemerkbar. Danach ging es aber wie immer auf 1000 Meter ohne nochmaligen Halt. Nach Aufenthalt im noch wärmeren Whirlpool und unter der Starkdusche war ich angenehm müde.

Wir hatten aber verabredet, in einer höher gelegenen Gaststätte mit Rundblick den nächsten obligatorischen Cappuccino und Kuchen zu uns zu nehmen. Danach wollten wir auf einen Aussichtsturm bei der Ratzinger Höhe. Damit wir nicht so lange laufen mussten, wollten wir den Wagen dort abstellen, wo Dieter sein Auto auch immer abstellt. Das wurde uns aber schnell ausgetrieben. Eine Bäuerin, die gerade mit ihrem Traktor bei der Mahd war, kam mit Zeichen äußerster Erregung direkt auf uns zu. Sie stürmte wie eine Furie, ihre Pfunde schwabbelten um sie herum, sogar der Traktor machte noch einen Satz nach vorn, als sie ausstieg. Hier sei kein öffentliches Land, wir hätten die Schilder genau gesehen und wir sollten es nicht wagen, hier zu fahren, bzw. zu parken. Es gelang uns zwar, sie zu beruhigen, aber die Freundschaft hatten wir uns verscherzt. Im Nachhinein konnten wir uns nur vorstellen, dass mein Berliner Kennzeichen diese ablehnenden Reaktionen hervorrief. In Berlin sitzt die verhasste Regierung und also sind alle Berliner zu hassen.

Oben auf der Ratzinger Höhe (erstaunliche 694 m) war gerade ein Imker mit seinen Bienenvölker zugange, genau genommen mit seinem Bienenvolk, denn von 27 Völkern war ihm nur noch ein einziges übriggeblieben. Alle anderen ausgerottet durch Pestizide und Neonicotinoide. Er suchte die jeweilige Königin und zeigte sie uns. Man erkennt sie daran, dass sie größer sind als die gewöhnlichen Bienen.

Es folgte die letzte Nacht im behüteten Familienkreise. Anderntags ging es hinaus in die freie Wildbahn. An der buchstäblich letzten Möglichkeit die Vignette für die österreichische Autobahn gekauft und auch noch die Maut für die Brenner-Autobahn dazu. So hatte ich freie Fahrt.

In Österreich ist der Sprit im Prinzip billiger als in Deutschland, aber nicht auf den Autobahnen. Da ist er sehr viel teurer. Also in Innsbruck runter von der Autobahn und noch einmal vollgetankt, weil in Italien der Sprit schweineteuer ist, noch teurer als auf Österreichs Autobahnen. Der Ort Brennero ist etwas enttäuschend. Muss man sich nicht ansehen. Und weiter ging es, dem Gardasee entgegen. Die Landschaft wurde schöner und die Straßen enger und enger.

Am Eingang des Gardasee hingen Regenwolken und es regnete auch kurz. Jetzt gab es nur noch in den Fels hinein gehauene Straßen, die sich außerdem im oberen Teil zur Straße hin wölbten. Ich schwitzte Blut und Wasser, das große Trumm heil durchzukriegen. Aber es hat geklappt. Als ich nach 6,5 Stunden Fahrt in Limone ankam, war ich völlig fertig. Der Kreislauf war down. Das habe ich am nächsten Tag auch noch gemerkt.

Der Campingplatz, den ich mir ausgesucht hatte, war leider ausgebucht. So musste ich mit dem anderen Platz vorlieb nehmen. Der Besitzer war ein Holländer mit alkoholunterlaufenen Augen und etwas ruppig.

Auf solchen Campingplätzen trifft man ja verschiedene Spezies:

  1. die Leute mit den Superwohnmobilen, möglichst mit Motorroller und Motorboot, wobei die Topfpflanze auf dem Frühstückstisch nicht fehlen darf.

  2. die lahmen und fußkranken älteren Herrschaften, die sich auf die alten Tage die Welt anschauen und es dabei etwas bequem haben wollen.

  3. die Bewegungsfanatiker, die meist mit alten VW-Bussen unterwegs sind und unbedingt jeden Gipfel stürmen müssen. Und wenn die Knie noch so knacken und weh tun, das muss unbedingt sein. Ein nicht mehr ganz junges Pärchen aus Berlin-Pankow ist mit der Seilbahn auf einen Berg gefahren und zu Fuß wieder runter. Das hat den Knien überhaupt nicht gut getan.

  4. die ganz normalen Leute, wie mich z.B., die keine Gewalttouren machen und die einfach nur froh sind, ein bisschen mit dem Fahrrad fahren zu können. Fahrrad fahren in Limone geht zwar, aber es gibt schon ziemlich starke Steigungen.

Der Sonnenuntergang war fantastisch.

Limone ist ja sehr hübsch und gut aufgepeppt. Deshalb ist es auch von Touristen okkupiert, hauptsächlich deutschen. Die paar „Ausländer“ fallen kaum auf. Früher hat man von dem Anbau von Zitronen gelebt, die der Legende nach Herkules aus dem Garten der Hesperiden geklaut hatte. Heute lebt man von Touristen. Die Zitronen werden nur noch in einem Gewächshaus zur Schau gestellt.

Zwischen Limone und Malcesine ist wohl die tiefste Stelle des Gardasee. Jedenfalls war das Wasser bannig kalt. Kurz untergetaucht und gleich wieder raus. Das war denn doch nicht auszuhalten.

Abends am 10.05 gab es einen Galaabend auf öffentlichem Platz, auf den mich eine nette Campingnachbarin aufmerksam gemacht hatte. Musik mit Gesang aus Oper und Operette. Die technischen Möglichkeiten waren bescheiden, aber Orchester mit kleiner Besetzung und Sänger waren so schlecht nicht.

Richtig wohl gefühlt habe ich mich auf dem Campingplatz nicht. Dazu kam, dass es schon wieder ein Verbindungsstück der Wasserleitung erwischt hatte. Das Wasser zischte und sprudelte lustig. Ich hätte den Ausbauer in Berlin verfluchen können. Das drückte stark auf meine Stimmung. Die einzige Werkstatt in Limone war total überlastet und hatte auch nicht das passende Teil vorrätig. Also entschloss ich mich, schnurstracks weiter in Richtung Süden zu fahren, zur nächsten größeren Stadt, Salò. Der Campingplatzbesitzer wollte mich nach Trento im Norden schicken, weil es da eine Caravan-Reparaturwerkstatt geben würde. Dieselbe horrible Strecke wieder zurück? Nie im Leben.

In Salò sprach ich getreu dem Motto: Immer Fräulein fragen eine Geschäftsfrau an, die gerade rauchend vor ihrem Geschäft stand. Sie verstand kein Deutsch und kein Englisch und ich verstand kein Italienisch. Trotzdem schaffte ich es, ihr mein Problem klar zu machen. Sie rief den nächsten Geschäftsmann 2 Häuser weiter an. Dasselbe Problem mit der Verständigung. Der versuchte es bei 4 Mecanicos. 3 lehnten ab, der vierte versprach, in 2 Minuten zu kommen. Aus den 2 Minuten wurde mehr als eine halbe Stunde. Sogar der Geschäftsmann wurde unruhig. Als Signore Peluchetti dann endlich kam – kam er mit einem Abschleppwagen. Oha, da hatten die Verständigungs-schwierigkeiten aus der Mücke einen Elefanten gemacht. Also „ritorno in cinque minutos con Caravan“. Dann Handzeichen „Vai, andiamos!“ und ab zur Werkstatt. Da war alles ganz einfach. Undichte Stelle gezeigt, Ersatzteil geholt, eingebaut. Für den Monteur war es aber alles andere als einfach. Ihm floss der Schweiß in Strömen. Es waren 27 Grad. Und ich konnte ihm nicht verständlich machen, dass die Schläuche besser abgehen, wenn man sie erwärmt. So hat der Ärmste unheimlich geackert und geflucht, aber er hat es geschafft. Der ganze Spaß hat mich Zeit, Nerven und 25 € gekostet.

Gott sei Dank war ich von dem Problem befreit. Da zeigt sich erst, wie nötig man Wasser hat.

So konnte ich ein paar Kilometer zurückfahren und mir den von André Heller konzipierten Botanischen Garten bei Gardone anschauen, den mir Antjes und Dieters Freundin Inge empfohlen hatte. Sehr phantasievoll und fantastisch mit Pflanzen aus aller Welt und Skulpturen von verschiedenen Künstlern: So versinnbildlichen an der Brücke der Ungeheuer zwei auf Pfähle aufgespießte monströse Köpfe, die sich gegenseitig ins Gesicht speien, die Intoleranz. Man muss den richtigen Moment erwischen, um trocken über die Brücke zu kommen.

