Entwicklung des Faschismus in Deutschland – Teil II – Bundesrepublik

3. Missachtung der Vereinbarungen des Potsdamer Abkommens

Der Geist des Antifaschismus (so sah es zumindest aus) sprach auch aus den Übereinkommen und Beschlüssen der Siegermächte USA, UdSSR und Großbritannien bis hin zum Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945. Deren offizielle Ziele waren u.a.:

  • Völlige Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands und die Ausschaltung der gesamten deutschen Industrie, welche für eine Kriegsproduktion genutzt werden kann.

  • Völlige und endgültige Auflösung aller Land-, See- und Luftstreitkräfte Deutschlands, der SS, SA, Gestapo und des SD mit allen Organisationen, Stäben und Ämtern, einschließlich des Generalstabes, des Offizierskorps, der Reservisten, der Kriegsschulen, der Kriegervereine und aller anderen militärischen und halbmilitärischen Organisationen, um damit für immer der Wiedergeburt oder Wiederaufrichtung des deutschen Militarismus und Nazismus vorzubeugen.

  • Vernichtung der Nationalsozialistischen Partei mit ihren angeschlossenen Gliederungen und Unterorganisationen und Verbot jeder nazistischen und militaristischen Betätigung.

  • Entfernung aller Mitglieder der nazistischen Partei aus den öffentlichen oder halböffentlichen Ämtern und von den verantwortlichen Posten in wichtigen Privatunternehmen.

  • Verhaftung der Kriegsverbrecher und aller derjenigen, die an der Planung oder Verwirklichung nazistischer Maßnahmen teilgenommen hatten, die Gräuel oder Kriegsverbrechen nach sich zogen, und deren Übergabe an die Gerichte.

  • Bis auf weiteres keine Errichtung einer zentralen deutschen Regierung, außer der Einrichtung einiger wichtigen Verwaltungsabteilungen auf dem Gebiet der Finanzen, Transport und Verkehr, Außenhandel und Industrie.

Das waren Absichtserklärungen, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließen. Doch was ist aus diesen hehren Erklärungen geworden?

Es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass die Siegermächte gar kein Interesse daran hatten, ihre honorigen Absichten auch in die Tat umzusetzen. Schon früh wurden ihre deklarierten Ziele durch das Interesse an der Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen, finanziellen und militärischen Interessen abgelöst.

  • 3a. Abrüstung und Entmilitarisierung?

    Schon am 20. November 1945 sah sich der sowjetische Vertreter im Alliierten Kontrollrat, Marschall Georgi Shukow, zu einem Memorandum gezwungen, in dem er auf das Vorhandensein von bewaffneten Heeresgruppen der ehemaligen deutschen Armee in der britischen Besatzungszone hinwies.

    Gegen breiten Widerstand aus der Bevölkerung wurde die Remilitarisierung Westdeutschlands durchgesetzt. Aktivisten des Widerstandes wurden politisch und strafrechtlich verfolgt. Mit der Verabschiedung des „Wehrverfassungsgesetzes“ durch den Bundestag im Februar 1954 schafft die BRD die Voraussetzung für den Aufbau der Bundeswehr. Im Oktober wurden die Pariser Verträge unterzeichnet, die Deutschlands Wiederbewaffnung erlaubten. Im Mai 1955 wurde die BRD Mitglied der NATO. Im November 1955 erfolgte die Gründung der Bundeswehr. 1956 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Ab 1991 folgten die ersten Auslandskriegseinsätze der Bundeswehr. (Der lange Atem. Widerstand gegen die Remilitarisierung der BRD | Prozess gegen Axel, Oliver und Florian)

    In der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) sah es nicht viel anders aus. Am 3. Juni 1948 erteilte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) den Befehl zur Errichtung einer Hauptabteilung „Grenzpolizei und Bereitschaften“. Einen Monat später kam es zur Kasernierung von Bereitschaften. Ausbildung und Bewaffnung dieser kasernierten Einheiten hatten militärischen Charakter. 1956 erfolgte die Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA). Im Gegensatz zu den westdeutschen Streitkräften wurde im Osten auf die Einbeziehung von Wehrmachtsoffizieren für den Aufbau der Einheiten verzichtet.

  • 3b. Ausschaltung der Kriegsindustrie?

    Nur ein Kriegsverbrecher-Konzern wurde in den Westzonen zerschlagen und in seine Einzelteile aufgelöst, die I.G. Farben. Zwei der Nachfolgeunternehmen dieses Konzerns sind heute jeweils größer, stärker und mächtiger, als es die I.G. Farben jemals war: Die BASF SE (SE = Societas Europaea) ist der weltweit größte Chemiekonzern mit 64,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2017und die Bayer AG gehört mit 46,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2016 auch nicht zu den kleinen Chemiebetrieben.

    Die drei größten Profiteure der Nazi-Herrschaft unter den Banken, die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Commerzbank wurden entflochten und dezentralisiert. Es dauerte aber nicht lange, 1957/58 waren die Banken schon wieder zur alten Größe zurückgekehrt. Und das wiederum mit Hilfe des bundesrepublikanischen Staates aufgrund des Gesetzes zur Aufhebung der Beschränkung des Niederlassungsbereiches von Kreditinstituten vom 24.12.1956.

    In der SBZ erfolgte am 23. Juli 1945 die Schließung sämtlicher Privatbanken und deren Ersetzung durch Provinzial- und Länderbanken. (DER SPIEGEL 50/1958 – Das Zündholz)

    Im Westteil Berlins nahm am 13.02.1947 die Stadtverordnetenversammlung ein Gesetz zur Überführung von Konzernen und sonstigen wirtschaftlichen Unternehmen in Gemeineigentum an. Dieses Gesetz wurde allerdings von der Alliierten Kommandantur gestoppt und nie angewendet.

    In der SBZ wurden infolge eines Referendums in Sachsen am 30. Juni 1946 über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes 1.861 Unternehmen enteignet. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, der Mark Brandenburg und Mecklenburg erließen die Länder- und Provinzialverwaltungen im Zeitraum vom 24. Juli bis 16. August 1946 Verordnungen über die Enteignung von Kriegsverbrechern und Nationalsozialisten.

  • 3c. Bestrafung der Kriegsverbrecher?

    Dazu erst mal einige Zahlen: Im Jahre 1943 hatte die NSDAP 7,7 Millionen Mitglieder. Bei der berüchtigten Schutzstaffel (SS) gab es im Juni 1944 794.941 Leute, von denen nur ca. 50% NSDAP-Mitglieder waren. Die nicht weniger berüchtigte Geheime Staatspolizei (Gestapo) zählte zum Ende des Dritten Reiches ca. 31.000 und der Sicherheitsdienst des Reichsführer SS (SD) ca. 6.000 Mitglieder. Dazu kamen noch ca. 30.000 V-Leute. (Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers SS | ZbE)

    Von den vielen Hunderttausenden, die sich schwerer und schwerster Verbrechen schuldig gemacht hatten, wurden verurteilt:

    – von Gerichten der 3 westlichen Alliierten 5.006 Personen, davon 794 zum Tode. Ca. 400 der Todesurteile wurden vollstreckt. (NS-VERBRECHEN: Ungleiches Recht – DER SPIEGEL 16/1964)

    – von sowjetischen Gerichten ca. 17.175 Personen. „Wie viele Urteile es zusätzlich in der Sowjetunion gegeben hat, ist unbekannt. Die Zentralstelle in Ludwigsburg schätzt, dass es noch mehr als 20.000 waren.“ (Gedenkstättenforum – Publikation)

    – von der westdeutschen Justiz bis Ende 2005 6.656 Personen, allerdings nur 42,4 %, also 2.822 Personen wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen in KZ’s und Haftanstalten und Massenvernichtung. 17,9 %, also 1.191 Personen wurden wegen Denunziation verurteilt (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Jahrgang 56(2008) Heft 4 – 2008_4.pdf). Auf den Seiten 621 ff. hat Andreas Eichmüller akribisch recherchiert.

    – von der ostdeutschen Justiz 12.879 Personen. (Gedenkstättenforum – Publikation)

    Insgesamt wären das nur ca. 62.000 Personen.

Im Westen Deutschlands ließen zwei Amnestiegesetze aus den Jahren 1949 und 1954 das Interesse an einer Strafverfolgung der NS-Täter schlagartig erlahmen. „Das „Gesetz über die Gewährung von Straffreiheit“ 1949 ermöglichte einen Straferlass für Straftaten, die vor dem Stichtag 15. September 1949 begangen worden waren und mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bedroht waren. Ein Gesetz von 1954 stellte alle kriminellen Handlungen, „die unter dem Einfluss der außergewöhnlichen Verhältnisse des Zusammenbruchs in der Zeit zwischen dem 1. Oktober 1944 und dem 31. Juli 1945 in der Annahme einer Amts-, Dienst- oder Rechtspflicht, insbesondere eines Befehls begangen worden sind“ straffrei, sofern die Strafe nicht drei Jahre Gefängnis überschritt.“ (Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen – Historisches Lexikon Bayerns)

Die im Westen verurteilten und inhaftierten Konzernherren, Patriarchen oder Oligarchen saßen nicht lange in Haft. Nach Begnadigung durch den Hohen Kommissar John Jay McCloy am 31. Januar 1951 kamen die letzten Konzernherren frei, darunter auch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Im Mai 1958 verließen drei ursprünglich zum Tode verurteilten Einsatzgruppenführer (Massenmörder) die Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech. Nur aufgrund eines sowjetischen Vetos kamen die Verurteilten aus dem 1. Nürnberger Prozess nicht frei, darunter Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, der im Jahre 1987 im Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau durch Selbstmord starb

Da hatten es die Nazis in der SBZ schon schwerer. Ehemalige NSDAP-Mitglieder wurden aus allen wichtigen Ämtern entfernt. Bis zum März 1948 verloren 520 734 ehemalige NSDAP-Mitglieder ihren Job (Wilhelm Wagner: Die Geschichte der DDR, S. 27). Aber auch hier wurden bei Fachleuten, Spezialisten und Experten beide Augen zugedrückt. Und es gab auch in der SBZ Mitläufer und Akteure Hitlerdeutschlands, die nun trotzdem Karriere machten. In den Akten des Innenministeriums der DDR sind etwa 13 000 führende SED-Mitglieder registriert, die PG (Parteigenossen) der NSDAP waren. (Wilhelm Wagner: Die Geschichte der DDR, S. 27, ISBN: 3-850-033261)

  • 3d. Keine Errichtung einer zentralen deutschen Regierung?

    Bei diesem Punkt muss man etwas weiter ausholen: Schon kurz nach Beendigung des Krieges kristallisierte sich heraus, dass das Kriegsbündnis der Alliierten nur ein Zweckbündnis war und dass sich im wesentlichen 2 Supermächte gegenüber standen, die unversöhnlich um den Einfluss in Deutschland kämpften, die UdSSR und die USA. Die einen taten das unter dem Mantel des Kommunismus und die anderen taten dasselbe unter dem Mantel des Antikommunismus.

    Dabei hatte die Sowjetunion (SU) die schlechteren Karten. Ihre Wirtschaft war durch den langen Krieg, in dem die SU die Hauptlast zu tragen hatte, geschwächt. Das versuchte sie durch die Demontage von Produktions- und Infrastrukturanlagen, wie Eisenbahnschienen, -lokomotiven und -waggons in der SBZ auszugleichen. Dadurch wurde aber wiederum die Wirtschaftskraft der SBZ entscheidend geschwächt. Außerdem waren viele der demontierten Anlagen durch unsachgemäße Demontage, Lagerung und Transport nicht wieder verwendungsfähig und hatten nur noch Schrottwert. Deshalb ging die SU ab 1948 verstärkt dazu über, nur noch Entnahmen aus der laufenden Produktion durchzuführen.

    Bis zum März 1947 hatte die SMAD rund 11.800 km Schienenstränge demontiert und abtransportiert, fast auf der gesamten Strecke konnte nur eingleisig gefahren werden. Und im hochindustrialisierten Sachsen waren bis Mitte 1948 etwa 1.000 Betriebe und 250.000 Maschinen in die UdSSR verlagert worden. (Wilhelm Wagner: Die Geschichte der DDR, S. 24)

    Außenpolitisch hatte die SU alle Hände voll zu tun, ihren Einfluss in Osteuropa durchzusetzen und zu erhalten. Den Teil bis zur sogenannten Curzon-Linie, den Polen sich infolge des Polnisch-Sowjetischen Krieges 1919 – 1921 von der SU (mit deren Zustimmung) angeeignet hatte, holte sich die SU zurück. Als Ausgleich dafür bekam Polen ohne Widerspruch der westlichen Alliierten einen Teil Deutschlands, der bis zur heutigen Oder-Neiße-Grenze reicht. Die SU legte auf diese Weise eine Pufferzone zwischen sich und den anderen imperialistischen Mächten, ihren ehemaligen Verbündeten.

    In allen osteuropäischen Ländern kamen nach dem Krieg mit tatkräftiger Unterstützung der KPdSU sich kommunistisch nennende Parteien an die Macht, die Bündnisse mit bürgerlichen Kräften eingingen (z.B. Tschechoslowakei und Ungarn). Die Vereinigung der KPD mit der SPD lag auch auf dieser Linie, (die SPD war ja ideologisch und politisch eher dem bürgerlichen Lager zuzurechnen als dem Lager der Arbeiterklasse). Die SED wollte einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus einschlagen.

    Am 12. März 1947 verkündete der amerikanische Präsident Harry S. Truman vor dem US-Kongress die sog. Truman-Doktrin. Darin hieß es: „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen alternativen Lebensformen wählen. Nur zu oft ist diese Wahl nicht frei. Die eine Lebensform gründet sich auf den Willen der Mehrheit und ist gekennzeichnet durch freie Institutionen, repräsentative Regierungsform, freie Wahlen, Garantien für die persönliche Freiheit, Rede- und Religionsfreiheit und Freiheit von politischer Unterdrückung. Die andere Lebensform gründet sich auf den Willen einer Minderheit, den diese der Mehrheit gewaltsam aufzwingt. Sie stützt sich auf Terror und Unterdrückung, auf die Zensur von Presse und Rundfunk, auf manipulierte Wahlen und auf den Entzug der persönlichen Freiheiten. Ich glaube, es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen.“

Was sich so schön freiheitlich anhört, war nur dazu bestimmt, den Einfluss der SU überall auf der Welt zurückzudrängen. Diese Doktrin war die Rechtfertigung für die Intervention der USA in innere Konflikte anderer Nationen, z.B. im Griechischen Bürgerkrieg, im Koreakrieg oder in Vietnam.

Auf dem Hintergrund dieser Doktrin und des Bruches mit Jugoslawien, das eine eigenständige, westlich orientierte Politik betrieb, veränderte auch die KPdSU ihre Politik. Das Beispiel Titos in Jugoslawien durfte keine Schule machen. Die sich kommunistisch nennenden Parteien in den Ländern Osteuropas gaben das Bündnis mit den bürgerlichen Kräften auf und übernahmen die ungeteilte Macht. Analog dazu wurde die SED zu einer Partei neuen Typus, d.h. zu einer Kaderpartei nach dem Vorbild der KPdSU, umgestaltet. Ein politisches Büro (Politbüro) wurde gebildet, die Glieder der Partei hatten sich dessen Beschlüssen unterzuordnen, straffe Parteidisziplin und Kritik und Selbstkritik wurden installiert. Der besondere deutsche Weg zum Sozialismus wurde auf diese Weise zusammen mit dem demokratischen Aufbau der SED entsorgt.

Die Vereinigung der sozialdemokratischen mit den kommunistischen Parteien wurde auch in den anderen sowjetisch beeinflussten Ländern durchgesetzt, in der Tschechoslowakei, in Rumänien, Ungarn, Bulgarien und in Polen.

Die USA hatten es bei der Durchsetzung ihrer Politik leichter. Im Land selber war nichts zerstört. Die Kriegskassen waren prall gefüllt. Und so konnte die USA im Rahmen des European Recovery Program (ERP, auch Marshallplan genannt) ein Füllhorn von fast 14 Milliarden US-Dollar (nach heutigem Wert 100 Milliarden US-Dollar) über Europa ausschütten. Dadurch verschafften sich die USA Sympathien bei der Bevölkerung: Die SU nahm, die USA gaben. Obwohl das Ziel des ERP leicht zu durchschauen war, die Europäer sollten sich nämlich mit dem Geld amerikanische Waren kaufen, wurde das Programm verkauft als Teil des Kampfes gegen den angeblichen Kommunismus. Und da sich die SU mit ihrer Politik und ihren Taten immer mehr Feinde machte, hatte es das westliche Kapital leicht, Stimmung gegen die SU zu machen und die Politik der westlichen Alliierten als freiheitsliebend und gerecht hinzustellen.

Dabei waren sie es, die die Teilung Deutschlands vorantrieben. Die Politik der SU zielte in Bezug auf Deutschland darauf ab, Deutschland als Ganzes zu neutralisieren, was eine Verbreiterung der Pufferzone bedeutet hätte. Natürlich versprach sie sich davon, Einfluss auf die Entwicklung in ganz Deutschland zu nehmen. Die SU konnte aber nicht davon ausgehen, ganz Deutschland ihrem Machtbereich einzuverleiben, wie es manche Leute auch heute noch behaupten. Denn das hätte zur Voraussetzung gehabt, dass die westlichen Alliierten ihren Einfluss auf Deutschland kampflos aufgegeben hätten. Und davon war ja nun wahrlich nicht auszugehen, denn

– die amerikanischen Truppen waren sehr viel besser ausgerüstet als die Rote Armee. (So mussten sich Millionen von sowjetischen Soldaten „zu Fuß fortbewegen oder waren auf pferdebespannte oder auch von Kamelen gezogene Fahrzeuge angewiesen.“ (Robert D. Murphy: Diplomat unter Kriegern S. 309, ASIN: B079ZWVNLR). Der amerikanische General George S. Patton schätzte die Lage dem Beauftragten des amerikanischen State Departments Murphy zufolge so ein, dass er mit seinen Divisionen innerhalb von dreißig Tagen Moskau erreichen würde. (Robert D. Murphy: Diplomat unter Kriegern S. 360)

– und die USA verfügte seit dem 16. Juli 1945 über das alleinige Monopol an Atomwaffen, die es auch nicht zögerte, einzusetzen.

