Entwicklung des Faschismus in Deutschland – Teil II – Bundesrepublik

6. Der Antisemitismus bleibt fest verwurzelt

Bundeskanzler Adenauer versicherte in einer Rede am 10.04.1961, das es im deutschen Volkskörper keine Nazis mehr gäbe. Das war geschickt, denn mit einem nicht existenten Problem braucht man sich nicht zu beschäftigen und muss es auch nicht bekämpfen. Dieselbe Linie verfolgte jahrelang der Verfassungsschutz: Bis 2010 behauptete er frank und frei, dass in Deutschland keine rechtsterroristischen Strukturen feststellbar seien. Und das auf dem Höhepunkt der Mordserie des NSU. Und auch die DDR hatte 1968 auf ihrem Gebiet den Nazismus angeblich ausgerottet.

Dementsprechend war es für die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die in die USA emigriert und vier Jahre nach dem mörderischen Krieg auf Deutschlandbesuch war, praktisch unmöglich, einen Nazi zu finden. Keiner wollte einer gewesen sein. Aber das rassistische und antisemitische Gedankengut war ja nicht tot. Es hatte sich nur versteckt, vor sich selbst, vor der öffentlichen antifaschistischen Stimmung, vor den teilweise rigorosen Entnazifizierungsmaßnahmen der Alliierten.

Zwei Jahre später sah es schon wieder ganz anders aus. Die alten Kameraden hatten keine Mühe, Posten in Wirtschaft und Politik zu besetzen. Man wurde ja gebraucht. Und man traute sich wieder aus der Deckung:

In Landsberg am Lech waren viele Nazi-Verbrecher inhaftiert. Und zwar in dem Gefängnis, in dem Adolf Hitler nach dem Münchner Putschversuch von 1923 einsaß und den ersten Teil seines Buches Mein Kampf schrieb.

Bis 1951 wurden hier die Todesurteile für mehr als 250 der in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen Verurteilten vollstreckt. Die Folgeprozesse gegen Juristen, Ärzte, Diplomaten und Unternehmer, aber auch gegen SS-Offiziere stießen bei deutschen Bürgern zunehmend auf Ablehnung. Das sei Siegerjustiz und das deutsche Volk unter der alliierten Willkür und Ungerechtigkeit seiner Ehre beraubt. Man forderte Begnadigung, vor allem für die Todeskandidaten. Manch Kriegsverbrecher war nicht sofort nach dem Urteil hingerichtet worden, sondern war noch aufgrund langwieriger Revisionsverfahren inhaftiert. So zum Beispiel Oswald Pohl, der als Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamtes für das Massensterben der Zwangsarbeiter in den KZs unmittelbar verantwortlich gewesen war, und Otto Ohlendorf, der 1941/42 in der besetzten Sowjetunion als Kommandeur der SD-Einsatzgruppe D die Ermordung Zehntausender jüdischer Kinder, Frauen und Männer befohlen und geleitet hatte.

In Landsberg identifizierten sich besonders viele mit den verurteilten NS-Tätern. Mitte November 1950 setzte sich der Stadtrat in einer von allen Fraktionen getragenen Resolution für die Insassen des Kriegsverbrechergefängnisses ein.

Am 5. Januar 1951 verbreitete sich das Gerücht, die zum Tode Verurteilten sollten am 10. Januar hingerichtet werden. Sofort wurden Proteste organisiert. Gebhard Seelos, der Fraktionsvorsitzende der Bayern-Partei war besonders rührig. Trotz der kurzen Frist versammelten sich am 7. Januar 4.000 Menschen in Landsberg, ein Drittel der damaligen Einwohner. Der CSU-Abgeordnete und ehemalige SA-Angehörige Richard Jaeger appellierte an die Amerikaner, auf die Stimme des Herzens zu hören und die Vollstreckung der Todesurteile auszusetzen. Richard Jaeger wurde später Bundesjustizminister und ein vehementer Befürworter der Todesstrafe. Auch Gebhard Seelos kritisierte die Nürnberger Prozesse in scharfer Form. Seine Rede ging allerdings in Tumulten unter, denn es hatten sich auch 300 Holocaust-Überlebende, von den Amerikanern Displaced Persons (DP) genannt, aus einem nahegelegenen Camp als Gegendemonstranten eingefunden. Es kam zu Rangeleien und Wortgefechten, wobei die Landsberger Bürger u.a. „Juden raus“ riefen. Die Polizei nahm mehrere jüdische DP’s fest. Nachdem die Landsberger Bürger sich zerstreut hatten, hielten die DP’s ihre Kundgebung ab mit dem Versprechen, jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung für die 90.000 von Ohlendorf ermordeten Juden abzuhalten, was wiederum durch Pfiffe und Zwischenrufe der verbliebenen Landsberger quittiert wurde.

Der Auschwitz-Überlebende Philipp Auerbach, Präsident des Bayrischen Landesentschädigungsamtes und Mitglied im Zentralrat der Juden, kritisierte die Landsberger scharf, die sich für Massenmörder einsetzen würden, die den Tod von Hunderttausenden auf dem Gewissen hätten. Gegen die Ermordung Tausender Menschen in den KZs rund um Landsberg habe keiner die Stimme erhoben. Auerbach wurde nur wenige Wochen nach der Landsberger Kundgebung wegen angeblicher Veruntreuung von Geld innerhalb seiner Entschädigungsbehörde verhaftet.

Es folgte ein zweifelhaftes und durch den bayerischen Justizminister Josef Müller (CSU) politisch instrumentalisiertes Verfahren, das am 14. August 1952 mit der Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe endete. In der Nacht nach der Urteilsverkündung nahm sich Auerbach, der bis zuletzt seine Unschuld beteuert hatte, das Leben. Man sieht, die neuen Eliten waren den alten Eliten geistig und durch die Tat verbunden, indem sich diese Taten schon wieder gegen Juden richteten.

Pohl und Ollendorf gehörten zu den wenigen, die noch hingerichtet wurden. In der Folgezeit ließen die Amerikaner die verbliebenen, noch über 500 Landsberger Gefangenen nach und nach frei. („Juden raus“ Landsberg am Lech, Januar 1951 – LandsbergAntisemitismus.pdf)

(wird noch aktualisiert)

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