Manerba sollte die nächste Zwischenstation sein. Den von mir ausgesuchten Campingplatz kannte mein Navi nicht. Also gab ich eine kleinere Hausnummer ein. Es führte mich die engsten Wege entlang, bis es mich in einen kleinen Feldweg schicken wollte. Da weigerte ich mich aber und suchte den nächsten Campingplatz in Moniga. Eine gute Entscheidung. Nettes Personal, mit WLan, das aber öfters hakte und mich aus dem Internet rausschmiss. Die sanitären Einrichtungen waren wie in Limone nicht auf dem neuesten Stand. Streng genommen, waren sie sehr sanierungs-bedürftig. In 500 m Entfernung aber ein kleiner Hafen mit Restaurants und Bistro. Mit der Serviererin aus dem Bistro hatte ich mich mit meinen Italienisch-Brocken schon fast angefreundet. Leider hatte das Bistro am dritten Tag meines Aufenthaltes geschlossen und die Verbindung konnte nicht vertieft werden. Das Wasser hatte im Gegensatz zu Limone angenehme Temperatur.

25 m weiter stand nur noch ein Wohnmobil auf derselben Terrasse. Ein älteres Ehepaar aus Passau.

Wir kamen ziemlich schnell ins Gespräch.

Als ich dann nach der anstrengenden Fahrerei bei 27 Grad in meinem Liegestuhl vor mich hindöste, klang von der direkt unter dem Campingplatz liegenden Strandpromenade eine helle Frauenstimme mit dem Schreckensruf herauf: „Das Auto ist aufgebrochen!“ Schon war ich wieder hellwach.

Am nächsten Tag gab es Markt im 9 km entfernten Desenzano. Ein riesiger Markt. Viel größer als in Berlin. Und auch viel interessanter als irgendeinen Gipfel zu stürmen. Da die Temperaturen wieder bei 27 Grad lagen, war die Tour mit dem Fahrrad etwas anstrengend. Danach erst mal die Waschmaschine mit schmutziger Wäsche gefüttert (es war einiges zusammen gekommen) und ab ins Wasser.

Der folgende Tag war warm, schwül und drückend. Ich fühlte mich völlig zerschlagen und fläzte mich nach dem Frühstück erst mal in den Liegestuhl.

Nach dem mittäglichen Kaffee ging es mir dann schon wieder besser. Noch einmal nach Desenzano gefahren und ein paar Fotos gemacht, Wäsche zusammen gelegt, eine Runde schwimmen gegangen und noch ein Partie Schach mit dem älteren Herrn aus Passau gespielt. Aber er war kein starker Gegner. Hier wollte ich endlich den Rest des Lammschäufele verspeisen, dass ich mir in Erlangen habe einpacken lassen. Aber das Lamm hatte das Zeitliche gesegnet und sah schon ziemlich angefressen aus.

Inzwischen hatte sich ein hässliches Riesen-Wohnmobil mit 2 jungen tschechischen Paaren zwischen uns gestellt. Es stand direkt neben dem Passauer Wohnmobil. Als die Frau das bemerkte, rief sie ganz entrüstet: „Scheiße!“ Nach meiner Intervention rückten die Tschechen aber ein bisschen ab.

Nach freundlicher Verabschiedung von den Passauern ging es weiter in Richtung Sigurta-Park in Vallegio del Mincio, noch ein Tipp von Inge. Ein riesiger Park von 60 ha mit einer Allee mit 30.000 Rosen, 1.000.000 blühenden Tulpen im Frühling, vielen Teichen, einem Labyrinth mit 1.500 Taxuspflanzen und einer 400 Jahre alten Eiche. Am Meisten haben mir die rotblättrigen Bäume gefallen, die in der Sonne flirrten.

Es waren schon wieder 27 Grad und ich war hungrig. So war ich froh, dass ich in der Barcollo in Castelnuovo einen leckeren Mittagstisch mit einem Zitronenschnitzel und Salat und Wasser und Kaffee, alles für 8 €, bekommen habe.

Da ließ sich die Weiterfahrt nach Verona viel besser durchstehen. Dort hieß es erst mal Parkplatz suchen. Die meisten Parkplätze in der Innenstadt sind für Wohnmobile durch Höhenbegrenzungen gesperrt. Die Parkplätze auf der Straße sind natürlich alle belegt. Nach längerem Suchen fand ich dann doch einen Platz, hatte aber ein ganz schlechtes Gefühl, weil sich ein Junge auf dem Fahrrad herumtrieb, der erst mal mein WoMo inspizierte. Weiß man, ob er ein Informant ist für irgendwelche kriminelle Banden? Deshalb beschränkte sich mein Besuch in Verona auch auf eine hastig absolvierte Stunde, obwohl es eine sehenswerte Stadt ist.

In Torre di Quartesolo in der Nähe von Vicenza hatte mir mein Campingführer einen Campingplatz angezeigt. Da wollte ich hin. Mein Navi kannte aber die Straße nicht. Und so kam ich zwar zu dem Ort, aber wo war der Platz? Hier gefragt, nach Anweisung gefahren, nicht gefunden, dort gefragt, nach Anweisung gefahren, nicht gefunden usw. Und immer rum um den Pudding. Es hat bestimmt eine Stunde gedauert, bis mir ein Hausbesitzer, der gerade seinen Rasen mähte, definitive Auskunft geben konnte und ich den Platz gefunden habe. Bei den vielen Schildern, die in Italien an der Straße stehen, übersieht man leicht das Schild, was man braucht.

Es war ein moderner Campingplatz. Die sanitären Einrichtungen hervorragend, aber da landschaftlich nicht schön gelegen, nur ein Platz für eine Nacht. Gleich bei der Ankunft Kontakt mit einem englischen Pärchen bekommen, bzw. mit der Frau. Sie war lebenslustig und kontaktfreudig, er hielt sich ziemlich im Hintergrund.

Die beiden waren am nächsten Morgen auch noch gar nicht aufgestanden, als alle anderen den Platz schon verlassen hatten. Der Himmel war wolkenverhangen und es fing an zu nieseln, der im Laufe des Tages in Regen überging. Und es kam ein Temperatursturz hinzu von 27 auf höchstens schlappe 19 Grad. Das nächste Ziel war der allerletzte Campingplatz bei Punta Sabbioni, der 900 m entfernt von der Anlegestelle für die Fähre nach Venedig liegt. Gegen 14 Uhr kam ich dort an. Zu dem Regen gesellte sich die Tatsache, dass die Fähren bestreikt wurden. Also musste aus der Not die Tugend gemacht werden: Großeinkauf im Supermercati mit hervorragendem Kochschinken, Toast mit anschließendem Kaffee und Brioche bei einer freundlichen Frau, und endlich mal das Mobil von innen gesäubert. Es hatte noch den angeblichen Wüstenstaub, der sich über Bayern ausbreiten sollte, der sich aber nur als Blütenstaub entpuppte, mit über die Grenzen geschmuggelt.

Als Camping-Nachbarn hatte ich einen Bremer, der mit einem uralten Mercedes unterwegs war, der gerade die 460.000 km überschritten hatte. Der machte sich einen Spaß daraus, das verlängerte Wochenende dazu zu nutzen, 1.500 km nach Venedig und 1.500 km wieder zurück zu fahren. Er schlief in seinem PKW, frühstückte hockend auf einem kleinen Holzkistchen, war aber guter Dinge. Er fuhr sogar trotz des Regens mit Auto nach Venedig hinein.

Am nächsten Tag verzogen sich die Wolken und die Sonne kam wieder hervor. Es wurde natürlich auch gleich warm. Weil ich nicht mehr schlafen konnte, stand ich ziemlich früh auf, so dass ich noch die Fähre um 8.25 Uhr erwischte.

40 Minuten Fahrzeit und da stand ich auf dem historischen Boden der Republik Venedig, der ehemaligen See- und Wirtschaftsmacht, dessen Kolonialreich von Oberitalien bis Kreta und zeitweise bis zur Krim und nach Zypern reichte.

Im Jahre 829 wurde der Missionar Marcus, versinnbildlicht durch den geflügelten Löwen, zum Beschützer der Republik auserkoren. Da er aber vorher in Alexandria zu Tode geschleift wurde und auch dort begraben lag, klauten ihn 2 findige venezianische Kaufleute aus seiner Gruft, bedeckten ihn mit Schweinehälften und brachten ihn so durch den Zoll, weil sich die Zöllner vor dem Schweinefleisch so ekelten.