Es gab Widersprüche zwischen den westlichen Alliierten sowie zwischen politischen Kräften in den USA: So verfolgte Großbritannien anfangs eine andere Strategie in Bezug auf Deutschland. Es trat für freie Wahlen in ganz Deutschland ein, weil es davon ausging, dass die sozialistischen Kräfte aus diesen Wahlen als Verlierer hervorgehen würden. Die USA setzte sich mit ihrer Position durch. Frankreich bestand auf einer sehr schwachen Stellung einer zukünftigen westdeutschen Regierung. Nach der Androhung der Kürzung oder gar des Entzugs der für Frankreich vorgesehenen ERP-Mittel durch die USA fügte sich die französische Regierung.

In den USA gab es außer dem Plan des amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau, aus Deutschland ein Agrarland zu machen, auch die Idee der Abtrennung des Ruhrgebiets und der Internationalisierung der Kohlegruben und Stahlwerke, sowie die Idee der Bildung einer Konföderation Österreichs mit den Ländern Bayern, Baden und Württemberg mit Wien als Bundeshauptstadt. (vgl. Robert D. Murphy: Diplomat unter Kriegern S. 329)

Die einzelnen Stationen zur Teilung Deutschlands:

Nach langwierigen Verhandlungen wurden von den Großen Drei (Sowjetunion, USA und Großbritannien) im Londoner Abkommen vom 12. September 1944 (also 8 Monate vor der Kapitulation) die Grenzen der Einflussgebiete festgelegt. Auch Berlin wurde in 3 Sektoren aufgeteilt. Auf der Dreimächtekonferenz in Potsdam im Juli und August 1945 wurde die Vorgehensweise der Großen Drei gegenüber Deutschland und angrenzenden Staaten wie z.B. Polen präzisiert und ein Alliierter Kontrollrat eingerichtet, der alle Deutschland als Ganzes betreffenden Fragen einstimmig zu beschließen hat. (Frankreich wurde erst später in den Bund mit aufgenommen).

Im Dezember 1946 aber wurden die britische und die amerikanische Besatzungszone ohne Zustimmung des Alliierten Kontrollrates zur Bizone verschmolzen, die im März 1948 mit der französischen Besatzungszone zur Trizone zusammengelegt wurde. In den USA wurde die am 21. Juni 1948 in den westlichen Besatzungszonen durchgeführte Währungsreform langfristig vorbereitet. Hier wurden die DM-Scheine gedruckt und unter strengster Geheimhaltung in die westlichen Besatzungszonen gebracht und verteilt. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) wurde mit dieser Aktion völlig überrascht. Sie musste auf diesen einseitigen von langer Hand geplanten Schritt reagieren. Um eine Desorganisation der sowjetischen Zone und Groß-Berlins und eine Überschwemmung der SBZ mit alten wertlos gewordenen Geldscheinen aus den Westzonen zu verhindern, führte sie am 23. Juni 1948 eine eigene Währung für die SBZ ein. Das geschah durch Aufkleben von Koupons auf die alten Geldscheine. Mit der Einführung der DM war das Tauziehen um den Einfluss der Siegermächte in Deutschland voll entbrannt.

Ein besonderer Zankapfel bei diesem Ringen war das auf dem Boden der SBZ gelegene Berlin. Berlin hatte enge wirtschaftliche Verbindungen mit der SBZ. Folgerichtig versuchte die SMAD, die Ostmark auch in den Westsektoren von Berlin einzuführen. Das aber wurde von den westlichen Alliierten abgelehnt. Die westlichen Stadtkommandanten ordneten im Gegenzug an, die DM, mit einem B-Stempel versehen (Bärenmark), ab dem 24. Juni 1948 in den Westsektoren in Umlauf zu bringen. Als geschickten Schachzug ließen sie zu, dass man mit der Ostmark auch in den Westsektoren bezahlen konnte, was umgekehrt für die Westmark nicht galt.

Noch am gleichen Tag wurden die Straßen- und Eisenbahnverbindungen Westberlins nach Westdeutschland durch die SU unterbrochen. Ziel dieser Maßnahme war es, einen Abzug der westlichen Alliierten aus Berlin zu erzwingen. Das stand aber dem Interesse der USA, die nach anfänglichem Zögern den Wert Westberlins als Pfahl im Fleisch des Gegners und dementsprechenden Unruheherd erkannt hatten, diametral entgegen. Und so konnten sich die westlichen Alliierten den Berlinern erkenntlich zeigen, indem sie eine mit viel Propagandaaufwand begleitete Luftbrücke durchführten.

Die Luftbrücke war ein einschneidendes Erlebnis im Leben der Westberliner, deren Nachwirkungen noch heute zu spüren sind.

Sie versorgte Berlin 322 Tage lang über 3 Luftkorridore mit lebensnotwendigen Materialien. Die SU hatte schon vor der Blockade kleinere Verkehrsbeschränkungen vorgenommen. Doch diese Nadelstiche schürten bei der Bevölkerung der Westzonen das ohnehin schon vorhandene Misstrauen. (Das schändliche Verhalten von vielen Soldaten der Roten Armee bei der Einnahme Berlins war noch in guter Erinnerung. Das schändliche Verhalten der deutschen Soldaten in der SU und die Tatsache, dass die Soldaten der anderen Alliierten auch Frauen vergewaltigt haben, wurde schnell vergessen.)

Die Blockade war aber keineswegs vollständig. Die Verkehrswege innerhalb Berlins und der SBZ waren von der sowjetischen Blockade nicht betroffen. Die Berliner U- und S-Bahnen verkehrten ohne jede Einschränkungen. Die Westberliner Bevölkerung und Firmen konnten ungehindert im Ostsektor der Stadt und in der SBZ einkaufen. Die Berliner nutzten die Verkehrsverbindungen zu Lande und zu Wasser, um im großen Stil hamstern zu fahren. Der SED- Landesvorsitzende Matern sprach von täglich 200.000 zersetzenden Berlinern, die die Ostzone ausplünderten. Deshalb kam es auch zu Beschlagnahmungen der Hamsterware durch Volkspolizisten.

Ab dem 24. Juli 1948 konnten sich Westberliner in Ostberlin registrieren lassen, um Lebensmittel und Heizmaterial auf Karten zu bekommen. Es wurden zu den bestehenden 10 Kartenstellen im Ostteil zusätzlich 33 Nebenstellen eingerichtet, um den erwarteten großen Andrang zu bewältigen. Registrieren ließ sich aber nur ein verschwindend geringer Teil der Westberliner Bevölkerung. Der Tagesspiegel geht von insgesamt 103.000 im März 1949 aus. (Geschichte Berlins: Die andere Seite der Blockade – Geschichte – Politik – Tagesspiegel) Das sind ungefähr 4 % der damaligen Einwohnerzahl. Die geringe Anzahl von Abnehmern führte dann zu der Situation, dass bereit gestellte Lebensmittel, die den Bewohnern der SBZ vom Munde abgespart wurden, in den Berliner Lagerhäuser verrotteten. Vielen Bewohnern der SBZ ging es zur Blockadezeit entschieden schlechter als West- und auch Ostberlinern, wobei die Ostberliner etwas schlechter versorgt waren als ihre Westberliner Nachbarn. Es kam in der SBZ zu Mangelerscheinungen wie Ödeme, Herzmuskelschwäche, Magen- und Darmerkrankungen oder Sehstörungen aufgrund von Unterernährung. Auch das wirkt bis in die heutige Zeit nach. Es zeigt sich z.B. an der Ablehnung der Brandenburger, eine politische Einheit mit Berlin zu bilden.

Auch der Handel zwischen den westlichen Sektoren Berlins und der SBZ und den westlichen Besatzungszonen funktionierte trotz Blockade und der im September 1948 von den westlichen Alliierten verhängten Gegenblockade (ab diesem Zeitpunkt eingeschränkt) sehr gut. Am 23. Oktober 1948 kam der US-Nachrichtendienst „zu der Einschätzung, dass das Volumen des Handels zwischen den Westsektoren und dem Ostsektor bzw. der SBZ weit über das der Luftbrücke hinausging. Der überwiegende Teil des Bedarfs der Bevölkerung und der Industrie, so die Nachrichtendienstler, werde noch immer durch die Ost-West-Geschäfte gedeckt.“ (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? ISBN: 3-416-02754X, S. 223/224)

Beim Handel zeigte es sich, dass die Firmen aus den Westsektoren Deutschlands und auch westdeutsche Politiker kein großes Interesse an Berlin hatten:

Der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard z.B. sprach sich strikt gegen eine Einbeziehung der Westsektoren Berlins in die Währungsreform der Westzonen aus, die er nicht für möglich hielt. (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? S. 42)

Westlichen Firmen war es nur recht, sich die unliebsame Berliner Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Über die Luftbrücke wurden zum größten Teil Fertigwaren transportiert, z.B. Mehl in teilweise mieser Qualität. Dadurch wurden aber den Berliner Getreidemühlen die Rohstoffe entzogen. Sie wurden stillgelegt, die Belegschaft wurde arbeitslos und lag dem Westberliner Magistrat noch zusätzlich auf der Tasche.

Dasselbe geschah mit den Zigarettenfabriken in den Westzonen Berlins. Trotz dringender Bitten, die Fabriken mit Rohtabak zu versorgen, wurden „riesige Mengen fertiger, im Westen versteuerter Zigaretten nach Berlin eingeflogen, die vor allem aus amerikanischer Produktion stammten und die der Magistrat zu zahlen hatte. Nicht nur Arbeitsplätze gingen auf diese Weise verloren, es entstanden auch zusätzliche, vermeidbare Lager- und Transportkosten.“ (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? S. 102)

Die dringende Bitte des Magistrats, die moderne Kreuzberger Staatsdruckerei mit dem Druck von Geldscheinen bzw. Postwertzeichen zu beauftragen, wurde von den mit Deutschen besetzten Verwaltungen des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (VWG) abgelehnt. Stattdessen planten sie die Wiedererrichtung einer Zentralen Druckerei an anderer Stelle. Auch die Post und die Bank Deutscher Länder erteilten der Staatsdruckerei eine Absage.

Berlins Oberbürgermeister Ernst Reuter schrieb daraufhin an den Oberdirektor des westdeutschen Wirtschaftsrates Dr. Hermann Pünder, dass „der Erfolg einer solchen Politik (…) nur sein (kann), dass man das Wirtschaftsleben Berlins systematisch aushöhlt“. (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? S. 96)

Ganz nebenbei konnten die beteiligten Unternehmen mit der Luftbrücke schöne Gewinne machen. „Allein die Lieferung von Säcken für den Kohletransport brachte britischen Konzernen die beachtliche Summe von 5,8 Millionen DM.“ (Joachim Mitdank: Berlin zwischen Ost und West, ISBN: 3-897-06880X, S. 46)

Westdeutsche Unternehmen produzierten in den ersten Monaten der Blockade am Berliner Bedarf vorbei eher Trockengemüse, weil mit ihm mehr Geld zu verdienen war, als mit Trockenkartoffeln. (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? S. 116)

Nach Beendigung der Blockade musste der Westberliner Magistrat die eingelagerten Vorräte an Trockengemüse und Trockenkartoffeln übernehmen und sie kostenlos an Futtermittelgroßhändler abgeben, weil sie unverkäuflich waren. Nach Berechnung durch das Institut für Besatzungsfragen in Tübingen belief sich der sich hierdurch ergebende Blockadeverlust auf 48.8 Millionen DM. (Volker Koop: Kein Kampf um Berlin? S. 115. Das Buch des Journalisten Volker Koop sticht durch seine akribische Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse hervor.)

Zusammenfassend kann man sagen, dass Westberlin nur aufgrund des strategischen Interesses der westlichen Alliierten, besonders der USA, gehalten wurde.

Das Leben nach dem Krieg war schon nicht einfach, aber durch die Blockade war das Leben noch beschwerlicher geworden. Die ständige Suche nach etwas Essbarem oder Heizmaterial kostete viel Kraft und Zeit. Die Verursacher waren schnell ausgemacht: Die Kommunisten waren schuld. Dass diese Vorgänge aber auf den Kampf zwischen imperialistischen Supermächten um Einflussgebiete (ein Kampf, wie er heute z.B. wieder in der Ukraine oder in Syrien zu beobachten ist) zurückzuführen ist, diese Einsicht wurde durch die gegenseitigen Anschuldigungen und den täglichen Kampf ums Überleben zunichte gemacht. Entweder man stellte sich auf die eine oder auf die andere Seite. Eine dritte Seite konnte sich gar nicht erst entwickeln.

Dabei gingen die westlichen Imperialisten wesentlich geschickter als die SU vor. Während sich vor allen die USA für ihre strategischen Ziele den Rückhalt bei der Bevölkerung sicherte, war die SU bei der Durchsetzung ihrer strategischen Ziele nicht zimperlich. Sie nahm die Westberliner Bevölkerung einfach in Geiselhaft und die Werktätigen in der SBZ durften für diese Politik hart arbeiten und bekamen obendrein noch zu wenig zu essen. Die westlichen Imperialisten wissen und wussten, dass es immer um Vertrauen geht, das man erringen muss. Auch Ludwig Erhard formulierte, dass Vertrauen der wichtigste Rohstoff in einer Ordnung der sozialen Marktwirtschaft sei. Denn hast du das Vertrauen erst mal gewonnen, kannst du die Leute in deinem Sinn beeinflussen.

Und als die Westberliner die nicht enden wollende Reihe von Flugzeugen sahen und hörten, die bei Tag und Nacht den Nachschub heranschafften, da war es ganz klar, zu wem sie Vertrauen fassten. Sie erlebten am eigenen Leib, dass die westlichen Alliierten sie nicht im Stich ließen. Was sich hinter den Kulissen abspielte, war ihre Sorge nicht. Es entstand ein Gruppenzwang. Die Nachbarn übten Druck und Kontrolle auf diejenigen aus, die nicht so dachten wie die Mehrheit. Diejenigen, die das Angebot annahmen und sich im Ostteil der Stadt für Lebensmittelkarten registrieren ließen, wurden als Außenseiter und Verräter angesehen und behandelt. Das führte dazu, dass sich sogar nicht alle Mitglieder der SED trauten, sich im Osten registrieren zu lassen. (Hinweis: Der amerikanische Professor für Journalismus und Soziologie W. Phillips Davison hat in seinem Buch Die Blockade von Berlin (ASIN: B0021MGLVM) ab S. 363 die Gründe für das Verhalten der Westberliner mithilfe einer Leserumfrage der Zeitung Abend beleuchtet.)

Der Erfolg der Blockade war, dass die SU und mit ihr der Kommunismus in den Augen der Bevölkerung völlig und gründlich diskreditiert waren und die westlichen imperialistischen Staaten als die großen Helfer und Retter gefeiert wurden.

Es folgte am 23. Mai 1949 die endgültige Teilung Deutschlands mit der Gründung des Separatstaates Bundesrepublik Deutschland. Das wiederum zog am 7. Oktober 1949 die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nach sich.

3e. Entfernung aller Mitglieder der nazistischen Partei aus den Ämtern und von den verantwortlichen Posten in wichtigen Privatunternehmen?

Es wurde schon weiter oben ausgeführt, dass die Siegermächte eine selbständige antifaschistische Neuordnung in Deutschland verhinderten. Im Westen Deutschlands waren es nicht nur einige Hundert, sondern einige Hunderttausend der alten Funktionseliten, Unternehmer, Manager, Politiker, Mediziner, Offiziere, Juristen, Journalisten, die wieder zu Rang und Ansehen kamen.

Hier nur eine kleine Auswahl aus der Welt der Banken, Konzerne und Politik, aufgeführt in alphabetischer Reihenfolge der Nachnamen:

1. Abs, Hermann Josef                                                                10. Quandt, Günter

2. Ambros, Otto                                                                           11. Rasche, Karl

3. Best, Werner                                                                            12. Reemtsma, Philipp Fürchtegott

4. Flick, Friedrich                                                                         13. Ries, Fritz

5. Goetz, Carl                                                                                14. Rohland, Paul Walter

6. von Halt, Karl Ferdinand                                                           15. Schleyer, Hanns Martin

7. ter Meer, Fritz                                                                             16. Schmitz, Hermann

8. Mückter, Heinrich                                                                       17. Strauß, Franz Josef

9. Neckermann, Josef                                                                      18. Zangen, Wilhelm

1. Hermann Josef Abs, ist ein Paradebeispiel dafür, welche Art von Menschen durch das kapitalistische System in die beherrschenden Stellungen gebracht werden, weil sie dort gebraucht werden. Er hatte einen exzessiven Hang zur Selbstdarstellung, war nach Aussagen eines Mitarbeiters eitel bis zur Menschenverachtung und legte ein despotenhaftes Verhalten an den Tag. Seinen Namen pflegte er so zu buchstabieren: „A wie Abs, B wie Abs und S wie Abs.“ Er war, obwohl nicht Mitglied der NSDAP, von 1938 – 1945 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und damit der größte Financiers des 2. Weltkrieges. Er war Mitglied des Aufsichtsrats in über 40 Banken und Industriekonzernen, z. B.:

– bei der Kontinentale Öl AG, die im März 1941 von Göring gegründet wurde, um ein deutsches Ölmonopol in Europa zu schaffen. Die AG erwarb den Kern ihres ersten Aktienbesitzes der beiden größten rumänischen Ölgesellschaften, von der Deutschen Bank, die diese Anteile ihrerseits von den ehemaligen französischen und belgischen Besitzern übernommen hatte.