Venedig hat schon eine eigene Atmosphäre. Schmale Gassen, immer wieder von Kanälen durchkreuzt. Es wird alles auf dem Wasser transportiert, die Versorgung als auch die Entsorgung. Der Abfall wird in Plastiksäcken vor die Tür gestellt, der von ArbeiterInnen mit viereckigen Radkarren eingesammelt und dann auf kleine Kähne verladen wird.

Von den Touristen nimmt man Wahnsinnspreise. Ein Kaffee mit Brioche, wofür ich anderswo 2 € bezahlt habe, kostete hier 5 €. Venedig müsste eigentlich die reichste Stadt Italiens sein, so wie hier die Touristen abgezockt werden. Aber das Geld versickert ebenso wie die Steuern in privaten Händen. Venedig verfällt. Man braucht gar nicht so weit zu gehen. Von den Fassaden zu den Kanälen hin bröckelt der Putz, wenn er überhaupt noch vorhanden ist und nicht schon großflächig abgefallen ist.

Nach gut 4 Stunden Lauferei war ich fix und alle. Ich wusste auch nicht mehr, wo ich war. Ich wusste nur, die Anlegestelle für die Fähre war in der Nähe von San Marco. Es gab unmittelbar nur eine Möglichkeit: mit dem Wasserbus nach San Marco. So machte ich noch eine schöne Rundtour um Venedig herum mit den Außenanlagen und Hafen und kam ganz relaxed zum richtigen Ort. Wieder Toast mit Fruchtsaft und Kaffee und Strudel (hieß auch in dem Café so) für 7 € gegessen und dann erst mal ausgeruht.

Am nächsten Tag, es war Sonntag, der 17.05., warteten ca. 350 km in die Toskana auf mich. Bei der Fahrt über den Lido kam mir eine nicht enden wollende Blechlawine entgegen: die Venetianer auf dem Weg zum Strand. Dazwischen noch ein kleineres Radrennen, das man aber gemächlichen Tempos verbummelte. In meine Richtung gab es freie Fahrt.

Es war wieder heiß, bis 29 Grad zeigte das Thermometer. Hin und wieder musste ich die Klimaanlage einschalten. Trotzdem machte mir die Hitze auf Dauer zu schaffen. In den zahlreichen Tunnels sah ich manchmal weiße Mäuse. Öfters angehalten, 2-mal mit Kaffee und Brioche. Beim Tanken konnte ich sogar einem anderen Deutschen helfen, der mit dem Self-Service nicht klar kam.

Unweit von Montecatini Terme, wo ich mich mit meiner langjährigen Freundin Geli treffen wollte, hatte mir der Campingführer einen einzigen Campingplatz angeboten. Schön gelegen, mit persönlichem Waschraum und Schwimmbad, dafür natürlich 27 € pro Nacht. Aber hin und wieder kann man auch etwas Komfort gebrauchen. Die Chefin ist Holländerin, führt den Laden mit harter Hand.

Wie die Zeit vergeht mit Wäsche waschen, schwimmen, essen, Fotos überspielen, Bericht schreiben usw. usf. Guck‘ ich auf die Uhr, ist 22.37 Uhr. Guck‘ ich nächste Mal auf die Uhr, ist 7.30 Uhr. Der Morgen verspricht, wieder ein heißer Tag zu werden.

Montecatini Terme, eines der größten und berühmtesten Heilbäder Italiens, soll ein hübsches Städtchen im Jugendstil sein, wurde mir von meinen Nachbarn gesagt, einem äußerst redseligen, aber sehr netten Ehepaar aus Hamm, ehemalige Amateurtänzer in der höchsten Klasse. Auch politisch waren sie in Ordnung. Vor allen Dingen die Frau. Ist gegen TTIP und gegen die Privatisierung von Wasser. Sie sind schon weit in der Welt herumgekommen und erzählen auch gern davon und von ihrem Stückchen Land und der letzten Überschwemmung an der Lippe, wobei ihr Keller voll gelaufen ist.

Bei der Chefin Busfahrkarten gekauft. Die hat es aber gar nicht gebraucht. Der Busfahrer wollte die gar nicht sehen.

Die Stadt selber hat mich nicht so vom Hocker gerissen. Deshalb beschloss ich, mit der Funicolare (Seilbahn) aus dem Jahre 1898 nach Montecatini Alto hochzufahren. Das sah von unten ziemlich imposant und mittelalterlich aus. So war es auch. Viel interessanter als unten die Terme. Die Kirche war Santa Barbara geweiht. Das ist die Schutzpatronin von Feuerwehr und Schifffahrt, aber auch von der Armee. Unmittelbar an der Kirche standen neben einer Löschpumpe ein altes Artilleriegeschütz herum und 2 Granaten. O herrliche Einigkeit zwischen Kirche und Zerstörung!

Von Montecatini Alto bin ich zum Campingplatz zurückgelaufen. Vielleicht 2 km. Die Sonne brannte: 30 Grad. Auf halber Strecke lag noch ein Friedhof. Die meisten Gräber hatten eine Fotografie von der oder dem Verstorbenen dabei.

Vor dem Schwimmen musste aber noch ein Schwätzchen mit dem Ehepaar aus Hamm gehalten werden.

Abends dann zum Treffen mit der kleinen Geli und ihrer Freundin Marlies. Sie warteten schon auf mich. Sie mussten aber etwas länger warten, weil ich ganz selbstherrlich dachte, dass ich das auch ohne Navi schaffe. Bin ja schließlich morgens mit dem Bus reingefahren. Tja, einmal falsch abgebogen und schon war ich im Würgegriff der Einbahnstraßen. Einmal saß ich so tief in der Sackgasse, dass ich nur unter größten Mühen wieder rausgekommen bin. Nach einem großen Bogen um Montecatini herum kam ich mit Verspätung an. Wir setzten uns so hin, dass ich das Auto immer im Blick hatte. Es kursieren nämlich die schönsten Horrorgeschichten über das Ausrauben von Campingfahrzeugen. Es sollen sogar Banden unterwegs sein, die nachts die schlafenden Camper mit Gas betäuben und dann in aller Seelenruhe die Mobile ausräumen.

Es wurde noch ein netter Abend. Die beiden waren aber ziemlich geschafft. Sie waren am Tag vorher mit Flug und Busfahrt zum Hotel erst um 19 Uhr angekommen und waren an dem Tag unseres Treffens bis 20 Uhr mit dem Bus unterwegs. Am nächsten Tag sollte es früh um 7.30 Uhr schon zur Insel Elba gehen. Und das mit Geli, die sonst bis um 11.30 Uhr nicht ansprechbar ist.

Als ich so gegen 23.15 Uhr zum Campingplatz kam, war das Tor geschlossen. Ich hatte aber einen Schlüssel für einen abgesperrten Ausweichplatz. Als ich dort auf abschüssigem Gelände manövrierte, piepten alle Abstandsmelder. Ich stieg aus, um zu gucken, vergaß aber den Gang rauszunehmen und so fingen 3,5 to an zu rollen. Das hält auch Herkules nicht auf. Gott sei Dank habe ich schnell geschaltet, mich ins Fahrerhaus geworfen und die Handbremse angezogen. Sonst hätte ich die erste größere Karambolage auf der Tour gehabt.

Der nächste Tag war ein fauler Tag. Nichts gemacht außer gelesen und ein paar Runden im Schwimmbecken geschwommen. Die Nachbarin kam wieder rüber, brachte selbst angebaute Rote Beete mit (der alleinreisende Mann musste ja ein bisschen bemuttert werden) und gab noch ein paar Geschichten aus der sportlichen Familie zum Besten und ihr Mann gab mir den Rat, Pistoia zu besuchen.

Das habe ich dann am nächsten Tag, dem 20.05., nach herzlicher Verabschiedung, auch gemacht. Wolken hingen tief und hin und wieder fing es an zu tröpfeln. Allerdings ist von der alten Pracht von Pistoia nicht mehr viel zu sehen. Der Ort soll nur deshalb erwähnt werden, weil hier eine Auseinandersetzung ihren Anfang nahm, die fast die ganze Toskana erfasste und sehr blutig ausgetragen wurde: Bei dem Streit um die Leitung des Krankenhauses St. Gregor zerstritten sich zwei Adelsfamilien, die Panciatichi und die Cancellieri. Der Kampf dauerte beinahe 3 Jahrhunderte von 1499 bis 1502 und war begleitet von Mord und Totschlag, Enthauptungen, Brandschatzung und Verwüstung von Stadt und Land. Der Kampf um die Pfründe einer Adelsfamilie kennt halt keine Gnade. Eine Stunde reichte völlig aus, um einen Eindruck vom zerfallenden Pistoia zu bekommen.

Danach ging es weiter nach San Gimignano. Das ist mit seinen alten Häusern, Gemäuern und Geschlechtertürmen wiederum eine Touristenattraktion. Wieder wurden Massen von Leuten durch den Ort geschleust. Geli war am vorhergehenden Tag schon dort und empfahl mir, ein Eis beim besten Eishersteller der Welt zu kosten. Es war aber ziemlich kühl und ich zu leicht angezogen. Deshalb wurde nichts aus dem Eis, zumal auch eine lange Schlange vor dem Laden stand.

Weil mir immer kühler wurde, beeilte ich mich, wieder zu meinem warmen Mobil zurückzukehren. Kaum war ich angekommen, fing es an, zu regnen.

Und so saß ich dann in meinem Fahrzeug, überspielte die Fotos auf meinen Laptop, tippte meinen Bericht und war mit mir und der Welt zufrieden. Manchmal nickte ich auch ein dabei.

Da ich die kalte Küche satt hatte und ich auch unbedingt einige Kalorien brauchte, ging ich in das dem Campingplatz angeschlossene Restaurant. Außer Pizzen gab es nur noch das toskanische Gericht Pollo alla cacciatora, geschmorte Hähnchenteile. Hat ja nicht schlecht geschmeckt, aber mit Salat und Bier und Vorbrot hat mich der ganze Spaß 26 € gekostet. Kann ich so oft nicht wiederholen, sonst ist das Geld schon vor den geplanten 3 Monaten weg. Ist sowieso ziemlich teuer, auf diese Art und Weise unterwegs zu sein. Der Diesel, obwohl ich jetzt nicht mehr schneller als 100 km/h fahre und der Benzinverbrauch zwischen 9 und 10 l pro 100 km liegt, geht ganz schön ins Geld. In Italien kostet der Liter Diesel zwischen 1,41 € und 1,50 €. Dann kommt noch die Übernachtung auf dem Campingplatz dazu. Der billigste Platz bis jetzt war 15,50 €. Der teuerste jener Platz in Montecatini für 27 €.

Es gab wieder ein herrliches Abendrot. Aber es wurde kühler und kühler. Ich musste sogar die Heizung anwerfen und das in Italien. Nachts fing das Hühnerauge, das ich mir in Venedig beim vielen Laufen zugelegt hatte, an zu schmerzen. Und zwar immer in Wellen. Der Schmerz schwoll an und wieder ab. Da es nicht aufhören wollte, schmiss ich mir dann doch eine halbe Schmerztablette ein. So konnte ich wenigstens ruhig schlafen.

Der nächste Morgen wartete gleich mit 2 unangenehmen Überraschungen auf. Es hatte in der Nacht geregnet. Und der Baum, unter dem ich stand, hatte gleichzeitig seine Blüten auf das Auto herabregnen lassen. Und das waren nicht wenige. Erstens hakten die sich fest und zweitens verstreuten sie ihren ganzen Staub über mein schönes Auto. Es war sozusagen eine schmierige Masse, die sich auf dem Blech breit machte. Ich fragte meinen österreichischen Nachbarn nach einem Handbesen. Ach so, sagte der: Einen Bartwisch? Aha! Nach der Befreiung des Autos von den Blütenständen versetzte ich das Auto zum Frühstück an eine andere Stelle.

Nach Legen meines Morgenei bekam ich die Klo-Tür nicht mehr auf. Ich versuchte mit aller Kraft das Schloss zu bewegen. Nichts rührte sich. Ich fluchte Zeter und Mordio. Erst nach vielen Versuchen mit Ziehen und Drücken gab das Schloss nach.

Auf dem Weg nach Siena fing es erst an zu regnen, dann kam der Wolkenbruch. Danach war mein Auto wieder fast sauber.

Der Campingplatz von Siena liegt 2,5 km vom Ort entfernt, aber die Steigung hat es ganz schön in sich. Trotzdem das Fahrrad vom Träger abgeschnallt und nach Siena reingefahren. Dabei richte ich mich nie nach der Karte, sondern immer nach meinem Instinkt. Das Zentrum habe ich dann auch schnell gefunden und die hauptsächlichen Sehenswürdigkeiten auch, den Campo und den Duomo mit der großen Piazza davor, wo ich mir mithilfe eines des Italienischen mächtigen Deutschen Hühneraugenpflaster besorgte.

Auch hier wieder viele Asiatinnen, die fotografieren wie die Weltmeister, am liebsten sich selber, und das vorzugsweise mit Selfie-Stick. Ich habe in Verona ein asiatisches Pärchen gesehen, die sich selbst vor jedem erdenklichen Hintergrund fotografiert haben. Muss man sich mal vorstellen, auf jedem Bild immer dieselben grinsenden Gesichter im Vordergrund: Grauslich!

Dann habe ich mich in die Seitengassen geschlagen und bin zu Stellen gelangt, wo nicht so viel Touristen hinkommen. An einer Terrasse mit schöner Aussicht auf einen Teil von Siena traf ich Igor, einen Franzosen. Er sprach, untypisch für einen Franzosen, mehrere Sprachen: deutsch, englisch, portugiesisch. Er war eine Art verbummelter Student, der schon in vielen Ländern war. Auch in Deutschland wollte er noch studieren.

Spätestens an dieser Stelle wusste ich nicht mehr, wo ich war. Ich fuhr eine Straße mit schönem Gefälle hinunter, von der ich annahm, dass sie richtig war. War sie aber nicht. Ich musste dieselbe Straße, die sich jetzt in eine schöne Steigung verwandelte, wieder hinauf. Ich fragte also wieder Fräulein. Diesmal war es wohl das falsche Fräulein. Obwohl ich ihr auf der Karte zeigte, wo ich hinwollte, war die Verständigung äußerst schwierig. Nach langem Hin und Her konnten wir uns dann doch auf eine Richtung einigen. Ich musste fast die Hälfte von Siena umrunden, so weit war ich abgetrieben. Die Steigungen bei der Umrundung waren nicht soo schlimm. Erst die Strecke zum Campingplatz hoch war dann so steil, dass ich absteigen musste. Als ich wieder aufstieg, war die Belastung beim Anfahren so groß, dass das Hinterrad blockierte. Die Kette war abgesprungen und das Hinterrad saß schief in den Angeln. Mit einiger Mühe bekam ich das Rad wieder so hin, dass ich es zumindest schieben konnte. Gott sei Dank war der Campingplatz nicht mehr weit.

Diese kleineren Touristenorte in der Toskana machen einen toten Eindruck. Die Leute leben zwischen ihren alten Steinen in der Vergangenheit und konservieren diese nur für die Touristen.

Siena verabschiedete mich mit Regen und 10 Grad Celsius.

Pisa begrüßte mich mit Regen und 16 Grad Celsius. Bis jetzt hatte ich großes Glück mit dem Wetter. Bei den Ortsbesichtigungen war es entweder warm bis heiß oder es war zumindest trocken.

In Pisa verließ mich das Glück. Es nieselte nach der Besichtigung von Dom und schiefem Turm dauernd vor sich hin. Überall standen Schwarze herum und versuchten situationsgerecht Ombrellos, also Schirme an den Mann oder die Frau zu bringen. So mancher Schirm landete bald darauf im Mülleimer.

Auch hier wieder viele Asiaten unterwegs, die mit ihren Selfie-Sticks in der Gegend herumfuchteln. Viele ließen sich dabei fotografieren, wie sie versuchten, den schiefen Turm abzustützen.

Der Campingplatz war nicht weit vom Zentrum entfernt, was nicht oft vorkommt. Meistens sind die Plätze irgendwo in der Walachei. Hier funktionierte der Zugang zum Internet ohne Probleme und war auch nicht so langsam, wie oft erlebt.

Anno 1409 fand in Pisa ein Kirchenkonzil statt, das (welch revolutionärer Akt der Emanzipation in der katholischen Kirche) nicht vom Papst, sondern vom Kardinalskollegium einberufen wurde. Es gab zu jener Zeit nämlich 2 Päpste, einer in Rom und der andere in Avignon. Und jeder nahm für sich in Anspruch, der rechtmäßige Papst zu sein. Diese Zeit wird Abendländisches Schisma genannt. Das Konzil setzte die beiden Streithähne ab (noch ein revolutionärer Akt) und wählten einen dritten zum Papst. Da die beiden Anderen nicht auf ihre Ansprüche verzichten wollten, gab es jetzt 3 Päpste. Der Einfluss der beiden Ersteren ging nach dem Konzil dramatisch zurück. Aber erst 1417 gab es wieder einen von allen interessierten Seiten anerkannten Papst.