– bei der IG Farben, die, wie schon ausgeführt, für 900 Millionen Reichsmark ein Bunawerk in der Nähe des Vernichtungslagers Auschwitz baute. 25.000 Häftlinge starben auf der Baustelle oder im Außenlager Monowitz, das von der SS für die IG Farben betrieben wurde.

– bei der Pittler AG, die Werkzeugmaschinen herstellte, mit denen Waffensysteme und Munition produziert werden konnten. Abs ließ sich vierteljährlich über die Kosten, die Anzahl der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen und deren Herkunft berichten. Aufgrund der zunehmenden Luftangriffe der Alliierten wurde die Hydraulikproduktion einer Tochterfirma der Pittler AG, der Mechanik GmbH Rochlitz (Aufsichtsratschef: Abs) in das unterirdische Salzbergwerk Wansleben bei Halle verlegt. Ein geheimes KZ mit dem Tarnnamen „Kali-Werk Georgi“ entstand. „In dem unterirdischen Moloch mussten Häftlinge, beaufsichtigt von der SS und angeleitet von Facharbeitern, unter unmenschlichen Bedingungen in 385 Meter Tiefe bei 30 Grad Hitze schuften, in Maschinennähe waren es sogar 55 Grad. Prügelorgien der SS und stundenlange Appelle waren an der Tagesordnung. „Fluchtversuche endeten am Galgen. Die Häftlinge mussten stundenlang um die Aufgehängten herum marschieren“, so Heinz Scharf, der das als Hitlerjunge einst vom Hügel aus beobachtete.“ (ZEITGESCHICHTE: Geheimes KZ im Untergrund – DER SPIEGEL 19/2006)

Abs besaß das volle Vertrauen der führenden Nazis. Er kaufte 1940 in Görings Auftrag deutsche Auslandsanleihen im neutralen Schweden mit erbeutetem Gold aus der Niederländischen und der Belgischen Notenbank – wofür ihm Göring 293.000 Reichsmark zahlte.

Abs pflegte intensive Geschäftsbeziehungen zur Spitze des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Z.B. hatte er enge Kontakte zum Chef der Abteilung I (Geheimer Meldedienst, zuständig für Auslandsspionage und Nachrichtenbeschaffung), Oberst Hans Piekenbrock. Dieser Kontakt gestaltete sich zum gegenseitigen Vorteil, denn Abs war sowohl als Agent der Abwehr als auch als deren Auftraggeber tätig (nachzulesen bei Julius Mader, Hitlers Spionagegenerale sagen aus, ASIN: B0000BSGI8).

Abs wurde nach dem Sieg über den Faschismus gemäß Anweisung der Alliierten von seinem Vorstandsposten suspendiert und für etwa drei Monate inhaftiert, wurde aber schon kurz darauf Finanzberater in der britischen Besatzungszone. Ein kometenhafter Wiederaufstieg begann: Er war von 1948 bis 1952 Vorstandsvorsitzender der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), ab 1952 Sprecher des Vorstands in der Süddeutschen Bank AG München, und 1957 auch Sprecher des Vorstands der wiedervereinten Deutschen Bank in Frankfurt am Main.

Wiederum rückte er in Vorstände, bzw. Aufsichtsräte von 20 Firmen ein, u.a. Badische Anilin und Soda, Siemens, Daimler-Benz, Lufthansa, Deutsche Bundesbahn, Dortmund Hörde Hüttenunion, RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk).

Abs stieg nach den Worten von David Rockefeller zum „führenden Bankier der Welt“ auf.

Er wurde enger Vertrauter und Finanzberater von Bundeskanzler Konrad Adenauer und verhandelte mit den USA über Wirtschaftskredite. Er leitete 1952 in London die Delegation der Bundesrepublik bei den Verhandlungen zur Regelung der deutschen Auslandsschulden. Anfang 1953 endeten die Gespräche mit dem Londoner Schuldenabkommen, welches mit der Halbierung der Schulden, der Minimierung der aufgelaufenen Zinsen, mit der Zahlung von 14 Milliarden DM in kleinen jährlichen Raten und einem Moratorium der Reparationen bis zu einem Friedensvertrag endete. (Diesen Friedensvertrag gibt es bis heute noch nicht. Im Rahmen des Zwei-plusVier-Vertrages vom 12. September 1990 wurden die deutschen Reparationszahlungen abschließend geregelt. Der Vertrag sah keine Zahlungen mehr vor. Der Vertrag durfte auf keinen Fall Friedensvertrag heißen, weil er dann nämlich alle ehemaligen Kriegsgegner auf den Plan gerufen hätte, die ihre Ansprüche geltend gemacht hätten.) 1988 waren die letzten Schulden bezahlt. Zwangsarbeitern aus dem Ausland wurden mit dem Hinweis auf dieses Abkommen von deutschen Unternehmen und Gerichten bis in die 1990er Jahre Entschädigungen verweigert. So wurden die Zwangsarbeiter, die vorher bis aufs Blut in den von Abs beaufsichtigten Betrieben ausgesaugt wurden, von Abs, der Bundesregierung und den Gläubigerstaaten um eine Entschädigung betrogen.

Er verstarb im Februar 1994 als hochgeehrter Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Es wurde Abs zugute gehalten, dass er auch Kontakte zum sog. Widerstand hatte. Abs wäre ein schlechter Vertreter des Kapitals gewesen, wenn er nicht zu allen gesellschaftlich relevanten bürgerlichen Kräften, natürlich auch im Militär, Verbindungen gehabt hätte. Wenn heute Konzerne alle wichtigen bürgerlichen Parteien mit Spenden versehen, ist das nichts anderes.

Vor Gerichten wurde darum gestritten, was und wieviel Abs von den Zuständen in den KZ’s und Arbeitslagern wusste, um ihm eine persönliche Schuld nachzuweisen. Abgesehen davon, dass so ein Nachweis immer schwierig zu führen ist, ist diese Fragestellung müßig und führt am Kernproblem vorbei. Für Abs galt nur eine Moral und das war die Moral des Geldes und der Vermehrung des Kapitals. Über die Effektivität der Ausbeutung der Beschäftigten war er immer bestens informiert. Und wenn ihm diese Ausbeutung zu niedrig war, intervenierte er. Wie die Ausbeutung maximiert wurde, war dann das Problem der anderen. Er war einer, der im Hintergrund die Fäden zog und dabei bediente er sich virtuos des faschistischen Staates; so wie sich das Kapital jeden Staat zunutze macht.

2. Otto Ambros ging 1919 als Zeitfreiwilliger zu einem Freikorps. Er war ab 1926 bei BASF im Werk Oppau, ab 1934 Prokurist bei der I.G. Farben und ab 1935 als Leiter des neuen Bunawerkes in Schkopau tätig. Er war der Giftgas- und Bunaexperte der I.G. Farben im „Sonderausschuß C“ zur Entwicklung chemischer Kampfstoffe und war federführend an der fabrikmäßigen Herstellung der in den Labors der I.G. Farben von Gerhard Schrader entwickelten chemischen Kampfstoffe Sarin und Tabun beteiligt. (Sarin und Tabun wurden in großen Mengen hergestellt, kamen im 2. Weltkrieg aber nicht zum Einsatz. Nach Kriegsende wurden durch die britische Militärveraltung große Mengen mit Tabun gefüllte Granaten in die Nordsee südlich von Helgoland versenkt. Heute wäre eine Bergung gefährlicher als das Liegenlassen (Umwelt: Bergung von Nordsee-Giftgasgranaten zu riskant – WELT). Tabun ist mäßig wasserlöslich. Höchstwahrscheinlich sind schon viele Granaten verrottet und das Nervengift ausgetreten, mit unbekannten Folgen. Die Bundesregierung kümmert sich nicht darum, was da unten passiert. 1937 trat er in die NSDAP ein und war von 1938 bis zum Kriegsende 1945 Vorstandsmitglied des Technischen und Chemischen Ausschusses der I.G. Farben. Ambros beriet Carl Krauch ab 1940 bei der Erstellung des Vierjahresplans als Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung. Als Wehrwirtschaftsführer für „Chemische Kampfstoffe“ erläuterte Ambros Mitte Mai 1943 im Führerhauptquartier Adolf Hitler persönlich die Auswirkungen der Nervengifte Sarin und Tabun. Er war Geschäftsführer einer Tochter der I.G. Farben, der Anorgana GmbH, die in der Fabrik Dyhernfurth bei Breslau die Giftgase Sarin und Soman, sowie in der Fabrik Gendorf den chemischen Kampfstoff Senfgas (Lost) herstellte.

Ambros, der den „Arbeitseinsatz“ von KZ-Häftlingen befürwortete, leitete zudem die Abteilung Textilhilfsmittel und den Sonderausschuss Kunststoffe im Reichsministerium für Bewaffnung und Munition (Minister: Fritz Todt und nach dessen Tod Albert Speer). 1944 wurde ihm das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes verliehen.

Nach Kriegsende wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt, aber 1952 nach drei Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen.

Nach seiner Freilassung übernahm er zahlreiche Aufsichtsratsposten: bei den Süddeutschen Kalkstickstoffwerken, bei Scholven Chemie, Pintsch Bamag, Knoll, Feldmühle, Telefunken, Chemie Grünenthal. Grünenthal stellte das Medikament Contergan her. Und da außer Ambros noch andere Chemiker der I.G. Farben und ehemalige Nazi-Ärzte wie Heinz Baumkötter und Heinrich Mückter (s.u.) bei Grünenthal ein neues Betätigungsfeld fanden, schrieb der Spiegel im Februar 2009: „Der Sprecher der rund 450 britischen Contergan-Opfer behauptet, dass KZ-Ärzte den fatalen Wirkstoff Thalidomid bereits während des Krieges in Auschwitz-Monowitz als Gegenmittel zum Nervengas Sarin entwickelt hätten. Das gehe aus einem neu entdeckten Dokument hervor.“ (MEDIKAMENTE: Gerüchte um Schlafmittel Contergan – DER SPIEGEL 8/2009)

Grünenthal behauptete stets, den Wirkstoff selbst entwickelt zu haben. Das Gegenteil konnte nicht bewiesen werden, weil die Inhaber der Firma, die Familie Wirtz den Zugang zum Firmenarchiv verweigert. Ambros war außerdem Berater von Konrad Adenauer, Friedrich Flick und des in einen Asbestskandal verwickelten amerikanischen Konzerns W. R. Grace and Company. Nach seinem Ableben am 23.07.1990 wurde er in einer Todesanzeige durch die BASF/Knoll AG gewürdigt: „Eine ausdrucksvolle Unternehmerpersönlichkeit von großer Ausstrahlungskraft.“ (Wollheim Memorial)

3. Dr. Werner Best, der Verfasser der Boxheimer Dokumente, stand im hessischen Justizdienst und war in Hessen ein prominenter Nazi- und SS-Führer. Das gegen ihn wegen dieser Dokumente von der Reichsanwaltschaft sofort eingeleitete Strafverfahren wegen Verdachts der Vorbereitung zum Hochverrat wurde bald wegen angeblichem Mangel an Beweisen eingestellt. Dr. Best wurde 1933 Chef der hessischen Polizei und übernahm dann eine leitende Stellung bei der Gestapo und im Sicherheitshauptamt der SS. 1939-1940 war er Chef einer Einsatzgruppe in Polen, die rund zehntausend Angehörige der politischen Intelligenz ermordete. Von 1942 bis Kriegsende hatte er im besetzten Dänemark das Amt eines Reichsbevollmächtigten inne. Er wurde 1945 in Dänemark zum Tode verurteilt, aber schon 1951 zu einer Freiheitsstrafe begnadigt, aus der Haft entlassen und in die Bundesrepublik abgeschoben.

Nach seiner Ausweisung in die Bundesrepublik fand Best in Essen schnell als Jurist (ohne Anwaltszulassung) in der Kanzlei von Ernst Achenbach, der sich als Rechtsanwalt und FDP-Politiker für die Rehabilitierung von NS-Tätern einsetzte, eine Stelle.

In dieser Kanzlei arbeitete Best sowohl juristisch wie publizistisch intensiv an der Rehabilitierung von NS-Belasteten. Mitglieder der Gestapo und Beamte des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) wurden bevorzugt. Er übernahm die Koordination der Kampagne für eine Generalamnestie, die die Kanzlei Achenbach durch zahlreiche Presseerklärungen, die monatlich an Redaktionen verschickt wurden, und persönliche Einflussnahme auf Meinungsträger auch im Deutschen Bundestag zu fördern suchte.

1957 wurde er auf Vorschlag eines Mitglieds der Familie Stinnes Justitiar und Direktoriumsmitglied der Hugo-Stinnes Industrie- und Handels GmbH und es gelang ihm in kurzer Zeit der Aufstieg ins gehobene Bürgertum.

Mit Einverständnis und Förderung durch Stinnes stand er weiterhin über viele Jahre hinweg ehemaligen Kollegen und Mitarbeitern aus der Gestapo juristisch zur Seite.

Einfallstor war dabei der Artikel 131 des Grundgesetzes, der die Wiedereinstellung ehemaliger Beamter in den Staatsdienst ermöglichte, sofern sie von ihren Posten „verdrängt“ worden waren. Ursprünglich für politisch und rassisch Verfolgte des NS-Staates sowie für aus den Ostgebieten und der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) vertriebene Beamte geschaffen, wurden auch Beamte, die nach 1945 von den Westalliierten wegen ihrer NS-Belastung entlassen worden waren, wieder in Dienst genommen.

Das umfasste auch ehemalige Beamte der Gestapo, der Ordnungspolizei und des RSHA, allerdings nur, wenn sie als „Mitläufer“ eingestuft wurden, oder wenn sie nachweisen konnten, zur Gestapo versetzt worden zu sein. Best gab bis in die 1960er Jahre Hunderte eidesstattliche Versicherungen ab, die ehemaligen Beamten der Gestapo bescheinigten, durch Versetzung und ohne besondere nationalsozialistische Überzeugung zur Gestapo gekommen zu sein. Er erreichte so deren Wiedereinstellung oder zumindest Entschädigungszahlungen.

Best betätigte sich auch schriftstellerisch. Er verfasste eine Verteidigungsschrift für das RSHA, die er Die Gestapo nannte. Hier verteidigte er seine alte Behörde als rein sachlich orientiertes Instrument in den Händen des Staates, das mit der Judenvernichtung als „polizeifremder Aufgabe“ im Rahmen der Amtshilfe betraut worden sei und insgesamt nur insoweit als verbrecherisch zu bezeichnen sei, als jede Polizei verbrecherisch sei, sobald ihr Staat einen Krieg verloren hat. Auch dort, wo es zu Verbrechen gekommen sei, seien diese im Befehlsnotstand erfolgt und nicht den beteiligten Beamten zuzurechnen.

Irgendwann dämmerte es dann auch der westdeutschen Justiz, dass Best nicht nur ein Mitläufer, sondern einer der Haupttäter war. Es wurde Anklage erhoben, er konnte sich aber immer wieder der Schlinge um seinen Hals entziehen, z.B. unter Hinweis auf seine angegriffene Gesundheit. Am 13. April 1989 stellte der medizinische Gutachter eine partielle Verhandlungsfähigkeit fest, und die Staatsanwaltschaft stellte am 5. Juli 1989 einen Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahrens.

Zu diesem Zeitpunkt lebte Werner Best jedoch nicht mehr. Er war am 23. Juni 1989 gestorben.

4. Friedrich Flick, wurde 1915, gerade mal 32 Jahre alt, Mitglied des Vorstandes der Charlottenhütte, einer Eisenhütte in Niederschelden, und 1917 deren Generaldirektor.

Mit eigenen Ersparnissen und Bankkrediten verschaffte er sich bis 1918 die Mehrheit der Anteile an diesem Werk. Flick verwandelte die Charlottenhütte in eine Goldgrube. Er setzte ein neues Verfahren ein, das es ermöglichte, die Hochöfen nicht nur mit Erz, sondern auch mit Stahlspänen zu füttern, die sich bei den eisenverarbeitenden Betrieben zu Bergen türmten. Niemand wollte damals die Späne haben, weil sie den Luftdurchzug im Hochofen blockierten. Flicks neue Hochöfen aber schluckten die Späne anstandslos.

Gestützt auf die erste Million in Charlottenhütte-Aktien, machte der junge Flick nach dem ersten Weltkrieg die tollsten Geschäfte. Er setzte wie manch anderer Finanzjongleur in dieser Zeit der Inflation und des Börsentaumels jede Mark, die er einnahm oder sich von den Banken noch borgen konnte, sofort in Sachwerte um, tilgte dann seine Schulden mit völlig wertlosem Bargeld, verkaufte aber die heißbegehrten, staatlich subventionierten Erzeugnisse seiner Betriebe nur noch gegen Devisen, Rohstoffe oder Aktien. 1924, als die deutsche Inflation endete, zählte er zu deren großen Gewinnern. Er war 41 Jahre alt und bereits ein Industriemagnat mit einigen hundert Millionen Mark neuer, stabiler Währung und weit gestreutem Konzernbesitz.