Anderntags wollte ich an der toskanischen + levantinischen Küste entlang und mal ohne Navi und ohne Autobahngebühr auskommen, hat aber nicht ganz geklappt. Aus Pisa raus in die richtige Richtung hätte ich ohne Navi gar nicht geschafft und das ging natürlich gleich über die Autobahn. Bei Forte die Marmi bin ich dann auf die Küstenstraße abgebogen. Vornehme Touristengegend, kilometerlanger Strand mit Hotels, Strandhäusern und Bademöglichkeiten. Nichts für mich.

Durch die Fahrt auf der Küstenstraße habe ich aber weit oben ein Bergdorf mit Burg entdeckt: Trebiano. Eine schmale gewundene Straße führte hoch. Der kleine Parkplatz am Eingang des Ortes war belegt. Wollte mich auf den Behindertenparkplatz stellen. Eine Frau erklärte mir wortreich auf italienisch, dass mein Automobil zu groß sei, um hier stehen zu können. Also wieder 100 m zurück zu einem anderen kleinen Parkplatz. Die Wege in dem Ort bestanden meist nur aus Treppen und engen Gässchen, aber wunderhübsch mit einer schönen Aussicht. Ein Italiener erklärte mir, dass man am Tag vorher bis Korsika gucken konnte.

Auf La Spezia zu wurde es gebirgig und die richtigen Wege schwer zu finden. Also wieder das Navi angeschmissen und rauf auf die Autobahn. Es war doch die richtige Entscheidung, wie ich dann feststellen musste. In La Spezia hätte ich mich wahrscheinlich hoffnungslos verworren und die Landstraßen durch das Gebirge wären bestimmt auch nicht ohne Probleme gewesen. So ließ ich mich zum nächsten Campingplatz an der levantinischen Küste in Chiavari leiten. Der Platz ist ziemlich beschissen: Der Boden sandig (den findet man dann auch im Auto wieder), 4 Klos gibt es für den ganzen Platz, davon bestehen 2 nur aus Löchern im Boden, warmes Wasser gibt es über Photovoltaik, also abends keins mehr, für’s Duschen muss man extra bezahlen und morgens stinkt es wie aus dem Gully. Der Strand besteht aus grauem schmutzigem Kies, der zusätzlich auch noch laut beschallt wird. Hinter dem Platz fährt die Bahn vorbei. Und dafür ruft der Chef stolze 25 € auf.

Dafür ist die Stadt umso schöner. Enge Gassen mit Arkadengängen mit Mustern im Boden an beiden Seiten. In den Arkaden viele kleine Geschäfte. Hier ist endlich italienisches Flair und Leben, was ich in den Museumsstädten in der Toskana vermisst habe. Wenn das Wetter und der Platz nicht so beschissen wären, hätte man es hier noch länger aushalten können.

Die levantinische Küste ist wunderschön.

Reiche Pflanzenwelt, verspielte Häuser und Villen im Rokokostil, aber nichts für Wohnmobile. Ich habe auch kein einziges dort gesehen. Die Straßen sind noch enger als am Gardasee, die Felsen hängen auf die Straße über. Wieder Blut und Wasser geschwitzt. Um Aufnahmen zu machen, stellte ich mich auf den einzigen freien Platz vor ein Hotel. Ich stand bestimmt nicht länger als 5 Minuten dort. Aber schon hatte ich den Portier auf dem Hals, der äußerst erregt mir klar zu machen versuchte, dass ich da nicht stehen dürfte und dass ich dafür ins Gefängnis kommen könnte. In Touristengebieten reagieren die Leute, die davon profitieren, ganz anders, als z.B. in Salò.

5 km vor Portofino fand ich eine Lücke auf einem Parkplatz. Und dann entschied ich mich, die letzten 5 km nach Portofino auch noch mit dem Auto zu fahren. Man macht nicht immer alles richtig. Die Straßen wurden noch enger, so dass manchmal keine 2 Autos nebeneinander passten. Und ich mit dem fetten Wohnmobil dazwischen. Uaaah! Direkt vor Portofino gibt es zwar einen größeren Parkplatz, aber der ist für Wohnmobile gesperrt. Eine Polizistin sagte mir freundlich, aber bestimmt, dass ich umkehren müsste. Also wieder die horrible Straße zurück. Auf dem Parkplatz, wo ich kurz davor gestanden hatte, war kein Platz mehr frei. Tja, da kann man machen nix außer weiter fahren. Wieder rauf auf die Autobahn mit Gebühr (Mann, ist das Autofahren hier teuer) und nach Albenga zu einem Campingplatz, der zumindest nach der Beschreibung nicht so schlecht zu sein schien. War er auch nicht. Mattendächer schützen vor der Sonne, ausreichend Waschgelegenheiten und Klos. Allerdings muss hier auch fürs Duschen 50 Cent extra bezahlt werden, wobei das Wasser abends nur noch lauwarm ist. Ansonsten ist warmes Wasser auch hier Mangelware. Was waren das für herrliche Zeiten am Gardasee und in Montecatini, wo alles inklusive war und es tatsächlich warmes Wasser gab. Der Strand ist allerdings schöner, es gibt sogar campingplatzeigene Liegestühle. Einmal kurz schwimmen gegangen. Die Temperatur des Mittelmeeres lag so zwischen kalt und ganz kalt.

Auf diesem Platz gibt es viele Dauercamper. Und ich stand dazwischen. Montag morgens war es wie ausgestorben. Nur eine Frauenreisegruppe aus irgendeinem unverständlichen Land, die sich auch nicht ansprechen ließ, stapfte mit ihren Habseligkeiten zum Reisebus. Die Innenstadt von Albenga, der altrömischen Siedlung Albium Ingaunum aus dem 2. Jhd. vor unserer Zeitrechnung, ist ganz hübsch. Natürlich wieder viele alte Steine.

Am Tag waren die Temperaturen noch angenehm. Abends zogen Wolken auf, die sich am frühen Morgen auf den Campingplatz ergossen. Schnell raus und den Stuhl ins Trockene geholt. Aber nach Regen kommt Sonnenschein. Und es wurde nach der kühlen Dusche schön warm. Ich fuhr an der ligurischen Küste entlang, nach einem letzten Platz in Italien Ausschau haltend. In Porto Mauritio gleich hinter Imperia wurde ich fündig. Die Stadt machte mir einen interessanten Eindruck, der sich auch bestätigte. Der wie üblich alles überragende Dom, frisch renoviert, sah ziemlich protzig aus. Gleich nebenan gab es noch ligurische Gassen, enge mit Steinbögen überdachte Schluchten. Etwas abseits der Touristenhochburgen waren die Preise auch wieder zivil.

Gleich nach mir kamen 2 Ehepaare auf den Campingplatz, das eine aus Siegen, das andere aus dem Lahn-Dill-Kreis (LDK), also aus derselben Gegend. Sie waren wie ich in Albenga losgefahren, waren mir sozusagen gefolgt. Endlich konnte man wieder soziale Kontakte pflegen, der dann auch ziemlich intensiv wurde. Ich hatte mich nämlich beim Fotografieren eines rotblühenden Kaktus zu nah an ihn herangewagt. Die Folge waren eine Unmenge feiner kurzer Stacheln in der Schulter und im Polo-Shirt. Kurzerhand bat ich die Frau aus Siegen, mir die Stacheln mit einer Pinzette zu entfernen. Das hat bestimmt eine halbe Stunde gedauert, aber sie hat es sehr gründlich gemacht. Es stellten sich jedenfalls keine Beschwerden ein. Noch eine halbe Stunde ging für die Reinigung des Polo-Shirts drauf. Als Dank habe ich ihr eine Flasche Prosecco überreicht. Abends haben die 2 Ehepaare noch bis spät in die Nacht gebechert und sich ziemlich laut unterhalten. Das habe ich sogar noch trotz Ohrstöpseln gehört. Da ich nicht einschlafen konnte, musste ich immer wieder zum Buch greifen. Ich bin aber trotzdem schon um 7 Uhr aufgewacht und habe mich vernehmlich mit meiner lauten Schiebetür revanchiert. Dann ging es wegen des Verkehrs ziemlich schleppend immer an der Mittelmeerküste entlang bis zur französischen Grenze. Ich wurde von den Grenzbeamten rausgewunken, was mich natürlich sehr verwunderte. Der Beamte warf nur einen kurzen Blick in das Wohnmobil, wahrscheinlich waren sie auf der Suche nach illegalen Flüchtlingen.

All die Orte für die Reichen und Schönen: Monaco, Nizza, und Antibes habe ich nur kurz gestreift und die Millionärs-Yachten im wahrsten Sinne links liegen gelassen. Bei Grasse habe ich Unterschlupf in einem Campingplatz gefunden mit Swimmingpool, in dem ich erst mal ein paar Runden gedreht habe. Wunderbar! Ein österreichisches Ehepaar empfahl mir das Bergdorf St. Paul de Var.

Auf dem Weg dorthin bemerkte ich ein anderes Bergdorf: Mougins, okkupiert von vielen Künstlern. Eine Kunstgalerie reiht sich an die andere. Pablo Picasso hat hier die letzten 12 Jahre seines Lebens verbracht. Die Skulpturen und die Malereien, die dort herumstehen und -hängen, sagten mir Kunstbanausen aber nichts.

Für die durchgestandene letzte Nacht war ich bemerkenswert frisch. Mein Standplatz war am Rande des Campingplatzes, als Sichtschutz gab es undurchdringliches Buschwerk. Tja, und dahinter muss wohl eine Fabrik gewesen sein, denn es wurde die ganze Nacht laut und vernehmlich gearbeitet. Was genau, erschloss sich mir nicht. Trotz Ohrstöpsel war es der reinste Horror, bis ich am frühen Morgen auf die Idee kam, die Fenster zu schließen. Das bringt doch eine ganze Menge, sollte man gar nicht meinen. Aber da war es zu spät, bzw. zu früh. Die Morgenhelle schlich sich durch alle Spalten in mein Gefährt. Statt 18 € habe ich dann nur 10 € bezahlt.

Und dann ging es ohne Rast und Ruh ins Zentralmassiv. Das Ziel war der Grand Canyon de Verdon. Der war mir ebenfalls empfohlen worden. Und das war ein guter Tipp. Ich musste immer wieder anhalten, um Fotos zu schießen. Ich habe mich eher zufällig für einen wunderschön gelegenen Campingplatz bei Castellane entschieden. Mit dem hinteren Teil grenzt er an den Fluss Verdon an.

Mervellieux. Abends hat mir eine holländische Frau ein Stück Fisch angeboten. Wahrscheinlich, weil ich so ausgehungert ausgesehen habe. Danach versuchte ich ihrem Mann zu helfen, mit seinem Android-Tablet ins Internet reinzukommen. Vergeblich! Bei Android brauche ich selber noch Nachhilfestunden.

Gegenüber stand eine südamerikanisch-schwäbische Verbindung. Ihr Vater war auch dabei und 2 quietschende, aber sonst reizende Kinder. Der männliche Teil dieser Verbindung hat mit den Kindern nur deutsch gesprochen (ob es seine waren, ist nicht gewiss) und mit der Frau spanisch, ein ziemlich hölzernes, deutsches Spanisch. Vor allem die Kleine hat ziemlich oft gequietscht. Abends beim Schlafengehen und morgens wieder. Aber da war es schon neun. Das lange Schlafen brauchte ich auch aufgrund der vorhergehenden Nacht. Ich hatte mir sowieso nichts Konkretes vorgenommen.

Spontan habe ich mich dann zu einer kleinen Fahrradtour entschlossen, 5 km auf der Autostraße in die Schlucht des Verdon hinein. Wunderschön. Dann in Castellane einen Kaffee mit Apfelkuchen und bald darauf eins der seltenen Mittagsmahle, eine Plat du Jour (Tagesmenue). Aber das brauchte ich auch. Meist hatte ich mittags nur ein Sandwich oder so etwas gegessen. Das war aber zu wenig Energiezufuhr.

Nachmittags habe ich nur faul im Campingstuhl gesessen und gelesen, und mir dabei die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ich bin dabei noch nicht einmal eingeschlafen.

Abends einen Versuch unternommen, mit Malle zu skypen. Hat auch geklappt, aber da er über das Handy geskypt hat, war die Qualität nicht so gut. Außerdem wurden wir abrupt unterbrochen, weil die 30 Freiminuten vorbei waren.

Am nächsten Tag wieder früh aufgestanden. Es war bitter kalt. Ich musste wieder mal die Heizung aufdrehen. Am Tage sind die Temperaturen in dieser Höhe (über 1.000 m) sehr angenehm, vorausgesetzt, die Sonne scheint. Aber nachts kühlt es ganz schön ab. Ich zog mir noch zusätzlich einen Pullover an. Ein anderer spazierte mit nacktem Oberkörper durch die Gegend.

Es passte gut, das Chemieklo war pünktlich zur Abfahrt voll geworden. Und dann erst mal das Auto gewaschen. Dabei habe ich die Beule entdeckt. Es war genau der Abdruck meines Fahrradlenkers. Keine Ahnung, wann das passiert ist. Wie, ist klar. Beim Rückwärtsfahren irgendwo gegengefahren, dass sich das ganze Fahrrad verbogen hat und der Lenker das Blech verformt hat.

Dann ging es immer weiter in den Canyon des Verdon hinein, bis zum Balcons de la Mesclas. Aus 1.198 m Höhe schaut man auf den tief unten fließenden Verdon und die umgebende Felslandschaft. Kollossal.

Weiter ging es durch die Alpes-de-Haute-Provence bis zum Lac-de-Sainte-Croix. Der Campinglatz hatte noch nicht geöffnet. Die Mittagspause bei den Franzosen ist meist ziemlich lang. Ich schaute mir die Badestelle an. Das haute mich nicht vom Hocker.

Also beschloss ich weiter zu fahren in Richtung Val de l’Arre. Es stellte sich bald heraus, dass ich die 240 km bei den Straßenverhältnissen nicht mehr schaffe. Also fuhr ich in die tiefste Provence, nach St Saturnin les Apt. Die Beschilderung war wieder schlecht und das Navi wieder mal nicht hilfreich. Und so kurvte ich zum wiederholten Male um den Pudding. Erst nach mehrmaligem Fragen fand ich den Platz. Nichts Besonderes, dafür teuer. Fast 22 € für einen Standplatz mit Schatten und Duschgelegenheit. 4-5 Waschbecken im Gemeinschaftswaschraum und keine Möglichkeit, Handtücher etc. aufzuhängen. Aber schön warm war es wieder im flachen Land. Bis 21 Uhr konnte ich noch mit Badehose sitzen.

Früh aufgestanden, so dass ich schon um 8.30 Uhr losfahren konnte. Das Navi wollte mich mal wieder auf die zu bezahlende Autobahn locken. Habe ich aber strikt angelehnt und ihm eine Route abgeluchst auf kleinen Straßen mitten durch die Provence.

Die Landschaft war das nächste Highlight.

Es war Sonntag, der 31. Mai. Alle Geschäfte hatten dicht. Wenn man unterwegs ist, denkt man nicht daran, dass es ja auch noch freie Tage für die Malocher gibt. Die Vorräte gingen so langsam zur Neige. Doch irgendwann sah ich ein Gewimmel von Autos, ein Einkaufszentrum rund um einen geöffneten Supermarché. Halleluja! Das Notwendigste konnte ich einkaufen.

Mit dem Navi ist es so eine Sache. Bis kurz vor dem Ziel führt es die tollsten Abkürzungen, aber dann fängt es an zu spinnen und schickt einen irgendwo in die Walachei. Superenge Straßen, wo man große Mühe hat, wieder umzukehren. Manchmal bin ich noch drauf reingefallen und musste Lehrgeld zahlen, d.h. im Schweiße meines Angesichtes kurbeln und kurbeln. Dieses Mal auch wieder: 14 km vor Le Vigan schickt es mich in ein altes Dorf, wo die Straßen immer enger wurden. Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Die Hinweisschilder für den Campingplatz zeigten in eine ganz andere Richtung als es das Navi wollte.

Und so bin ich nicht das erste Mal gegen das Navi gut am Campingplatz angekommen, habe gleich ein paar Runden im Schwimmbecken gedreht und mal wieder Wäsche gewaschen. Außerdem habe ich noch mit Werner und mit Antje und Dieter geskypt. Ich war rechtschaffen müde. Der Tag war lang und mir fielen die Augen zu.

Oha, bin um 09.30 Uhr aus dem Bett gefallen. Wenn man halt nichts Besonderes vor hat!