1925/26 geriet die deutsche Stahlindustrie in eine Absatzkrise und schloss sich zusammen. Der wichtigste Zusammenschluss war die Vereinigte Stahlwerke AG, (Stahlverein) zu dem sich Thyssen, Rheinstahl, Phoenix und auch Flick zusammenfanden.

Für die Einbringung aller Charlottenhütte-Betriebe bekam Flick 20 Prozent der Stahlvereins-Aktien, und damit gehörte ihm genau ein Fünftel des neuen Konzerns, der seinerseits fast die Hälfte der gesamten Stahlerzeugung und rund ein Drittel der Kohleförderung des Deutschen Reiches beherrschte.

Knapp vier Jahre später, mitten in der Weltwirtschaftskrise, die fast 10 Millionen Deutsche arbeitslos machte, verschaffte sich Flick durch einen Trick die Mehrheit des Stahlverein-Kapitals, ohne dass er auch nur eine Mark zusätzlich investiert hatte:

Die Mehrheit der Stahlverein-Aktien war im Besitz der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (Gelsenberg) gewesen. Wer Gelsenberg beherrschte, hatte damit auch den Stahlverein in der Tasche. Also verkaufte Flick seinen Stahlverein-Anteil und erwarb mit dem Erlös Gelsenberg-Aktien. Das reichte, um sich die Kontrolle über Gelsenberg und damit über den ganzen Stahlverein zu verschaffen, und so hatte er plötzlich die beherrschende Stellung in der Montanindustrie und damit im gesamten Wirtschaftsleben des krisengeschüttelten Reiches.

Der große Coup kam aber noch, der ihn in den Jahren des Elends und der Massenarbeitslosigkeit zum reichsten Mann Deutschlands machen sollte: Im November 1931 kam an den Börsen das Gerücht auf, der Crédit Lyonnais, die stärkste Bank Frankreichs, wolle sich die deutsche Not zunutze machen und mit einem Schlag die Kontrolle über die Industrie des Ruhrgebiets erobern, mit Hilfe der Gelsenberg-Mehrheit. Gelsenberg-Aktien wurden an den Börsen nur noch zu 20 Prozent des Nennwerts notiert und die Franzosen sollten schon 100 Prozent geboten haben. Die Nachricht kam angeblich aus Paris und soll durch den Hinweis gewürzt gewesen sein, daß Crédit Lyonnais im Auftrage der französischen Rüstungsfirma Schneider-Creusot vorfühle.

Die Brüning-Regierung trat daraufhin eiligst zu einer Sondersitzung zusammen und beschloss, den Ausverkauf des Ruhrgebiets um jeden Preis zu verhindern.

Zwar waren die Kassen leer, Renten, Beamtengehälter und Unterstützungssätze waren schon drastisch gekürzt worden. Aber dennoch, darin waren sich Regierung und Reichswehr-Generalität einig, die Ruhrindustrie durfte nicht den Franzosen ausgeliefert werden. Also verhandelte Reichsfinanzminister Dr. Dietrich mit Flick, und am Ende kaufte das arme Reich die Gelsenberg-Mehrheit zum Vierfachen des Kurses (aber immer noch unter dem Preis, den die Franzosen angeblich geboten hatten). Denn Flick wollte als guter Patriot erscheinen. Außerdem spendete er dem Finanzminister Dietrich und dem Kanzler Brüning (Katholisches Zentrum) zusammen rund eine Million Reichsmark für deren Wahlfonds.

Mit derselben Skrupellosigkeit riss sich Flick in der Zeit des Nationalsozialismus jüdische Konzerne unter den Nagel. Sein Jurist Hugo Dietrich arbeitete die Verordnung über das jüdische Vermögen vom 3. Dezember 1938 für die Nationalsozialisten aus, mit deren Hilfe die Enteignung im großen Stil und auf gesetzlicher Grundlage möglich wurde. So übernahm Flick 1938 die Anteile der jüdischen Besitzer des Hochofenwerkes Lübeck und 1938/39 fast das gesamte Vermögen der jüdischen Familie Petschek aus Böhmen. Von den Erben der Familie Petschek wurden in den 1990er Jahren immerhin Ausgleichsforderungen in Höhe von 400 Millionen DM geltend gemacht. Mithilfe der vom Dritten Reich angeordneten Aushebelung des Wettbewerbs verschaffte Flick sich enorme Vorteile, stellte die Produktion radikal auf Rüstungsproduktion um (Flugzeuge, Bomben, Granaten und Munition) und beschäftigte im großen Stil Zwangsarbeiter. Der Anteil der Zwangsarbeiter betrug in einzelnen Betrieben bis zu 85 %, die dort unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet wurden.

Flick wurde Unterstützer und Großspender der NSDAP (insgesamt 7,5 Millionen RM), ab 1937 selbst Mitglied und natürlich auch Mitglied im „Freundeskreis des Reichsführers SS“.

Schon früh bereitete er sich auf die Folgen eines verlorenen Krieges vor. Seinen Söhnen, die bereits seit 1941 die Mehrheit des Flick-Konzern hielten, stockte Flick den Anteil bis auf 90 Prozent auf. 16 Monate vor Kriegsende begann sein Konzern mit der Verlagerung seiner wertvollsten Besitztümer von Osten nach Westen, vor allem in die künftige amerikanische Zone. In den letzten Kriegstagen verlegte er die Konzernzentrale von Berlin nach Düsseldorf, verlagerte die Zentralakten in den Westen und ließ belastende Akten in großen Mengen vernichten.

Er wurde 1947 wegen Sklavenarbeit, Verschleppung zur Sklavenarbeit, Ausplünderung der besetzten Gebiete und Teilnahme an Verbrechen der SS zu sieben Jahren Haft verurteilt, kam aber 1950 schon wieder frei. In den 1950er Jahren war er schon zu einem der reichsten Männer Westdeutschlands geworden, wurde zum größten Aktionär bei Daimler-Benz und hatte Beteiligungen bei der Feldmühle, Dynamit Nobel, Buderus und Krauss-Maffei. Bis Ende der 1960er Jahre wurde Flick unumstritten der reichste Mann Deutschlands. Als Friedrich Flick 89-jährig starb, hinterließ er seinen Erben einen Konzern mit 330 Unternehmen, rund 300.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von circa 18 Milliarden DM.

(Bernt Engelmann hat in seinem Buch Schwarzbuch Kohl – oder: wie man einen Staat ruiniert (ISBN: 3-882-435704) Friedrich Flick einen Abschnitt gewidmet: Flick – Musterbeispiel für den Mißbrauch wirtschaftlicher Macht. Daraus wurden einige Passagen übernommen.)

5. Carl Goetz, wie Abs auch kein Mitglied der NSDAP, war seit Dezember 1933 offiziell Vorstandssprecher der Dresdner Bank. Daneben hatte er noch zahlreiche Aufsichtsratsmandate inne, so z.B. bei der AEG und der Deutsch-Südamerikanischen Bank.

Im Jahr 1936 wechselte er an die Spitze des Aufsichtsrates, nachdem die letzten verbliebenen jüdischen Führungspersonen dort ihre Posten räumen mussten. Goetz konnte sich mit Rückendeckung des Reichswirtschaftsministeriums derartig umfassende Kompetenzen sichern, dass er faktisch sowohl dem Vorstand wie auch dem Aufsichtsrat vorstand. Er übte das Aufsichtsratsmandat hauptamtlich aus, hatte das Recht, an Vorstandssitzungen teilzunehmen und der Geschäftsführung Weisungen zu erteilen. Später wurde ihm in einem gesonderten Vertrag noch die Befugnis erteilt, die Beziehungen zu den Großkunden der Bank und zur politischen Führung zu pflegen. Erst 1942 wurde er auf die reine Aufsichtsratstätigkeit zurückgedrängt. Bis dahin war Goetz die eindeutig führende Persönlichkeit der Bank und trug die Verantwortung für alle wichtigen Entscheidungen, über die er in der Regel auch informiert war. Er trug auch die Verantwortung dafür, dass der SS-Flügel immer stärker und die Bank immer näher an das Regime heranrückte.

Die Dresdner Bank hatte eine zentrale Rolle beim Aufbau der Autarkiewirtschaft des Dritten Reiches inne. Sie handelte mit Raubgold und mit Gold aus der Hinterlassenschaft der Opfer der Konzentrationslager, wurde zum wichtigsten Kreditgeber der SS und unterhielt enge Beziehungen zu den Zwangsbetrieben der SS.

Von April 1946 bis Dezember 1947 war Goetz von den Amerikanern interniert. Nach dem Krieg wurde die Dresdner Bank in verschiedene Unternehmen aufgespalten. Goetz nahm erheblichen Einfluss auf die Neuordnung des Bankwesens in der Bundesrepublik und setzte sich für die Überwindung der Aufspaltung der Großbanken ein. Zwischen 1952 und 1957 war er Aufsichtsratsvorsitzender der Rhein-Ruhr Bank AG als einer der Nachfolgeinstitute der Dresdner Bank. Nach dem erneuten Zusammenschluss war er von 1957 bis 1965 wiederum Aufsichtsratsvorsitzender der Dresdner Bank. Danach war er Ehrenvorsitzender. In seiner Amtszeit an der Spitze der Bank stieg diese zur zweitgrößten hinter der Deutschen Bank auf. Er verstarb 1965.

6. Dr. Karl Ferdinand Ritter v. Halt trat 1933 in die NSDAP und in die SA ein, gehörte zum Freundeskreis Reichsführer-SS, wurde ab 1936 Direktor und ab 1938 Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, spendete erhebliche Beträge an die SS. Von Halt wurde 1929 in das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewählt und bekleidete bei den Nazis das Amt des „Reichssportführers“. Von 1945 bis Anfang 1950 wurde er in dem ehemaligen KZ Buchenwald gefangengehalten. Nach seiner Freilassung aufgrund eines Deals des IOC mit der Sowjetunion wurde er 1952 Aufsichtsratsmitglied der Deutsche-Bank-Nachfolgerin Süddeutsche Bank in München. Und er wurde Präsident des westdeutschen Olympischen Komitees und war von 1961 bis 1964 dessen Ehrenpräsident. Er verstarb als 73-jähriger mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland auf der Brust.

7. Fritz ter Meer war von 1925 bis 1945 Mitglied im Vorstand der I.G. Farben AG, ab 1932 Mitglied des Arbeitsausschusses und des Technischen Ausschusses, Leiter der Sparte II im Reichskriegsministerium und Wehrwirtschaftsführer und trat im Mai 1937 der NSDAP bei. Am 7. September 1939 verabredeten er und Heinrich Hörlein mit dem Heereswaffenamt die Herstellung des Nervengases Tabun. Beim Bau der dafür vorgesehenen Giftgasfabrik in Dyhernfurth wurden über 100 Kriegsgefangene eingesetzt.

Er war verantwortlich für den Aufbau des I.G.–Farben-Werks bei Auschwitz, in dem Menschenversuche stattfanden und rund 25.000 Zwangsarbeiter unter grausigen Umständen den Tod fanden. 1943 erhielt er das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

Er wurde im I.G.-Farben-Prozess am 30. Juli 1948 wegen Plünderung und Versklavung im Zusammenhang mit dem KZ Auschwitz III Monowitz als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt. Im Prozess befragt, ob er die Versuche an Menschen im KZ Auschwitz für gerechtfertigt gehalten habe, antwortete er, dass dies unerheblich gewesen sei:

Den Häftlingen ist dadurch kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte.“ (Reportage Besuch in Buchenwald – Reportagen.de Texte Reportagen Medienservice Journalismus). Er wurde im Sommer 1950 wegen „guter Führung“ vorzeitig aus der Haft entlassen und unmittelbar nach Aufhebung der Kriegsverbrecher-Sperrklausel des Alliierten Gesetzes im Jahr 1956 Aufsichtsratsvorsitzender der Firma Bayer AG. Auch in anderen Firmen erhielt er Aufsichtsratsposten, so unter anderem bei der Theodor Goldschmidt AG, Commerzbank-Bankverein AG, Duewag, VIAG und Bankverein Westdeutschland AG. Seine Leistungen beim Wiederaufbau der chemischen Industrie in Deutschland gelten als bedeutsam. Er verstarb 1967 als angesehenes Mitglied der Gesellschaft.

8. Heinrich Mückter wurde 1933 Mitglied der SA und 1937 der NSDAP. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs war er Stabsarzt und stellvertretender Direktor des Instituts für Fleckfieber und Virusforschung des Oberkommandos des Heeres unter Hermann Eyer in Krakau. Mit menschenverachtenden Methoden wurde dort der Weigl-Impfstoff gegen Fleckfieber hergestellt. Bei den „medizinischen Experimenten“ wurden KZ-Häftlinge als Versuchspersonen missbraucht, nicht wenige starben dabei. Polnische Zwangsarbeiter kamen als Wirte für die Erregerläuse zu Tode. 1946 stellte die Krakauer Staatsanwaltschaft deshalb Haftbefehl gegen Heinrich Mückter, dem er sich jedoch durch seine Flucht in die westlichen Besatzungszonen entzog.

Mückter kaufte sich 1946 in die Firma Grünenthal GmbH ein, indem er einen in England illegal beschafften Penicillin-Stamm als Stammkapital einbrachte. Er ließ sich am Umsatz für das Antibiotika beteiligen und verdiente Millionen daran. Jahre später landete er den nächsten Coup:

Unter seiner Leitung wurde (angeblich) die Substanz N-Phthalylglutaminsäureamid, die die Bezeichnung Thalidomid erhielt, entwickelt. Thalidomid bildete die Grundlage des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan, das am 1. Oktober 1957 in den Handel gebracht und als in Deutschland nicht verschreibungspflichtiges Präparat für schwangere Frauen aggressiv beworben und verkauft wurde. Contergan ist für die Fehlbildung von ca. 10.000 neugeborenen Kindern, die Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre zur Welt kamen, sowie für zahlreiche Fehlgeburten und auch für Nervenschäden bei Erwachsenen verantwortlich. Mückter verstarb 1987 als reicher Mann, ohne dass er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen worden wäre.

9. Josef Neckermann, Arisierungsgewinnler und Dressurreiter, konnte nur aufgrund des Raubes von jüdischen Firmen seinen Versandgroßhandel aufbauen.

Am 25. Oktober 1935 übernahm er vom jüdischen Unternehmer Siegmund Ruschkewitz dessen Textilkaufhaus in Würzburg sowie das Niedrigpreisgeschäft Merkur. Da die Warenhausbranche in der Krise steckte, bekam er die Firma für wenig Geld.

Neckermann trat 1933 der Reiterstaffel der SA bei und 1937 der NSDAP. Im darauffolgenden Jahr entstand durch Arisierung des florierenden Textilherstellungs- und -versandunternehmens von Karl Amson Joel die Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann.

Neckermann drückte den Kaufpreis und überwies das Geld auf ein Treuhandkonto mit seinem eigenen Namen beim Bankhaus Hardy & Co. in Berlin. Er begründete dies damit, dass er das Geld vor dem Zugriff der NSDAP schützen wollte. Der mittlerweile in die Schweiz geflüchtete Joel klagte auf Auszahlung des Geldes, die Klage wurde aber mit der Begründung abgewiesen, er sei „Devisenausländer“.

Neckermann besaß damit das viertgrößte deutsche Textil-Versandhaus (nach Quelle, Witt Weiden und Schöpflin). Mit den Unternehmen Joels übernahm Neckermann auch den Mietvertrag von dessen Villa in der Tannenbergallee in Berlin, die er zu seiner eigenen machte.

Ende Dezember 1941 gründete er gemeinsam mit Hertie-Chef Georg Karg die Zentrallagergemeinschaft für Bekleidung (ZLG), eine Gesellschaft öffentlichen Rechts. Über Otto Ohlendorf (SS-Brigadeführer und Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium), den Neckermann bei einer Betriebsbesichtigung kennengelernt hatte und der auch stiller Teilhaber an der ZLG war, wurden der Firma Aufträge der Reichsstelle Kleidung vermittelt. Das Unternehmen lieferte unter anderem Bekleidung für Zwangsarbeiter und Uniformen für die Soldaten an der Ostfront. Neckermann wehrte sich immer gegen den Vorwurf, dass als Rohstoff die den Juden geraubten Kleider benutzt wurden, Zeitzeugen berichteten aber von eingenähtem Schmuck in diesen Kleidern. Er wurde Leiter der Reichsstelle Kleidung.

Nach dem Krieg wehrte sich Neckermann vehement gegen die Entschädigungsforderungen der enteigneten Unternehmer, vermutete sogar eine „jüdische Verschwörung“ gegen sich. Mit den Erben von Siegmund Ruschkewitz einigte er sich in einem Vergleich letztlich auf eine Entschädigung in Höhe von 50.000 Mark und ein Grundstück in Würzburg. Karl Amson Joel erhielt erst 1957 nach einem jahrelangen, über mehrere Instanzen dauernden Wiedergutmachungsverfahren zwei Millionen DM Entschädigung, ein Bruchteil des tatsächlichen Werts des Unternehmens, das Neckermann zwanzig Jahre zuvor übernommen hatte.

Am 1. Dezember 1945 wurde er von einem Militärgericht wegen Verletzung des Militärgesetzes Nr. 52, nach dem den Inhabern „arisierter“ Betriebe jegliche „Weisung, Verwaltung und Aufsicht oder sonstige Kontrolle über Vermögen“ untersagt war, angeklagt und anschließend zu einem Jahr „hard labor“ (Arbeitslager) verurteilt. Er musste in der Haftanstalt Ebrach für sein eigenes Unternehmen, das nun unter Verwaltung der Alliierten stand, für einen Hungerlohn an der Nähmaschine arbeiten. Im Sommer 1946 erkrankte Neckermann an Tuberkulose und wurde in ein Hospital verlegt. Die Genesungszeit wurde auf seine Haftstrafe angerechnet. Ende 1946 wurde Neckermann gesund und ein freier Mann.