Es gibt ihn noch, den 70-jährigen Bäcker, der jeden Tag früh aufsteht und wahrscheinlich ohne Mitarbeiter ein gutes Brot backt und dann auch noch selbst und sehr preiswert verkauft. Seine alte Registrierkasse hat schon lange nichts mehr registriert. Nach der Besichtigung von Le Vigan (klein und übersichtlich) im Snack Shop des Campingplatzes 2 Hähnchenkeulen mit Fritten gegessen. War gar nicht so schlecht.

Wieder ein paar Runden im Schwimmbecken gedreht. Dort war ich ganz allein. Obwohl der Campingplatz wirklich schön gelegen ist und die sanitären Einrichtungen astrein sind, war hier im Gegensatz zu dem miserablen Platz in Apt nicht viel los. Die paar Camper verloren sich auf dem großen Platz.

Das Mädchen für alles an der Rezeption, Küchenhelferin usw., eine große, schlanke, lustige Frau wollte es gar nicht richtig wahr haben, dass ich den schönen Platz schon nach 2 Tagen wieder verlassen wollte. Aber Carcassonne lockte. Carcassonne, wo ich 1998 mit Geli auf einem gemieteten Hausboot gewesen bin, wobei ich mir gleich am ersten Tag 3 Rippen angebrochen habe. Carcassonne, wo sozusagen die Idee erst für das Hausboot, später für das Wohnmobil entstanden ist. Carcassonne mit einer großen, schönen, gut erhaltenen Burg.

Wieder wolle mich das Navi über die Autobahn schicken. Aber stur bin ich quer durch Haute-Languedoc gefahren. Auch eine schöne Landschaft, nicht so schroff, wie das Zentralgebirge, lieblich hügelig. Auf der Autobahn hätte ich die netten kleinen Ortschaften nicht gesehen.

50 km vor Carcassonne fing es dann an, uninteressant zu werden. Außerdem wurde es heiß: 30 Grad. Das Hemd klebte am Körper. Jetzt blieb doch nichts mehr anderes übrig, als die Kühlung anzuwerfen.

An dem Tag bin ich das erste Mal nach Koordinaten gefahren. Hat sogar geklappt. Auf dem Campingplatz parzellierte, durch Hecken abgetrennte Stellplätze, dass man vom Nachbarn ja nichts mitkriegt. Wiederum Holländer als Nachbarn. Wusste gar nicht, dass es so viele davon gibt.

Gleich nach dem Ankommen, es war schon später Nachmittag, mit dem Fahrrad auf dem Weg an einem Flüsschen entlang in die Stadt gefahren. War nicht so weit. Die Burg lag gleich rechter Hand und links ging es über eine Brücke in die Stadt.

Habe sogar den Hafen gefunden, wo ich mit Geli damals gelegen haben muss, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern.

Bin die Stadt rauf und runter und wusste dann nicht mehr, wie ich zum Campingplatz zurück komme. Gefragt, „A droit“ immer geradeaus. Ich landete irgendwo, aber nicht am Platz. Große Schleife gedreht, bis ich dann irgendwann wieder an der Brücke war. Aber so richtig wusste ich auch nicht, wie es dann weiter ging. Mein ehemals gutes Ortsgedächtnis hatte mich verlassen.

Für den nächsten Tag waren 31 Grad angekündigt. Also wieder früh aufgestanden. Es war feucht durch das Flüsschen und die vielen Hecken. Zuerst der obligatorische Gang auf die Burg. Am Burgtor kam mir eine asiatische Motorradgang entgegen, die ihre schweren Maschinen rücksichtslos durch die Menge fuhren. Die schienen sie aber nur ausgeliehen und auch nicht so viel Übung zu haben, denn der vorletzte fuhr langsam und unsicher durch die Kurve und rrrumms lag die Karre auf dem Boden.

Gleich neben der Burg gibt es einen interessanten Friedhof. Die Gräber liegen dicht an dicht. Viele davon sind auch hier wie in Italien mit Fotos der Verstorbenen versehen.

Gegen 1 Uhr wurde es mir zu heiß und ich flüchtete auf den Campingplatz, wo ich erst mal den mitgebrachten Kuchen verdrückte und dann eine Runde Liegestuhl. Etwas anderes konnte man in der Hitze nicht machen.

Um 16 Uhr erwachten die Lebensgeister wieder. Der holländische Nachbar gab mir einen Plan, auf dem die Burgen der Katharer eingezeichnet waren. Manchmal sind die Holländer doch zu etwas zu gebrauchen.

Carcassonne war ein Zentrum der Katharer. Die „guten Christen“ oder die „Freunde Gottes“, wie sie sich selbst nannten, war eine Gegenkirche, die im Süden Frankreichs, dem damaligen Okzitanien, großen Zuspruch fand. Ihr Ziel waren Armut, Bescheidenheit und Enthaltsamkeit (auch in der Sexualität). Diese Kirche wurde vom örtlichen Adel unterstützt und hatte großen Einfluss in der Bevölkerung. Auch weil sie ihren Schäflein keinen Zehnten auferlegten, wie es die römisch-katholische Kirche tat. Die Anzahl der Anhänger der katharischen Kirche wird auf mehrere Hunderttausend geschätzt. Sie waren damit eine echte Gefahr für die Päpste in Rom, die beseitigt werden musste. Also rief Papst Innozenz III. den Albigenserkreuzzug aus. Den teilnehmenden Kreuzfahrern wurde die Vergebung der Sünden in Aussicht gestellt. Die eroberten Gebiete sollten vom Papst an adelige Kreuzzugsteilnehmer als Lehen neu vergeben werden. Das zog natürlich mehr als die Vergebung der Sünden. Gleich zu Beginn des Kreuzzuges im Jahre 1209 wurde Béziers erobert. Die Stadt wurde in Brand gesteckt, eingeäschert sowie praktisch die gesamte Bevölkerung von ca. 20.000 Menschen, auch Katholiken, in einem Massaker getötet. Es folgten weitere Massaker und Verwüstungen. Der Kreuzzug endete im Jahre 1229 mit der Eingliederung des bis dahin eigenständigen Okzitaniens in das Königreich Frankreich.

Und was der Kreuzzug nicht geschafft hatte, die vollständige Ausrottung der ketzerischen Kirche und ihrer Anhänger, das setzte die päpstliche Inquisition fort. Die Katharer zogen sich auf ihre uneinnehmbar scheinenden Festungen zurück. Aber eine nach der anderen fiel. Montségur kapitulierte 1244. 200 Katharer wurden in den Palisaden verbrannt. 1255 musste auch die letzte Festung Quéribus kapitulieren.

Am nächsten Tag führten mich schmale Straßen durch das Land der Katharer. Das Land steinig, unfruchtbar. Jeder Quadratmeter Ackerboden in zäher Arbeit dem Land entrungen. In erster Linie wird Wein angebaut. Kein Wunder, dass die Katharer mit dem verschwenderischen Leben der Päpste in Rom nicht einverstanden waren, wo sie selbst so hart arbeiten und leben mussten.

Ich hatte verschiedene zu besichtigende Burgen zur Auswahl.

Ich entschloss mich für die 800 m hoch gelegene Burg Peyrepertuse (auch ein Tipp vom Holländer). Mit 7.000 qm die größte französische Festungsanlage der Katharer. Ich glaube, es war die richtige Entscheidung. Der Aufstieg war hart und mühsam. Stufen gab es kaum. Es ging meist über Felsen. Wieder waren um die 31 Grad. Aber das weckt den sportlichen Ehrgeiz.

Vom Donjon (Wohn- und Wehrturm), dem höchsten Punkt, hatte man einen überwältigenden Blick auf die mächtige Burganlage und die Umgebung.

Schwer geschafft, entschloss ich mich, ans Meer zu fahren. Auf einer Landzunge am Mittelmeer gab es verschiedene Campingplätze im Angebot. Ich entschied mich für einen mit Pool in Port-Barcarès. Im Campingführer stand: Grenzt an den nächsten Campingplatz. Hätte mich misstrauisch machen sollen. Ich hatte mich gerade etabliert, da rückte auf diesem angrenzenden Platz eine Großfamilie mit 3 Kindern und mehreren Erwachsenen an. Musik plärrte aus dem mitgebrachten Laptop. Musik, die mir nicht gefiel. Diesmal wollte ich nicht darauf warten, bis es eventuell ruhig wird und zog gleich um in den letzten Winkel. Hier hatte ich vorerst Ruhe – bis zum Abend. Denn dann fing die Disco an, auch auf diesem angrenzenden Campingplatz. Wenn ich schon nicht schlafen konnte, dann wollte ich wenigstens eine Runde tanzen. Es klang richtig gute Disco-Musik herüber. Doch kaum war ich angekommen, gab es nur noch französische Disco-Musik. Und dieser Rhythmus war mir zu schnell. Ich hatte noch von dem Aufstieg auf die Burg schwere Beine. Auf einer Leinwand wurde den Leuten vorgemacht, wie man nach der Musik zu tanzen hat. Da ist der eigene individuelle Stil nicht mehr gefragt. Das gab mir den letzten Rest. Ich hatte vorher schon mit dem Gedanken gespielt, die Tour abzukürzen, jedenfalls keine 3 Monate zu machen. Jetzt stand es für mich fest.