Trotz seiner Profite aus den „Arisierungen“ und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern, wurde er im Entnazifizierungsprozess im Mai 1948 als „Mitläufer“ eingestuft und lediglich ein Bußgeld von 2.000 Mark über ihn verhängt.

So konnte er im Herbst 1948 die Textilgesellschaft Neckermann KG gründen, die 1950 in die Neckermann Versand KG überging. Das Unternehmen erlebte in den 1950er Jahren einen rasanten Aufschwung. Neckermann baute seine Firma zu einem Konzern aus. Der Firmenslogan „Neckermann macht´s möglich“ wurde zu einem Symbolspruch für das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und Neckermann zu einer seiner Galionsfiguren.

Das Unternehmen geriet in den 1970er Jahren in finanzielle Nöte und Neckermann musste es schließlich 1976/77 mehrheitlich an die Karstadt AG verkaufen. Er verließ das Unternehmen ein Jahr später, um sich nun vornehmlich seiner Tätigkeit als Sportfunktionär zu widmen. Er verstarb 1992 als hoch angesehener Olympiasieger.

10. Günter Quandt aus der Quandt-Familie gehörte zu jener Gruppe von Industriellen, die sich Mitte 1931 mit Adolf Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof trafen und der NSDAP im Falle eines Linksputsches 25 Millionen Reichsmark zur Verfügung stellen wollten. Er war Teilnehmer des Geheimtreffens vom 20. Februar 1933 von Industriellen mit Hitler, bei dem eine Wahlkampfhilfe von 3 Millionen Reichsmark für die NSDAP beschlossen wurde. Folgerichtig trat er 1933 in die NSDAP ein. Quandts Betriebe wurden wichtige Zulieferanten für die Rüstungsindustrie. Er hatte vorher schon die Aktienmehrheit an der „Accumulatoren Fabrik Aktiengesellschaft Berlin-Hagen (AFA)“, dem größten Hersteller von Batterien und Akkumulatoren im damaligen Europa erworben und auch die Kontrolle über die Berlin-Karlsruher Industrie-Werke AG, vormals Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG (DWM), einer traditionsreichen Rüstungsschmiede, erlangt. Auch er beschäftigte KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im großen Stil. Die Arbeit mit dem giftigen Blei und ätzenden Säuren forderte durchschnittlich 80 Tote pro Monat, welche im Voraus mit eingeplant und bewusst als zu erwartende „Fluktuation“ einkalkuliert wurden. Gleichzeitig saß er im Aufsichtsrat von Daimler-Benz, Deutsche Bank und AEG. Auch bei den Arisierungen bekam er einen Teil des Kuchens ab. Der Luxemburger Batteriehersteller Léon Laval, der sich standhaft weigerte, seine Fabrik zu verkaufen, wurde kurzerhand in einem Konzentrationslager inhaftiert. So kam Quandt günstig an die Fabrik des Konkurrenten. Er wurde am 18. Juli 1946 verhaftet und interniert, aber im Juli 1948 in einem Gerichtsverfahren nur als Mitläufer eingestuft. Er verstarb unbehelligt im Alter von 73 Jahren.

11. Karl Rasche war 1935 – 1945 Vorstandsmitglied der Dresdner Bank. Charakteristikum: „Wer marschiert hinter dem ersten Tank? Das ist Dr. Rasche von der Dresdner Bank!“. Dieser Spruch macht die Aggressivität deutlich, mit der sich die Dresdner Bank jüdische Geschäfte unter den Nagel riss. Er hatte als Mitglied der SS gute Verbindungen zu Wilhelm Keppler, (Berater von Hitler und Göring), und war Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“.

Nach Einschätzung der Justus-Liebig-Universität Giessen war Rasche verantwortlich für die erste Arisierung eines jüdischen Unternehmens, der Engelhardt AG, der zweitgrößten deutschen Brauerei. In der Zeit-online vom 21. April 1989 „Der Revolver lag schon auf dem Tisch“ wird anschaulich der Krimi beschrieben, wie der Inhaber der Brauerei Ignaz Nacher gezwungen wurde, sein gesamtes Vermögen an die Dresdner Bank zu verscherbeln. Nacher verlor nicht nur sein Brauerei-Reich: Sein bayerisches Landhaus „Gut Sauersberg“ bei Bad Tölz nahm sich der Industrielle Friedrich Flick. Nacher starb 1939 bettelarm in Zürich. (Brachiale Gewalt und subtilste Erpressung – den Nazis war jedes Mittel recht, um das Vermögen jüdischer Unternehmer in ihre Hände zu bekommen; „arische“ Großindustrie und Banken profitierten. Wie die „Arisierung“ im einzelnen geplant und ausgeführt wurde,)

Mit den vereinnahmten Dividenden aus den Aktien diente sich die Geschäftsbank den neuen Machthabern und der SS als finanzkräftige Hausbank an. Dabei profitierte Rasche von seinen guten Beziehungen zu Hermann Göring. Der sorgte dafür, dass die Dresdner Bank Hausbank seines Lieblingsunternehmens, des Montankonzerns Reichswerke AG, wurde.

„Die beherrschende Stellung, zu der sie in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft aufstieg, resultierte aus ihrer skrupellosen Ausnutzung aller Bereicherungsmöglichkeiten“, fasst 1946 der O.M.G.U.S.-Report die Ermittlungen zusammen.

Am 11. April 1949 wurde Rasche als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, im August 1950 vorzeitig entlassen, er verstarb im September 1951 an Herzinfarkt.

12. Philipp Fürchtegott Reemtsma, meldete sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig zur Infanterie, wurde später Flieger und trat nach schweren Kriegsverletzungen 1917 in die Zigarrenfirma seines Vaters in Erfurt ein.

Zur Blüte gelangte das Unternehmen nach anfänglichen Schwierigkeiten im Dritten Reich. Der Konkurrent Dressler versuchte nämlich mit der Firma Sturm, die SA durch Prämien auf seine Seite zu ziehen. Dabei kam ihm in seiner Propaganda zu Hilfe, dass Reemtsma Juden in leitender Position beschäftigte. Während die SA gewalttätig gegen Händler vorging, die Zigaretten des „verjudeten“ Konzerns anboten, ermittelte die Justiz wegen angeblicher Korruption in der Weimarer Zeit. Philipp F. Reemtsma wendete sich an Hermann Göring, den zweitwichtigsten Nazi, mit der Bitte, etwas gegen die lästigen Anti-Reemtsma-Attacken von SA und preußischer Justiz zu tun. Und das ließ er sich einiges kosten. Insgesamt 12,3 Millionen RM flossen an Hermann Göring. Dafür schlug Göring Anfang 1934 das Verfahren nieder. Görings „rechte Hand“, Paul Körner, erhielt jährlich 40.000 Mark. Sepp Dietrich, „persönlicher Begleiter des Führers“, der eine herausragende Rolle bei der Liquidierung der SA-Führungsspitze während des „Röhm-Putsches“ spielte und selbst zusammen mit weiteren SS-Leuten am 30. Juni 1934 sechs prominente SA-Führer ermordete, erhielt nach diesen Taten eine Reemtsma-Spende von 40.000 Mark. So viel wie Reemtsma spendete niemand anderer.

Diese Spenden zahlten sich tausendfach aus: 1935 produzierte Reemtsma rund 75 % der etwa 40 Mrd. Zigaretten, die man damals jährlich in Deutschland rauchte.

Der Absatz von Zigaretten stieg mit Kriegsbeginn stark an. Jeder Soldat erhielt monatlich eine Sonderration. Den Rekord schaffte Reemtsma im Herbst 1941: Als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, verkaufte er in einem einzigen Monat 3,7 Milliarden Zigaretten. Die Soldaten marschierten mit Reemtsma-Zigaretten in der Tasche in Richtung Moskau.

Durch die Nähe von Reemtsma zum Nazi-Regime (Hermann Göring badete nackt im Schwimmbecken von Reemtsmas Hamburger Villa) konnte er sich einiges erlauben. Die Firma unterstützte jüdische Zigarettenindustrielle und eigene Angestellte bei der Emigration. Und Bruder Hermann F. Reemtsma förderte den verfemten Ernst Barlach, präsentierte dessen Skulpturen in seinem Haus.

Die drei Reemtsma-Brüder wurden 1945 von den Briten interniert. Sie hatten kein Schuldbewusstsein wegen ihrer Förderung des Regimes und empfanden auch keine Reue. Philipp F. Reemtsma saß über 20 Monate in Lagern und Haftanstalten, bis ihn ein deutsches Gericht 1948 wegen der Zahlung von insgesamt 12,3 Millionen an Göring anklagte. Er wurde in erster Instanz schuldig, in zweiter freigesprochen. Im gleichen Jahr wurde er im Entnazifizierungsausschuss entlastet. Danach übernahm er erneut die Leitung des Unternehmens, das bis Ende der 1950er Jahre wieder den Hauptanteil am deutschen Zigarettenmarkt besaß.

Philipp F. Reemtsma starb Ende 1959 als Entnazifizierter.

13. Fritz Ries war seit 1933 Mitglied der NSDAP und einer von denen, die es geschafft haben, das Kriegsverdienstkreuz der Nazis und das Große Bundesverdienstkreuz der BRD zu bekommen.

Er hat die politische Landschaft in Nachkriegsdeutschland entscheidend mitgestaltet.

Ries hatte mit dem Geld seines Schwiegervaters, des Zahnarztes Dr. Heinemann den 120-Mann-Betrieb Flügel & Polter KG, Leipzig erworben. Durch Arisierungen und „Übernahmen“ erweiterte er diesen Betrieb zu einem Konzern mit über 10.000 Beschäftigten und wurde dessen Hauptgesellschafter.

Bei den von ihm „übernommenen“ Betrieben der Oberschlesischen Gummiwerke in Trzebinia (Westgalizien) beschäftigte er, laut einer „Gefolgschaftsübersicht“ vom 30. Juni 1942, insgesamt 2653 jüdische Zwangsarbeiter, davon 2160 Frauen und Mädchen. Nach Übernahme durch Ries stieg der Umsatz in Trzebinia innerhalb von 4 Monaten um das Zwölffache.

Die mörderische Ausbeutung erfolgte beispielsweise durch solche Anordnungen: „Wir haben den Arbeitskräften . . . erklärt, dass die Arbeitsleistung in den nächsten Tagen wesentlich gesteigert werden muss, da wir sonst annehmen, dass die Arbeit sabotiert wird“. (Missbach Artur) Das war eine klare Morddrohung, denn nachlassende Leistung oder gar Sabotage wurde mit sofortiger Umsiedlung in das knapp 20 Kilometer entfernte KZ Auschwitz geahndet, wo Arbeitsunfähige sofort vergast wurden.

Im polnischen Łódź übernahm Ries einen „arisierten“ Großbetrieb mit 15 Walzwerken. Er entzog rechtzeitig Maschinen für etwa 1,5 Millionen RM sowie einige hunderttausend Meter Stoff dem Zugriff der Roten Armee durch Verlagerung nach Westen. Durch die Flucht rettete er den Großteil seines liquiden Kapitals. Später bestritt er, etwas aus den Wirren des Krieges gerettet zu haben.

Anfang der 1950er Jahre meldete Ries Ansprüche als Vertriebener in Höhe von vier Millionen Mark an. Aufgrund des Lastenausgleichsgesetzes erhielt er eine (teilweise) Entschädigung für seine Produktionsstätten in der Sowjetischen Besatzungszone. Mit dem Geld gründete er die Pfälzischen Gummiwerke sowie die Badischen Plastic-Werke in Baden.

Aus den Pfälzischen Gummiwerken, die besonders im Präservative-Markt sehr erfolgreich waren, gingen die Pegulan-Werke AG in Frankenthal hervor. Ries hatte die Aktienmehrheit und war Vorstandsvorsitzender. Er war außerdem Ehrenvorsitzender des Verbands der Deutschen Bodenbelags-, Kunststoff-Folien- und Beschichtungsindustrie, Aufsichtsratsvorsitzender der Badischen Plastic-Werke in Bötzingen und Mitglied des Beirats der Commerzbank AG. Sein ehemaliger Fuchs bei der schlagenden Verbindung Suevia, Hanns Martin Schleyer, war stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats der Pegulan-Werke AG.

Ries förderte in der Bundesrepublik systematisch Politiker der Unionsparteien. Dazu gehörten neben Kurt Biedenkopf auch der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl sowie der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß, dessen Ehefrau Marianne Strauß in den 1970er Jahren eine zehnprozentigen Beteiligung der Pegulan-Tochter Dyna-Plastik-Werke hielt.

Auf seinem Schloss Pichlarn in der Steiermark wurde, wie Der Spiegel am 16.10.1972 unter dem Titel Korruption – Besuch im Schloss berichtete, gegen die bestehende SPD/FDP-Regierung intrigiert:

Mit Aufträgen von der Industrie und Beraterverträgen sowie durch eine Absicherung über die Landeslisten bei der nächsten Bundestagswahl sollte zunächst eine Vierer-, später eine Achtergruppe von Abgeordneten aus der SPD/FDP-Koalition herausgebrochen und der Union zugeführt werden. Dabei seien die Namen der FDP-Abgeordneten Gerhard Kienbaum (inzwischen aus der FDP ausgetreten), Wilhelm Helms (zur CDU übergetreten), Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm (CDU-Kandidat für den neuen Bundestag) und Karl Geldner (nach einem Scheinübertritt bei der FDP geblieben) gefallen.“ (KORRUPTiON: Besuch im Schloß – DER SPIEGEL 43/1972)

Häufig zu Gast auf Schloss Pichlarn waren außer Biedenkopf, Kohl und Strauß beispielsweise folgende Personen:

– Dr. Eberhart Taubert, von 1942 an Chef des Generalreferats Ostraum, daneben seit 1938 auch Richter am 1. Senat des berüchtigten Volksgerichtshofs, beteiligt an Todesurteilen gegen Widerstandskämpfer. Ministerialrat Dr. Taubert lieferte Text und Idee zu dem 1940 uraufgeführten Hetzfilm Der ewige Jude, worin die in KZs und Gettos eingepferchten Juden mit Ratten und anderem lebensunwerten Ungeziefer verglichen wurden. Er gehörte in der Bundesrepublik zu den Gründern des Volksbundes für Frieden und Freiheit, der zentralen antikommunistischen Organisation der Bundesrepublik. Er leitete in enger Abstimmung mit Ries und Strauß sowie mit finanzieller Hilfe aus Bonn und von etlichen Industriellen die Hetzkampagnen gegen Willy Brandt und den Aufbau ultrarechter und neonazistischer Gruppen und Presseorgane.

– Siegfried Zoglmann, ab 1934 HJ-Führer in der Reichsjugendführung in Berlin, 1939 Oberster HJ-Führer im Protektorat Böhmen und Mähren und Abteilungsleiter des Reichsprotektors. Ab 1950 Mitglied des NRW-Landesvorstands der F.D.P., ab 1972 CSU-Abgeordneter. Mit seiner Hilfe sollte Willy Brandt gestürzt werden.

– Rudolf Tesmann, ehemaliger SS-Obersturmbannführer, ab 1948 im Horten-Konzern tätig, zuletzt als Generalbevollmächtigter, außerdem Präsidiumsmitglied des Wirtschaftsrats der CDU.

Ries hat sich am 20. Juli 1977 in seinem Haus in Frankenthal angeblich selbst erschossen, weil seine Firmengruppe in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war, obwohl er im Prozess gegen Bernt Engelmann geprahlt hatte, dass er einige zehn Millionen im Ausland habe, wie der Spiegel vom 05.04.1976 berichtet. (UNTERNEHMER: Millionen im Ausland – DER SPIEGEL 15/1976) Der Leichnam wurde obduziert und die Frankenthaler Staatsanwaltschaft war in aufwendigen Ermittlungen vergeblich bemüht, Fingerabdrücke auf der Pistole zuordnen zu können. Drei Monate später wurde sein Fuchs aus Studentenzeiten Hanns Martin Schleyer erschossen.

Im Jahre 1977 starben einige Männer aus den Reihen der Bourgeoisie unter nicht in jedem Fall vollständig aufgeklärten, aber mit einem Beigeschmack versehenen Umständen, was zumindest Stoff zum Nachdenken gibt:

Am 7. April 1977 wurde der Generalbundesanwalt am Bundesgerichtshof, Siegfried Buback, mit der NATO-Standardwaffe Heckler & Koch HK 43 erschossen. Buback ermittelte in Sachen Terrorismus, Spionagefälle und auch in der Guillaume-Affäre, die 2 Jahre zuvor zum Sturz von Willy Brandt geführt hatte. Sein Sohn Michael war der Ansicht, dass die Geheimdienste von der Tat im Vorfeld wussten, also die RAF entweder unterwandert hatten oder eigene Operationen unter diesem Label durchführten und er warf der Generalbundesanwältin Monika Harms vor, dass sie die seiner Ansicht nach dringend tatverdächtige Verena Becker decke.

Am 30. Juli 1977 – 10 Tage nach dem Tod von Fritz Ries – wird Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG, in seinem Haus in Oberursel (Taunus) erschossen. Auch Pontos Tochter Corinna ging davon aus, dass die Täter Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Susanne Albrecht von Geheimdiensten instrumentalisiert wurden.

Am 5. September 1977 wird Hanns Martin Schleyer durch ein Kommando der RAF entführt und am 19. Oktober erschossen aufgefunden. Schleyer wurde zuerst in einer Wohnung in Erftstadt-Liblar versteckt. Die zur Aufklärung gebildete Sonderkommission ging, ähnlich wie beim Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), vier Hinweisen der örtlichen Polizei auf das Versteck nicht nach.

(Auch hier hat Bernt Engelmann hervorragende Arbeit geleistet: In seinem Buch Großes Verdienstkreuz (ISBN: 3570022595) hat er einiges über Fritz Ries geschrieben und mit Dokumenten unterlegt.)

14. Paul Walter (eigentlich Walther) Rohland, (auch als Panzer-Rohland bekannt) leitete das Werk der Tochter der Vereinigten Stahlwerke AG, die Deutsche Edelstahlwerke AG in Krefeld von 1930 bis 1940 und war Mitglied des Vorstands dieser AG von 1933 bis 1940.

Er wurde 1933 Mitglied der NSDAP und übernahm von 1940 bis 1943 die Leitung des „Sonder- (später Haupt-)ausschusses Panzerwagen“ im Reichsministerium für Bewaffnung und Munition und war damit Verantwortlicher für die Rationalisierung und Organisation der Panzerproduktion. Seit 1942 war er zusätzlich Vorsitzender des Industrierats im Oberkommando des Heeres (OKH) und ist deshalb mitverantwortlich für Zwangsarbeit und Ausbeutung der besetzten Gebiete. 1943 erhielt er das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

Parallel zu seiner politischen Laufbahn entwickelte sich auch seine Karriere in der Vereinigten Stahlwerke AG. 1941 wurde er Mitglied des Vorstandes und übernahm ab 1943 den Vorsitz.

Rohland gilt als Vertrauter Albert Speers, dessen Angehörige er später im Rahmen des „Rudolf-Wolters-Schulgeldfonds“ finanziell unterstützte. Er verhinderte zusammen mit dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition die konsequente Durchführung des Nerobefehls vom 19. März 1945, der u.a. eine Vernichtung der industriellen Grundlagen an der Ruhr vorsah.

Deshalb trat Rohland auch als Entlastungszeuge für Albert Speer auf, der stets behauptete, vom Holocaust keine genaue Kenntnis gehabt zu haben. Rohland unterschrieb eine eidesstattliche Erklärung, dass er zusammen mit Speer die Gauleitertagung vom 6. Oktober 1943 verlassen habe, noch bevor sich Heinrich Himmler in seiner zweiten dortigen Posener Rede offen und eindeutig zur Ermordung der europäischen Juden bekannte.

Nach Ende des Krieges wurde Rohland kurz inhaftiert und trat als Zeuge im Nürnberger Prozess im Verfahren gegen Friedrich Flick und Alfried Krupp von Bohlen und Halbach auf. 1948 erhielt er im Rahmen der Entnazifizierung eine Einstufung als „Mitläufer“ und arbeitete seitdem mit seinem „Westdeutschen Ingenieurbüro Dr. Rohland GmbH (Wedexro)“ erfolgreich als Berater der Industrie. In der Bundesrepublik fand er gesellschaftliche Anerkennung, so wurde er z.B. Mäzen und Ehrenbürger der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Er verstarb 1981.

15. Hanns Martin Schleyer war Nazi mit Leib und Seele. Mit 16 Jahren trat er in die Hitler-Jugend und 2 Jahre später, am 1. Juli 1933, in die SS ein.

Im Frühjahr 1935 warf er seinem studentischen Corps Suevia „mangelnde nationalsozialistische Gesinnung“ vor, weil dieses sich weigerte, jüdische Alt-Herren auszuschließen, und trat unter öffentlichem Protest aus, woraufhin er vom Corpsburschen-Convent der Suevia mit Schimpf und Schande ausgeschlossen wurde. Sein Fuchsmajor bei der Suevia war Fritz Ries (siehe oben).

Er schloss sich dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSStB) an und fand im Heidelberger Studentenführer (und späteren Gauleiter) Gustav Adolf Scheel einen ersten wichtigen Mentor. Während der Auseinandersetzung um das Heidelberger Spargelessen, eine Reihe von gegen Hitler gerichteten Bekundungen Heidelberger Corpsstudenten, vertrat Schleyer entschieden den Standpunkt der Nationalsozialistischen Studentenschaft, deren Funktionär er wurde. 1937 trat er dann folgerichtig in die NSDAP ein.

Im Juli 1941 übernahm Schleyer die Leitung des Studentenwerks der Deutschen Karls-Universität in Prag und wurde am 1. April 1943 Sachbearbeiter im Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren. Der Verband war unter anderem für die Arisierung der tschechischen Wirtschaft und die Beschaffung von Zwangsarbeitern für das Deutsche Reich zuständig.

Es gibt glücklicherweise Schriftsteller, die über das Wirken von Schleyer und seinen Kumpanen Recherchen anstellten. In Villa Waigner – Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45 (ISBN: 3-930-786575) schildert Erich Später den Prozess der Entrechtung, Enteignung, Deportation und Ermordung der tschechischen Juden. Beispielhaft rekonstruiert er die Enteignung und Ermordung des jüdischen Ehepaares Waigner, dessen Prager Villa ein begehrtes Objekt der Begierde hoher Nazifunktionäre wurde. Ab 1944 wohnte der SS-Untersturmführer Hanns Martin Schleyer in der „Judenvilla“.

Dank des Schriftstellers Bernt Engelmann kam noch folgendes an das Licht der Öffentlichkeit: Am 5. Mai 1945, zwei Tage vor der deutschen Kapitulation, hatten tschechische Aufständische ein Schulgebäude umzingelt, in dem sich eine SS-Einheit verschanzte, die 20 Geiseln in ihrer Gewalt hatte. Gegen Garantien für die SS-Leute kam es zur Freilassung der 20 Geiseln, indem sie gegen die Frau und das Kind des SS-Kampfkommandaten ausgetauscht wurden. Am nächsten Morgen richtete die SS in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes ein Massaker an: 41 Menschen, unbewaffnete alte Männer, Kinder unter drei Jahren und Frauen, darunter zwei Hochschwangere waren die Opfer. Auf Schleyer, der selbst äußerte, der letzte Kampfkommandant von Prag gewesen zu sein, passte als einzigen SS-Führer die folgende Beschreibung: 30 Jahre alt, verheiratet, sein Sohn sieben Monate alt und das Gesicht geziert mit Mensurnarben. Gegen diese Veröffentlichungen von Engelmann wurden niemals rechtliche Schritte unternommen. Sie dürften also wahr sein. (siehe Bernt Engelmann – Großes Bundesverdienstkreuz ISBN: 3-570-022595)

Nach dem Massaker floh Schleyer zu seinen Eltern nach Konstanz. Dort wurde er verhaftet und kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Nach drei Jahren, im April 1948 wurde er entlassen. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er zunächst zum Minderbelasteten erklärt. Hiergegen legte Schleyer Widerspruch ein und wurde dann im Revisionsverfahren zum Mitläufer herabgestuft. Um das Strafmaß zu reduzieren, hatte er angegeben, dass er nur SS-Oberscharführer anstatt SS-Untersturmführer gewesen sei.

Schon am 1. März 1949 wurde er Referent bei der Industrie- und Handelskammer Baden-Baden. Zum 1. Oktober 1951 wechselte er als Sachbearbeiter zur Daimler-Benz AG. Er stieg rasch auf und wurde zum 1. Januar 1959 als stellvertretendes Mitglied in den Vorstand berufen. Ab dem 1. Oktober 1963 war er dann ordentliches Vorstandsmitglied, zuständig für das Ressort Personal- und Sozialwesen.

1951 gründete Daimler Benz in Argentinien über Strohmänner eine Niederlassung. Unter den Leuten, die eingestellt wurden, sind einige geflohene Nazis, darunter ein gewisser Adolf Eichmann. (Schleyer wurde des öfteren von „alten Kameraden“ um Gefälligkeiten und Spenden gebeten.) Nach dem Sturz Perons wurde die Firma beschlagnahmt. Schleyer musste nach Argentinien, um zu retten, was zu retten ist. Nach Zahlung einer hohen Geldstrafe wegen Steuerbetrugs wurde Mercedes-Benz Argentina eine Tochtergesellschaft von Daimler Benz.

Als Vorsitzender des Landesverbands der Metallindustrie wurde Schleyer als knallharter Verhandler in Tarifrunden berühmt und berüchtigt. Streikende Metallarbeiter ließ er in mehreren Fällen einfach aussperren. Er verstand unter Freiheit vor allen Dingen das freie Unternehmertum. Der Unternehmer hatte über dem Parlament zu stehen und musste eingreifen, wenn das Parlament falsche Entscheidungen fällt.

1970 wurde er Mitglied der CDU und am 6. Dezember 1973 zum Präsidenten der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gewählt. Ab dem 1. Januar 1977 amtierte er zusätzlich als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und konzentrierte so eine ungeheure Machtfülle in einem einzelnen Menschen.

1977 wurde er von der RAF entführt und in Frankreich erschossen.

16. Hermann Schmitz war Vorstandsmitglied in der „Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenindustrie“, dem Vorläufer des späteren Zusammenschlusses zur I.G. Farben. In dieser Position war Schmitz einer der Vertreter Deutschlands als Sachverständiger bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.

Bei dieser Gelegenheit lernte Schmitz Carl Bosch kennen, den Vorstandsvorsitzenden der BASF und trat 1919 in diese Firma ein, die 1925 in der I.G. Farben aufging. Er wurde persönlicher Finanzberater von Bosch, der durchsetzte, dass Schmitz bald zum Finanzdirektor der I.G. Farben aufstieg. 1925 erwarb Schmitz im Namen der I.G. Farben das Patent auf das Bergius-Verfahren zur Hochdruck-Verflüssigung von Kohle zu Öl. Von 1926 an war er Mitglied des Vorstands des Konzerns. Er war der Initiator und Hauptaktive bei der Verschleierung des Auslandsbesitzes der I.G. Farben vor den Alliierten durch Gründung von Tarngesellschaften, wie beispielsweise der Interhandel. Schmitz’ raffiniertes Vorgehen zeigte sich erneut 1928: Im Vorfeld einer Aktienemission der I.G. Farben in Höhe von 250 Millionen Reichsmark kündigte er eine Anhebung der Dividende an, um damit den Aktienkurs zu steigern. Nach Ausgabe sank der Kurs durch von ihm veranlasste Maßnahmen wieder. Damit brauchte der Konzern rund 10 Millionen Reichsmark weniger Dividende auszahlen und die Aktien konnten mit Gewinn zurückgekauft werden. Dieses Vorgehen war eigentlich ein Verstoß gegen den § 226,1 (Aktienrückkauf) des damaligen Handelsgesetzes.

Schmitz war von November 1933 bis 1945 Mitglied des Reichstags und trat der NSDAP bei. 1935 wurde er zum Wehrwirtschaftsführer ernannt und erhielt 1941 das Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse. 1935 wurde Schmitz Boschs Nachfolger als Vorstandsvorsitzender der I.G. Farben und war somit hauptverantwortlich für den Einsatz von Zwangsarbeitern in den Fabriken der I.G. Farben und für die Finanzierung und Errichtung des KZ Auschwitz III Monowitz. Im I.G.-Farben-Prozess wurde er 1948 wegen Plünderung zu vier Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, aber schon 1949 entlassen.

Schmitz wurde 1952 Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank Berlin-West und 1956 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Rheinischen Stahlwerke (Rheinstahl), deren größter Aktionär in der Zeit des Nationalsozialismus die I.G. Farben war. Er verstarb 1960.

17. Franz Josef Strauß (FJS) war ein besonderes Kaliber.

Wer noch einmal das Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen.“ Sagte FJS im Jahre 1949. (Worte von Franz Josef Strauß | ZEIT ONLINE) 7 Jahre später war er Bundesverteidigungsminister (BVM). Er hatte natürlich nicht zu befürchten, dass ihm die Hand abfällt, weil er kein Gewehr in die Hand nehmen musste. Die Hände der Soldaten waren ihm egal, Hauptsache, sie konnten tragen und schießen. Er machte nur die Geschäfte mit den Waffen.

Er war ein Meister der Täuschung, der Lüge und der Intrige. Das hatte er bei den Nazis gelernt als Offizier für wehrgeistige Führung. Und das wurde man nur, wenn man sich die Ideologie des Nationalsozialismus zu 100 Prozent zu eigen gemacht hatte und auch die Fähigkeiten mitbrachte.

Nachträglich sollte er noch zum Widerstandskämpfer aufgebaut werden, indem man ihm Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst OSS nachsagte. Wenn dem tatsächlich so gewesen sein sollte und er den Amerikanern Koordinaten zum Angriff auf Würzburg geliefert hat, hat er sich auch noch der Beihilfe zum Massenmord an 5.000 Würzburgern und der Zerstörung der historischen Altstadt schuldig gemacht (Dokumentation: Zu einer möglichen Spionagetätigkeit von Franz Josef Strauß für das Office of Strategic Services (OSS) | bpb). Fest steht, dass die Akte des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR über Strauß vom bayrischen Verfassungsschutz aufgekauft und vernichtet wurde.

Nach Kriegsende machte sich Strauß durch seine guten Englisch-Kenntnisse bei den amerikanischen Besatzungsbehörden in Schongau in Bayern unentbehrlich. Er wurde ständiger Begleiter des Chefs der für den Landkreis Schongau zuständigen Einheit des militärischen Geheimdienstes (CIC) First Lieutenant (später Captain) Ernest. F. Hauser. Dieser Hauser wurde auch der Schrecken von Schongau genannt. Er war in seinem Bereich ein unumschränkter Herrscher. Er ließ eingesperrte Nazis gegen Sachwerte wieder laufen, sperrte dafür andere, mitunter völlig Unschuldige ein, darunter auch hübsche junge Frauen, die ihm nicht zu willen waren. Wir treffen Ernest F. Hauser später in der Starfighter-Affäre wieder.

Schon am Anfang seiner jungen Karriere zeigte Strauß, wie man sich Mehrheiten zusammen kauft. Es ging um die Frage, ob Bonn oder Frankfurt am Main Bundeshauptstadt werden soll. Strauß als Generalsekretär der CSU sorgte dafür, dass einige Mitglieder der Bayernpartei, die nicht für Bonn, aber in finanziellen Nöten waren, mit Geldgeschenken aus nicht verbrauchten Mitteln aus dem Wahlkampffonds der Union umgestimmt wurden.

FJS war der erste Atom-Minister der Bundesrepublik. Er setzte sich entschieden für die Erforschung und Nutzung der Kernenergie ein und forderte, dass bis 1970 die ersten Kernkraftwerke Strom produzieren sollten. Am 25. Juli 1956 stellte er einen Gesetzentwurf zur „Erzeugung und Nutzung der Kernenergie“ vor, der 1960 zum ersten deutschen Atomgesetz führte. Ihm haben wir zu verdanken, dass Deutschland bzw. dessen zukünftiger Nachfolger sich noch über Jahrhunderte mit dem Problem der Atommüllentsorgung herumschlagen muss.

Das genügte ihm aber nicht. Er wollte unbedingt Verteidigungsminister und damit Oberbefehlshaber der im November 1955 gegründeten Bundeswehr werden. Er verfolgte ganz besondere Ziele: Die Bundeswehr sollte sich vorwärts verteidigen, also angreifen. Zu diesem Zweck wollte Strauß sie mit Raketen ausrüsten und auch atomar bewaffnen. Er setzte eine Flut von Intrigen gegen den amtierenden Verteidigungsminister Theodor Blank (CDU) in Gang und es gelang ihm tatsächlich, Blank mithilfe dieser Intrigen aus dem Amt zu verdrängen und am 16. Oktober 1956 seinen Posten zu übernehmen.

Angekommen im innersten Zirkel der Macht, setzte FJS diese Macht ein, um die Geschäfte der darniederliegenden Rüstungsindustrie mit lukrativen Aufträgen anzukurbeln und die zu verfolgen, die sich gegen ihn stellten. So bezeichnete er gern kritische Schriftsteller, wie z.B. Bernt Engelmann, aus dessen Schwarzbuch über Franz Josef Strauß (Kiepenheuer & Witsch) einige Passagen hier übernommen wurden, als Ratten und Schmeißfliegen. Diese Wortwahl wurde noch einmal von seinem Sekretär Edmund Stoiber gegenüber Südfunk-Redakteuren bekräftigt (AFFÄREN: Das deutsche Wort – DER SPIEGEL 9/1980).

Dazu muss man wissen, dass ein gewisser Eberhard Taubert, ehemaliger Referatsleiter im Goebbels-Ministerium und zuständig für die Aktivpropaganda gegen die Juden, dem Bundesverteidigungsministerium unter Franz Josef Strauß ab 1958 als Mitarbeiter in Fragen der psychologischen Kampfführung diente. Von diesem Taubert stammten Idee und Text zu dem NS-Propagandastreifen Der ewige Jude. Der Film zeigt im Wechsel Aufnahmen von Ratten und Bilder von Juden aus dem Warschauer Getto. Herrn Taubert treffen wir später als Rechtsberater des Pegulan-Fabrikanten Fritz Ries wieder, von dem weiter oben schon die Rede war: die Seilschaften funktionierten hervorragend. Überall wurden die alten Kameraden wieder gebraucht. (AFFÄREN: Das deutsche Wort – DER SPIEGEL 9/1980)

Die großzügige Unterstützung der ach so notleidenden Rüstungsindustrie führte gleich zu den ersten beiden großen Skandalen unter vielen des FJS:

Der HS 30 – Skandal

Hierbei ging es um die Lieferung eines Schützenpanzerwagens des Typs HS 30 von der schweizerischen Firma Hispano-Suiza (HS). Der Vertrag war schon unter dem Vorgänger von Strauß Theodor Blank eingefädelt worden. Am 5. Juli 1956 beschlossen der Verteidigungs- und der Haushaltsausschuss in gemeinsamer Sitzung für die Beschaffung von 10.680 (zehntausendsechshundertachtzig) Schützenpanzern eine Bindungsermächtigung in Höhe von 2,78 Milliarden DM (das wären heute 7 Mrd €, HS-30-Skandal – Wikipedia), die höchste Summe, die bis dato für einen einzelnen Rüstungsauftrag ausgegeben wurde. Es wurden Anzahlungen von insgesamt 205 Millionen DM geleistet.