So habe ich mein Bier ausgetrunken und bin ins Bett. Mit Ohrstöpseln war es auszuhalten.

Die nächste Etappe sollte bis Besançon (ca. 680 km) gehen, aber das war Wunschdenken. Ich habe gerade mal die Hälfte geschafft, fand aber einen netten Platz bei Tournon sur Rhône mit Pool, an einem kleinen Flüsschen gelegen. Es war der heißeste Tag. Das Thermometer zeigte 35,5 Grad. Ich habe nur einmal geschwitzt und das war immer. Die Klimaanlage hat es auch nicht so richtig gebracht, war auch falsch voreingestellt. Da kam der Pool gerade richtig.

An diesem Tag wollte ich mal richtig im Restaurant essen gehen. Das Stadtzentrum war ca. 3 km entfernt. Ich war zu früh dran. Das Personal aß noch. Es gab trotzdem eine schöne Scheibe Lachs in Currysauce mit Kartoffelgratin. Danach die Stadt angeguckt, es gab aber nicht so viel zu sehen. Also habe ich mir in einer Bar mit Bildschirm das Tennis-Halbfinale in Paris zwischen Djokovic und Murray angesehen, das aber abgebrochen wurde. Es gab schöne lange Ballwechsel. Am nächsten Tag hat dann Djokovic das Match für sich entschieden.

Wieder zurück auf dem Campingplatz, fasste ich in die Hosentasche nach meinem Autoschlüssel – und fand nichts. Hektisch suchte ich in meiner Umhängetasche, aber da war er auch nicht. Absoluter Supergau!!! Ich klingelte den Campingplatzbetreiber raus, aber bei dem war nichts abgegeben worden. Also zurück in die Stadt, den Blick immer auf den Boden geheftet. Nichts. In der Bar nachgefragt. Kein Schlüssel. Im Restaurant kam mir die Bedienung, kaum wurde sie meiner ansichtig, mit dem Schlüssel entgegen. Mir fielen mehrere Steine vom Herzen. Ich küsste sie links und rechts auf die Wange und jubelte. Das hätte ziemlich unangenehm werden können, am Abend in einer fremden Stadt und man kommt nicht ins Auto rein. Oha! Noch einmal gut gegangen.

Es gab noch ein schönes Abendrot am kleinen Flüsschen neben dem Platz und am nächsten Morgen tauchte die Morgensonne das Flüsschen in ein wunderbar weiches Licht.

An diesem Tag schaffte ich die restlichen Kilometer nach Besançon. Doch ich hatte nicht mehr die richtige Lust, mir viel anzuschauen. Ich war sozusagen voll, fed up. Rien ne va plus! Das Thermometer war auch schon wieder an die 30 Grad geklettert. So gab es nur einen Kaffee mit Apfelkuchen für immerhin 6,80 €.

Im Stadtzentrum gab es eine kleine antifaschistische Aktion. „Willkommen auf antifaschistischem Boden“ hieß es auf dem Transparent.

Abends fand ich dann einen Campingplatz bei Baume-les-Dames, diesmal ohne Pool. Also nach dem Duschen in den Ort, um zu essen und mir evtl. das Champions-League-Finale anzuschauen. Nach mehreren Anläufen in verschiedenen Restaurants (das eine hatte keine große Auswahl, das nächste war zu teuer, beim dritten ließ man mich zu lange warten), ging ich beim Türken Hackfleischröllchen für 8,50 € essen. In der Spaghetti-Bar ein paar Schritte weiter wurde das Spiel übertragen. Nach dem ersten Tor wurde das Spiel aber uninteressant und zur Halbzeitpause machte ich mich vom Acker.

Wieder ein wunderbares Abendrot.

Auf dem Campingplatz habe ich mir dann den Schluss angesehen. Dass Barcelona gewinnen würde, stand für mich von vornherein fest.

Freiburg im Schwarzwald war das nächste Ziel. Hier lebt und arbeitet der frühere Genosse Patte, den ich schon 1993 mit dem Motorrad auf der Rückfahrt vom Fest der fünfblättrigen Rose in Cesky Krumlov (Böhmisch Krumau) besucht hatte.

Patte arbeitete aber am heiligen Sonntag an seinem Altersruhesitz. Er hat noch 2 Jahre bis zur Rente. Ich hinterließ ihm eine Nachricht auf der Mailbox, aber er meldete sich erst spät am Abend. Also entschied ich mich im Laufe des Nachmittags, zum Titisee zu fahren. Der Campingplatz war zwar sehr schön direkt am See gelegen, aber etwas desorganisiert.

Erst alles installieren, dann anmelden. Die Rezeption war aber nach Installation gar nicht mehr besetzt. Strom konnte man sich ohne irgendeine Sicherungsvorkehrung nehmen. Wenn man am nächsten Tag früh losgefahren wäre, hätte man alles umsonst haben können. Im Bootshausrestaurant gab es dann eine Art Bauernfrühstück. Jugendliche bedienten, einer war noch ein Kind. Die sanitären Einrichtungen sahen sehr ungepflegt aus, um nicht zu sagen ekelig. Dementsprechend roch es in der Dusche.

Hier mal wieder seit längerer Zeit guten Kontakt mit einem Ehepaar aus – woher natürlich – Westfalen (Unna) bekommen. Sie schwärmten auch von Kroatien. Scheint ein guter Tipp zu sein.

An diesem Tag war es noch schön warm. In der Nacht fing es an zu regnen und es wurde empfindlich kühl. Kein Wetter für irgendwelche Unternehmungen.

Also erinnerte ich mich an eine Aufgabe, die ich eigentlich auch auf dieser Fahrt in Angriff nehmen wollte: Digitalisieren von alten, teilweise sehr alten Dias. Nachdem ich mich in das Programm reingefuchst hatte, erzielte ich beträchtliche Erfolge bei der Restaurierung.

Abends wollte mich Patte zwischen 17 und 18 Uhr abholen. Es wurde 19 Uhr daraus. Mir knurrte der Magen und ihm auch. Also machten wir uns gleich auf die Suche nach einem Restaurant. Das war nicht ganz so einfach, weil montags viele Restaurants geschlossen haben. Wir fuhren ziemlich lange auf und ab. Als wir dann doch eins gefunden hatten, mussten wir uns sputen, weil die Küche schon um 20 Uhr die Schotten dicht machte. Das Schnitzel schmeckte aber recht gut. So wurde es dann doch noch ein netter Abend. Danach aber noch einen Absacker in dem beliebten Urlaubsort Titisee zu trinken, war nicht möglich. Es war alles dicht.

Die kalte ungemütliche Nacht bestärkte mich in meinem Entschluss, die Heimreise anzutreten. Mir war klar, dass ich die 780 km bis Berlin nicht an einem Tag schaffe. Im Frankenwald gibt es in der Nähe von der Autobahn nicht so viele Campingplätze. Issigau bot sich an. Gute Entscheidung. Sehr ruhig, sehr gepflegt. Die sanitären Anlagen rochen nur so nach Desinfektionsmitteln.

Issigau ist ein Drehkreuz für Wanderwege. Gleich nach Ankunft einen Spaziergang eine Anhöhe hinauf gemacht mit wunderschönem Ausblick. Bei einigen Bäumen stand auf einer Tafel die Frage: „Was ist das für ein Baum?“ Ahorn und Eiche konnte ich noch geradeso unterscheiden. Aber zum Schluss kam ich schon ohne Hilfe auf die Eberesche.

Auch hier in Issigau das unvermeidliche Denkmal an die Toten der beiden Weltkriege. „Sei getreu bis in den Tod“ Wem, bitte schön, soll denn treu geblieben werden? Denjenigen, die die Menschen aus Profitinteressen in den Tod schicken? Welche Perversion der Treue!

Am nächsten Tag, es war der 9. Juni, konnte ich dann ganz bequem Berlin erreichen und war nach anderthalb Monaten, gefahrenen 6.500 km und ausgegebenen 2.800 € (davon waren 583 € für Campingplätze, 866 € für Diesel und ca. 250 € für Mautgebühren) wieder zu Hause.

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