Das Dumme war nur: Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Prototyp, keine Null-Serie und natürlich auch keine Erprobungsergebnisse. Die Firma Hispano Suiza hatte auch noch nie einen Schützenpanzer gebaut, sondern nur eine Selbstfahrlafette. Der Auftrag war einfach durch massive Bestechung zustande gekommen. Der Reichsminister a.D. Gottfried Treviranus, der lt. einer eidesstattlicher Erklärung eine Bestechungsliste an FJS übergeben hat, was dieser aber bestritt, bezifferte die von HS gezahlten Bestechungsgelder auf 18 Millionen DM. Allein 3 Millionen DM sollen an Dr. Otto Lenz gezahlt worden sein. Lenz war Rechtsanwalt und Mitglied des Fraktionsvorstandes der CDU/CSU, gleichzeitig auch als Berater und Interessenvertreter des Hispano Suiza-Generalbevollmächtigten Conrado José Kraémer bei den HS 30-Vertragsvorbereitungen tätig.

Dieser Dr. Lenz starb am 2. Mai 1957 im Armen-Spital von Cotugno bei Neapel, angeblich an Malaria und Harnvergiftung. Auch andere an diesem Deal Beteiligten verstarben unter mysteriösen Umständen:

Der CDU-Politiker Werner Plappert, der 1969 vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagte, dass das Panzergeschäft auf deutscher Seite nur ein Mittel zur illegalen Parteienfinanzierung war, verschwand im Februar 1970 spurlos und wurde 1974 tot im Bodensee aufgefunden. (Bericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages zum HS 30-Skandal, Bundestagsdrucksache V/4527 vom 26. Juni 1969. In: Verhandlungen des Deutschen Bundestages, Drucksachen, Band 132.)

Der ehemalige Nazi, Gynäkologe (Spezialist für Abtreibungen bei von NS-Agenten geschwängerten Frauen) und Waffenhändler Otto Praun, der auch von den Schmiergeldzahlungen in der HS 30 – Affäre profitierte, wurde Ostern 1960 ermordet. Diesen Fall muss man sich etwas genauer ansehen, weil wir hier in die Abgründe der politischen Kriminalität hinabsteigen:

Am 4. Juni 1962 wurden 2 Unschuldige, Vera Brühne und ihr Freund Johann Ferbach in einem aufsehenerregenden Prozess für den Mord an Otto Praun nur auf der Grundlage von unzureichenden und wie sich später herausstellte falsch gedeuteten Indizien und aufgrund falscher Aussagen zu lebenslanger Haft verurteilt.

In dem Buch Die Vergangenheit, die nicht endete – Machtrausch, Geschäft und Verfassungsverrat im Justizskandal Brühne-Ferbach (ISBN: 3-883-493244) vom Herausgeber Ulrich Sonnemann hat die Publizistin Gaby Weber unter dem Titel Neue Recherchen und Mutmaßungen in mühevoller Kleinarbeit eine große Zahl von Fakten zu diesem Fall zusammengetragen (machtrausch_kapitel.pdf):

Sechs Jahre nach dem Urteil war in die Ermittlungen über den ermordeten Dr. Praun und seine zwielichtigen Geschäfte in einem Wiederaufnahmeverfahren auch das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) eingeschaltet worden. Einmal stellte das LKA fest, dass es Kreise gibt, die wissen, dass zwei Menschen für eine Tat bestraft wurden, die sie nicht begangen haben und die versuchen, auf die verschiedensten Arten, der Brühne und dem Ferbach zu einem Wiederaufnahmeverfahren zu verhelfen. (S. 40 ebda.) Das LKA stellte weiterhin fest, dass die Hauptbelastungszeugin Renate Meyer, die damalige Sprechstundenhilfe von Otto Praun, im Prozess gegen Brühne und Ferbach falsche Angaben gemacht hatte. Am 28 Januar 1969 gab Frau Meyer in einem Gespräch mit dem Würzburger Journalisten Hans-Dieter Orttner (alias Peter Anders) zu, dass sie vor Gericht gelogen habe. Frau Meyer verstarb kurz darauf, am 1. Februar 1969 in einem Schwabinger Krankenhaus, angeblich an Darmkrebs, obwohl sie von Nachbarn als kerngesund beschrieben wurde. Sie wurde sofort ohne Obduktion eingeäschert. (machtrausch_kapitel.pdf S. 39)

Im September 1967 gab der BND-Agent Roger Hentges bei der Bonner Staatsanwaltschaft zu Protokoll, dass er am 15. April 1960 um 1 Uhr nachts, also zu einem Zeitpunkt, an dem Praun offiziell schon einige Stunden tot war, mit seinem damaligen Chef und persönlichen Referenten des BVM Strauß, Oberst Werner Repenning und einem Mann mit dem Decknamen Schröder einen Besuch bei dem putzmunteren Praun gemacht habe. Er schildert die Vorkommnisse so: „Die Pistole hielt Dr. Praun in der rechten Faust. Sofort nach Abgabe des Schusses schlug Schröder dem Dr. Praun die Pistole aus der Hand. Während er sich bückte, fasste Repenning mich am rechten Arm. ‚Kommen Sie, Hentges, schnell weg.‘ Etwa 10 Minuten lang saß ich mit Repenning zusammen in dem PKW, als Schröder zu uns zurückkehrte. ‚Dem habe ich aber Bescheid gesagt.‘ (S. 42 ebda.)

Hentges schrieb am 26. April 1960 einen Brief an den BVM Strauß, in dem er sich von den Vorfällen in dieser Nacht distanzierte. Wörtlich schrieb er, dass ich von den Absichten ihrer zwei Vertrauenspersonen vorher nicht informiert gewesen bin, ich bin gegen solche Gewaltanwendung und es gab noch andere, elegantere Möglichkeiten, unseren Kontrahenten zur Raison zu bringen. (S.43 ebda.)

Danach befragt, warum er seine Aussage bei der Staatsanwaltschaft erst 5 Jahre nach dem Prozess gemacht hat, gab Hentges an, dass der inzwischen zum Brigadegeneral beförderte Werner Repenning ihm angedeutet hatte, dass der auf die Sache soweit Einfluss nehmen wolle, dass die Angeklagten auf irgendeine Weise frei kämen, bzw. begnadigt würden. (S. 43 ebda.) Repenning kam kurz darauf in eine hoffnungslose Lage. Strauß und Freunde ließen ihn fallen. Der Leiter des Anti-Korruptionsreferates beim BVM Ministerialrat Karl-Helmut Schnell, von dem gleich die Rede sein wird, leitete gegen ihn eine Untersuchung wegen Bestechung durch die Firma Lockheed ein. Repenning offenbarte sich seinem Seelsorger und ehemaligen Kriegskameraden Albrecht von Mutius, dass er kurz zuvor für Strauß eine Liste mit Gegenständen angefertigt habe, die als Bestechungsgeschenke von Lockheed nach Bonn gekommen waren und die alle in der Villa von Strauß zu finden seien. Am 2. Januar 1967 nahm sich, den Worten von Strauß an Repennings Grab zufolge der Depp das Leben. Aber vielleicht war es auch ganz anders. Strauß hätte so eine Aussage auch machen können, um abzulenken. Offiziell starb Repenning an Herzmuskelversagen. (S. 43/44 ebda.)

Jener Ministerialrat Karl-Helmut Schnell entpuppte sich als der geheimnisvolle Herr Schröder, mit dem zusammen Hentges und Repenning in der Nacht vom 15. April 1960 bei Praun gewesen waren. Schnell konnte als Anti-Korruptions-Bekämpfer eine erstaunlich hohe Summe Geldes beiseite schaffen.

Dieser Mann versuchte nun, im Januar 1969 einen anderen Zeugen im Prozess gegen Vera Brühne, den Geschäftsführer der Fritz-Werner-Betriebe Geisenheim (Waffenschmiede) Hans Brandes, zu veranlassen, den Agenten Roger Hentges als unglaubwürdig hinzustellen. Nun kannte Brandes den Hentges aber gut, sie hatten Ende der Fünfziger-Jahre ein gemeinsames Büro in Frankfurt. Brandes ließ sich nicht beeinflussen und hielt an seinen Aussagen fest. Im April 1971 wurde Brandes in einem Wald bei München vergiftet aufgefunden. Angeblich Selbstmord.

Derselbe Schnell gab in einer Vernehmung vom 5.2.1967 im Verfahren Großkopf gegen die BRD zu, dass der Eindruck entstand, dass tatsächlich die Beschaffung der Bundeswehr eine von der Korruption nicht zu trennende Angelegenheit sei. (S. 54 ebda.) Bestechung hat ja nicht nur den Effekt der persönlichen Bereicherung, sondern man baut sich gleichzeitig einen Kreis von abhängigen Unterstützern, einen eigenen Hofstaat auf. Dumm ist nur, wenn der eine oder andere, der zu viel weiß, den Hals nicht voll kriegen kann, und sein Wissen in bare Münze umwandeln will. Das kann und konnte seinem Leben abträglich werden.

Als der SPD-Politiker und Chef des Bundeskanzleramtes Horst Ehmke im März 1971 nach einer vorenthaltenen Akte beim BND in Pullach suchte, hielt er in einer Aktennotiz fest, wie Strauß ihn bedroht hatte: „Wenn du an die Praun-Geschichte gehst, dann musst du schon eine hohe Lebensversicherung haben. Wenn dir dein Leben lieb ist, dann lass die Finger von der Praun-Geschichte.“ (S. 34 ebda.)

Einer, der die Stufen hoch geklettert ist, war der Knastbruder Siegfried Schramm. Er war ein Mithäftling von Ferbach und als Polizeispitzel bekannt. Er hatte unter Eid ausgesagt, dass ihm Ferbach die Tat in allen Details in der Zelle gestanden habe. Statt für den Meineid zur Rechenschaft gezogen zu werden, kandidierte er als CSU-Mitglied zum Gemeinde- und Kreisrat im oberbayrischen Weilheim.

Zu guter Letzt ist noch zu erwähnen, dass Strauß das Buch Der bundesdeutsche Dreyfus-Skandal (ASIN: B00E4SOIHK) des Schriftstellers Dr. Ulrich Sonnemann über den Brühne-Prozess beschlagnahmen ließ. Eine der beliebten Maßnahmen von Strauß, um die Wahrheit zu unterdrücken. Auch gegen das Buch Die Vergangenheit, die nicht endete, aus dem hier zitiert wird, erzwang Karl-Helmut Schnell ein Verbot.

Alle Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurden von der bayrischen Justiz abgelehnt. Im Mai 1979 wurde Vera Brühne schließlich von Franz Josef Strauß begnadigt. Für Johann Ferbach kam das zu spät. Er war während der Haft verstorben.

Trotzdem Strauß den Vertragsabschluss über den Schützenpanzer nicht zu verantworten hatte, trieb er die Durchführung dieses Vertrages trotz aller desaströsen Meldungen nach anfänglichem Zögern energisch voran und belog ständig Parlament und Öffentlichkeit. (Bernt Engelmann – Das neue Schwarzbuch über Franz Josef Strauß, S. 55 ff., ISBN: 3-462-013904 )

So erklärte er am 3. November 1958, dass der Auftraggeber (also das BMV) diese Verträge ohne Angabe von Gründen jederzeit mit sofortiger Wirkung kündigen könne.

Am 18. Oktober 1966 erklärte er hingegen, dass die Lieferverträge wegen der eindeutigen Rechtslage aufgrund der hohen Schadenersatzansprüche nicht annulliert werden konnten.

Am 25. Oktober 1966 schob er eine dritte Version hinterher, nach der die Annullierung der Verträge wegen der inzwischen veranlassten Verbesserungen nicht mehr nötig gewesen wäre.

Zwei von einer Untersuchungskommission bestellte Rechtsanwälte stellten fest, dass die Bundesrepublik durchaus zum Rücktritt vom Vertrag oder zur Forderung von Schadenersatzforderungen wegen Nichterfüllung berechtigt sei. Es stünden ihr Ansprüche wegen Verschuldens bei Vertragsabschluss und positiver Vertragsverletzung zu.

Die ersten beiden Prototypen des Schützenpanzers waren eine Katastrophe. Trotzdem gab Strauß am 3. November 1958 die Erklärung ab, dass beabsichtigt sei, fünfzig Schützenpanzer bei der Truppe zu erproben und vier Monate nach Abschluss des Truppenversuches die Lieferungen aus der Serienproduktion beginnen würden und die Gesamtauslieferung im Frühjahr 1961 abgeschlossen sei.

Die Bundeswehr erhielt schließlich 2.176 Panzer für 517 Millionen DM zwischen September 1959 und Februar 1962. (HS-30-Skandal – Wikipedia)

Der Starfighter-Skandal

Um die atomare Bewaffnung voranzutreiben, traf Strauß im Oktober 1958 die Entscheidung, die Luftwaffe mit dem Starfighter F 104 der amerikanischen Flugzeugbaufirma Lockheed auszurüsten. Noch ehe über Preise, Lizenzgebühren, Garantien verhandelt worden wäre, erklärte Strauß gegenüber der Verluste produzierenden Lockheed, dass er sich endgültig für den Starfighter entschieden habe. Damit war Lockheed konkurrenzlos und konnte Preise und Bedingungen diktieren.

Es war dasselbe Muster wie beim HS 30: Noch ehe auch nur ein Prototyp des Starfighters F 104 G ausprobiert worden war, war schon die Entscheidung gefallen. Es war nicht so, dass es keine Konkurrenz gab. Nur war Lockheed bekannt dafür, dass die Firma sehr spendabel war und gern Schmiergelder an höchste Regierungsvertreter bezahlte (Lockheed-Skandal – Wikipedia). Auch Strauß hatte vor seinem Besuch bei Lockheed noch die französische Mirage favorisiert und sich nach dem Besuch für die F-104 ausgesprochen. Ein Beweis für Korruption wurde natürlich nie gefunden. Die meisten Lockheed-Dokumente des BMV waren bereits 1962 vernichtet worden (Lockheed-Skandal – Wikipedia). Auch eine Aussage seines ehemaligen Kumpel und damaligen Lockheed-Lobbyisten Ernest F. Hauser, nach der Franz Josef Strauß und seine Partei 1961 10 Millionen US-Dollar für den Kauf der Starfighter erhalten haben soll, brachte Strauß nicht in Verlegenheit. Es gab keine Beweise. Außerdem für Lockheed ein Taschengeld bei einem Auftrag von 5 Milliarden DM.

Auf jeden Fall wollte Strauß der bayrischen Luftfahrtindustrie einen Gefallen tun: der Starfighter sollte nämlich in Lizenz auch in Bayern zusammengebaut werden (Dornier, BMW/MAN, Messerschmitt). Und dieser amerikanische Schönwetter-Abfangjäger sollte mit US-Atombomben ausgerüstet werden.

Das BVM hatte noch einige andere Wünsche:

– eine Autopilot-Einrichtung

– ein Mehrzweck-Radar-System

– einen Bombenrechner

– einen Luftwertrechner

– eine Positions- und Zielfluganzeige

– Vorrichtungen zum Bau von Kameras

– ein Trägheitsnavigationsgerät.

Dafür bekamen die Prototypen der deutschen Version einen verstärkten Rumpf und ein anderes Triebwerk.

Im Grunde war es ein völlig neues Flugzeug, das mit vielen Konstruktionsfehlern belastet durch viele dramatische Abstürze auf sich aufmerksam machte.

Bis zur Ausmusterung 1991 waren 916 Stück des Witwenmachers bei der Bundeswehr im Einsatz, 300 gingen durch Unfälle verloren, davon 269 durch Abstürze. Die Entscheidung von FJS bezahlten 116 Piloten mit dem Leben. Ein Starfighter kostete 1,42 Millionen Dollar. (Lockheed F-104 G Starfighter: Der „Starfighter“ war ab den 60er Jahren das wichtigste Kampfflugzeug der NATO)

Da der Kurs DM-Dollar in den 60er-Jahren konstant auf 4:1 stand und erst in den 70er-Jahren fiel, auf der anderen Seite für die Nachrüstung 750 Millionen DM aufgewendet werden mussten, kann man getrost von einem Preisumfang von 5 Milliarden DM ausgehen. Also hat die Bundesrepublik rund 43 Millionen DM aufgewendet, um einen eigenen Piloten umzubringen, und das in Friedenszeiten.

Die Spiegel-Affäre

Nachdem der Spiegel immer wieder die Aktivitäten von FJS beleuchtet und immer wieder bei seinen verschieden Affären nachgehakt und den Finger in die Wunde gelegt hatte (FIBAG-Affäre, Onkel Aloys-Affäre), brachte die Zeitung in der Nummer 41/1962 einen Artikel unter der Überschrift Bedingt abwehrbereit vor folgendem Hintergrund heraus:

Die NATO probte mit dem Manöver Fallex 62 den 3. Weltkrieg. Die Manöverleitung ließ eine Atombombe von mittlerer Sprengkraft über einem Fliegerhorst der Bundeswehr explodieren. Weitere Atomschläge gegen die Flugplätze und Raketenstellungen der Nato in der Bundesrepublik, in England, Italien und der Türkei folgten (Bundeswehr: Bedingt abwehrbereit – DER SPIEGEL 41/1962).

Dabei stellte sich heraus, dass die Verbände der NATO und besonders die deutschen Verbände nicht in der Lage waren, dem sowjetischen Vorstoß ausreichend und nachhaltig Widerstand zu leisten. Strauß favorisierte deswegen statt der teuren Aufstockung der konventionellen Verbände die Ausrüstung der Truppe mit der amerikanischen Gefechtsfeld-Atomwaffe von kurzer Reichweite und begrenzter Wirkung Davy Crockett. Für ihn war das Wesen der Atombombe eine politische Waffe, mit der man die Angst der Bevölkerung vor der Bombardierung steigern kann. Die NATO kam dagegen zu folgendem Ergebnis: Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atom-Granatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich (Bundeswehr: Bedingt abwehrbereit – DER SPIEGEL 41/1962).

Die Untersuchung der Abwehrbereitschaft im Spiegel brachte das Fass des Herrn Strauß zum Überlaufen. Sein Parteifreund Friedrich August Freiherr von der Heydte erstattete Strafanzeige gegen die Zeitung und deren verantwortliche Redakteure wegen Landesverrats und landesverräterischer Fälschung. Herr von Heydte wurde 1944 als Fallschirmoffizier mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet und 1987 mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Nicht lange nach der Anzeige durchsuchten acht Beamte der Sicherungsgruppe Bonn, alsbald verstärkt durch drei Überfallkommandos und 20 Hamburger Polizisten, die Redaktionsräume und das Archiv, besetzten die Telefonzentrale und beschlagnahmten alle Papiere, die mit Militärischem oder mit Strauß-Affären zu tun hatten. Es gab einen öffentlichen Aufschrei. Es wurde klar, dass es sich nicht um einen Abgrund von Landesverrat handelte, sondern um einen Abgrund von Amtsanmaßung, Kompetenzüberschreitungen, Rechtsverletzungen und Lügen handelte:

Strauß hatte in einem nächtlichen Telefonat nach Madrid mit seinem dortigen Spezi, dem Militärattaché Achim Oster, der ihm beim Sturz des ehemaligen BVM Blank geholfen hatte, veranlasst, dass der als Urlauber in Spanien weilende Redakteur Conrad Ahlers von der spanischen Polizei festgesetzt wurde. Ein Haftbefehl von Interpol sei unterwegs. Dabei hatten Justizministerium sowie Bundesanwaltschaft ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Einschaltung von Interpol bei der Verfolgung von politischen Angelegenheiten nicht zulässig sei.

Es wurden insgesamt 7 Spiegel-Redakteure verhaftet, auch der Chefredakteur und Herausgeber Rudolf Augstein. Der später von der RAF ermordete Generalstaatsanwalt Siegfried Buback hatte die Haftbefehle auf seiner persönlichen Schreibmaschine getippt, damit niemand Wind von der Sache bekommt.

Der damalige Bundesjustizminister Wolfgang Stammberger (FDP) wurde von der Aktion gegen den Spiegel nicht unterrichtet.

Strauß behauptete gar, er handle auf direkte Weisung des Bundeskanzlers, was von Adenauer ausdrücklich bestritten wurde. Der Fraktionsvorstand der CDU/CSU gab am 29.11.1962 eine offizielle Erklärung heraus: „Der Bundeskanzler hat im Einzelfalle keine Weisung erteilt. Das gilt auch für die Frage der Nichtunterrichtung des Justizministers.“ (DOKUMENTATION – Dr. h. c. Strauß in eigener Sache vor dem Deutschen Bundestag – DER SPIEGEL 34/1965).

Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Adenauer den Spiegel erledigen und Leser und Anzeigekunden abschrecken wollte: „Gott, was ist mir schließlich Augstein. Der Mann hat Geld verdient auf seine Weise. Es gibt Leute, die ihm dabei geholfen haben, indem sie den Spiegel abonniert haben und Anzeigen hineingesetzt haben.“ (50 Jahre Spiegel-Affäre – Der Tag, an dem die Republik erwachte – Medien – Süddeutsche.de)

Strauß täuschte tagelang Parlament und Öffentlichkeit über seine Beteiligung bei der Aktion. Am 3. November 1962 behauptete er noch: „Ich habe mit der Sache nichts zu tun, im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun.“

Am 15. November schon gab er zu: „Ich habe nie behauptet, dass ich mit der ganzen Angelegenheit nie etwas zu tun gehabt habe.“ („ICH HABE MIT DER SACHE NICHTS ZU TUN“ – DER SPIEGEL 48/1962)

Strauß wurde durch andauernde Demonstrationen und den Austritt der FDP-Minister aus der Regierung dazu gezwungen, am 11. Dezember 1962 seinen Hut zu nehmen.

Die ganze Angelegenheit hatte ja auch eine positive Seite. Es gab die erste große Protestwelle der akademischen Intelligenz gegen staatliche Unterdrückung, die ein paar Jahre später in die Studentenrevolte von 1968 münden sollte.

An den Hochschulen verging kein Tag ohne Sit-ins, Demonstrationen und Protestaufrufe. „Spiegel tot, Freiheit tot“, „Sie schlagen den Spiegel und meinen die Demokratie“ oder „Augstein raus, hinein mit Strauß“ wurden zündende Parolen. Tausende Studenten strömten zu Podiumsdiskussionen. Hunderte Professoren unterschrieben Protestaufrufe, insgesamt mehr als 600 Wissenschaftler. Schriftsteller und Künstler traten für den Spiegel ein. Der konservative Schriftsteller Hans Habe, den der Spiegel vielfach geschmäht hatte, schrieb: „Die Aktion gegen den Spiegel und seinen Herausgeber stellt den größten Skandal seit der Verhaftung Carl von Ossietzkys dar.“

Der Publizist Sebastian Haffner, dem Spiegel nicht sehr gewogen, schrieb: „Das Gesamtbild ist nicht das eines rechtsstaatlichen Ermittlungsverfahrens, sondern eines von Vernichtungswillen getragenen kriegsähnlichen Überfalls der Staatsgewalt auf missliche Staatsbürger, wie sie dem Deutschen aus der nationalsozialistischen Zeit geläufig ist.“ (50 Jahre Spiegel-Affäre – Der Tag, an dem die Republik erwachte – Medien – Süddeutsche.de)

Und dieser Mann wollte 1980 Bundeskanzler werden. Es bildete sich eine breite Bewegung, die das einzige Ziel hatte, gerade das zu verhindern. In ganz Deutschland gingen die Menschen gegen Strauß auf die Straße, es bildeten sich Anti-Strauß-Aktionsbündnisse. Hunderttausende vor allem junge Menschen steckten sich Anti-Strauß-Pins an ihre Kleidung mit Mottos wie „Freiheit statt Strauß“, „Stoppt StrauSS“ (mit SS-Runen) oder „Gott schütze uns und unser Haus vor AKWs und Franz Josef Strauß“. (60 Jahre BRD – Strauß, bekannt für seine kraftstrotzende – Politik – Süddeutsche.de)

Die Schülerin Christine Schanderl vom Albertus-Magnus-Gymnasium in Regensburg machte damals Schlagzeilen, weil sie einen Stoppt-Strauß-Button in der Schule trug und ihn trotz Aufforderung nicht ablegte. Sie wurde daraufhin von der Schule verwiesen. Ihre Klage gegen den Rauswurf war erfolgreich.

Auch die Kampagne war erfolgreich. Die Union erlitt mit ihrem Kanzlerkandidaten eine entscheidende Niederlage und büßte 4,1 % der Wählerstimmen ein. Der Spiegel schrieb: 2,1 Millionen Unionswähler auf der Flucht vor FJS. Dieses Ergebnis verhalf Helmut Kohl, der 1982 Bundeskanzler wurde, zum Durchbruch.

Strauß wurde mit Ehrungen durch die bürgerlich-kapitalistischen Staaten nur so überschüttet. Lt. Wikipedia erhielt er 32 in- und ausländische Orden, darunter das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Bedingt einsatzbereite Waffensysteme sind nicht nur das spezifische Charakteristikum eines Franz Josef Strauß. Das können andere Bundesverteidigungsminister auch ganz gut. Am 9.8.2016 waren nur 12 von 27 Kampfhubschrauber vom Typ Tiger einsatzbereit. (Bundeswehr: „Tiger“-Hubschrauber sind für Mali einsatzbereit – SPIEGEL ONLINE)

Der Mehrzweckhubschrauber NH 90 gilt in der Branche als Hubschrauber mit vielen Problemen. (Sicherheit des Airbus-Helikopters NH90: Konzern rüstet nach – WELT)

Das Transportflugzeug A 400 M ist ein Pannenflugzeug. Probleme mit den Getrieben und der Softwaresteuerung der Triebwerke führten zu einem Absturz, diversen Flugverboten und massiven Verzögerungen. 53 Stück waren bestellt, bislang erhalten 5. Das BVM will jetzt Maschinen bei Lockheed bestellen. (Pannen-Airbus A400M: Luftwaffe muss US-Transportmaschinen zukaufen – WELT)

Alle 3 Typen werden von Airbus hergestellt. Sie funktionieren zwar nicht, wie sie sollen, aber dafür hat Airbus einen eigenen Mann beim Bundesverteidigungsministerium. Nach Recherchen von Frontal 21 vom 29.11.2016 arbeitet ein Mitarbeiter von Airbus ausgerechnet im Beschaffungsamt, der Behörde, die eigentlich für die Kontrolle der Rüstungsprojekte zuständig ist. (Frontal 21 Folge 562 HD(29.11.16) – YouTube)

18. Wilhelm Zangen wurde 1934 zum Generaldirektor der Mannesmannröhren-Werke ernannt.

Er trat1937 der NSDAP bei und wurde im selben Jahr Wehrwirtschaftsführer. Ab November 1938 war er Leiter der Reichsgruppe Industrie und Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf. Zusätzlich hatte er zahlreiche Aufsichtsratsposten inne. Im Sommer 1942 wurde er in die Reichsvereinigung Eisen berufen.

Zangen gilt als mitverantwortlich für die Verschleppung zahlreicher Fremdarbeiter nach Deutschland während des Zweiten Weltkrieges, weil er unter anderem in seiner Funktion als Mitglied im Industrierat des Oberkommandos des Heeres (OKH) auf ein „Arbeitskräftereservoir in Südosteuropa“ hinwies, welches für die Kriegswirtschaft auszubeuten sei.

Von Juli bis November 1945 war Zangen in einigen alliierten Internierungslagern als vermutlicher Kriegsverbrecher inhaftiert. Später wurde er vom Düsseldorfer Entnazifizierungsausschuss als „minderbelastet“ eingestuft.

Ab 1948 war er schon wieder Generaldirektor der Mannesmannröhren-Werke. Nach seinem Ausscheiden aus der Unternehmensführung 1957 wechselte er in den Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender er bis 1966 war.

1958 wurde Zangen Ehrendoktor der Universität Münster und erhielt 1965 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern. Er verstarb 1971.

Das war nur eine kleine Auswahl von Top-Managern der damaligen Konzerne und Banken und anderen Führungskräften. Die Mitgliedschaft in der Partei war nicht die Voraussetzung, diese Positionen zu besetzen. Das beweisen die Leiter der beiden größten deutschen Banken Abs und Goetz. Die meisten waren aber in der Partei, freiwillig, weil die Nazis die größten Profite gewährleisteten. Die Geschichte von dem Zwang ist ein Märchen, um sich selbst reinzuwaschen. Nein, sie waren die Nazis. Es fiel ihnen nicht schwer, das demokratische Mäntelchen der Weimarer Republik abzulegen und das wahre räuberische Gesicht des Kapitalismus zu zeigen und es fiel ihnen nach einer kurzen durch die Besatzungsmächte hervorgerufenen Karenzzeit auch nicht schwer, sich das demokratische Mäntelchen der Bundesrepublik wieder anzuziehen, weil die Grundlage der verschiedenen politischen Systeme immer die gleiche war, nämlich der Kapitalismus im Stadium der Monopole und Oligopole und damit die Konzentration von Besitz und Reichtum in den Händen von wenigen.

In den folgenden beiden Büchern werden die personellen Kontinuitäten in größerem Umfang beschrieben:

Karrieren im Zwielicht – Hitlers Eliten nach 1945 von Norbert Frei u.a., ISBN: 3-593-36790-4

Das Personenlexikon zum Dritten Reich von Ernst Klee, ISBN-10: 3868203117, ISBN-13: 978-3868203110

  • 3.f Zerschlagung der Nazi-Organisationen?

    Die NSDAP wurde am 10. Oktober 1945 mit allen Gliederungen und angeschlossenen Verbänden durch das Kontrollratsgesetz Nr. 2 des Alliierten Kontrollrates verboten.

    Aber schon im gleichen Monat, also 5 Monate nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurde die erste nationalkonservative deutsche Partei, die Nationaldemokratische Partei (NDP) gegründet.

    Gründer waren Heinrich Leuchtgens und Heinrich Fassbender, wobei der erstere Monarchist war und der zweite später mit Umweg über FDP und DNVP bei der NPD landete, deren stellvertretender Vorsitzender er wurde. Die NDP konnte 1948 nur in Hessen zu den Kreistagswahlen antreten. Sie erhielt, obwohl sie mangels Lizenzen in zwei Dritteln des Landesgebiets nicht wählbar war, landesweit 3,4%. Ohne Landeslizenz musste die NDP mit der zu dieser Zeit äußerst reaktionären FDP, in die Fassbender bereits übergetreten war, ein Wahlbündnis schließen. Aufgrund dieses Bündnisses kam der Vorsitzende der NDP, Heinrich Leuchtgens, als Abgeordneter in den Deutschen Bundestag.

    Der soziale Träger für die faschistischen Ideen ist in erster Linie das Kleinbürgertum. Die Begeisterung für diese Ideen ist aber nicht die einzige Eigenschaft des Kleinbürgertums. Andere sind Individualismus, Egoismus und Konkurrenzdenken und besonders für die Führer gilt Geltungsdrang, der fehlende Wille zur Unterordnung und persönliche Bereicherung. So nimmt es nicht wunder, dass in der Folgezeit immer neue nationalistische Gruppierungen aus dem Boden sprossen. Es wurde gegründet, zusammengelegt, abgespalten, aufgelöst, dass einem ganz schwindlig werden kann:

    Am 21. Januar 1950 schloss sich die NDP mit der Deutschen Konservativen Partei – Deutsche Rechtspartei (DKP-DRP) zur Deutschen Reichspartei (DRP) zusammen. Der radikalere Flügel der NDP unter Karl-Heinz Priester spaltete sich ab und agierte fortan als Nationaldemokratische Partei – Deutsche Reichspartei, welche eng mit anderen reaktionären Parteien wie mit der NSDAP-Nachfolgeorganisation, der Sozialistischen Reichspartei Deutschlands (SRP) zusammenarbeitete.

    Karl-Heinz Priester war noch vor der NS-Machtergreifung Führer im Jungvolk und Publizist bei der Hitler-Jugend. Im Zweiten Weltkrieg wurde er bei der Luftwaffe als Verbindungsoffizier zur Waffen-SS eingesetzt.

    Die Sozialistische Reichspartei Deutschlands (SRP) entstand am 2. Oktober 1949 als Abspaltung des nationalsozialistischen Flügels der DKP-DRP um Otto Ernst Remer, einem ehemaligen Generalmajor der Wehrmacht, und dem nationalistischen Schriftsteller Fritz Dorls. Prominenter Unterstützer der Partei war u.a. der ehemalige Luftwaffenoberst Hans-Ulrich Rudel.

    Da das Parteiprogramm der SRP dem der NSDAP sehr ähnlich war, rekrutierte die SRP ihre Mitglieder und Wähler vor allem unter ehemaligen NSDAP-Angehörigen. Sie zählte zeitweise annähernd 40.000 Mitglieder. Jeder zweite von ihnen hatte die nationalsozialistische Diktatur als Jugendlicher erlebt.

    Die SRP wurde am 23. Oktober 1952 wegen ihrer offenen Bezugnahme auf die NSDAP verboten. Sämtliche Mandate wurden ersatzlos gestrichen und es wurde die Einziehung des Parteivermögen angeordnet.

    Die Deutsche Reichspartei (DRP) ging Anfang 1950 aus einer Zusammenlegung der niedersächsischen Deutschen Rechtspartei, einem Landesverband der DKP-DRP, mit der Nationaldemokratischen Partei (NDP) hervor. Die DRP war bis 1953 im Bundestag vertreten, da sich ihr ein Teil der Abgeordneten der Deutschen Rechtspartei angeschlossen hatte, darunter der spätere DRP- und NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden.

    Sie kam 1951 und 1955 auch in den Landtag von Niedersachsen.

    Der DRP-Landesverband in Rheinland-Pfalz wurde 1960 verboten. Bei Wahlen blieb die DRP ohne dauerhafte Erfolge und verlor in der Zeit ihres Bestehens an Bedeutung. Als Krönung dieser Parteienorgie bildete die DRP im November 1964 zusammen mit Teilen der Gesamtdeutschen Partei (GDP), der 1962 von Heinrich Fassbender gegründeten DNVP und der DP Bremen in Hannover die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD). Was keinesfalls das Ende der Gründung von faschistischen Parteien war.

    1983 wurden in München von ehemaligen Mitgliedern der CSU die Partei Die Republikaner (REP) gegründet. 1994 wurde Rolf Schlierer Parteivorsitzender. Unter ihm verlor die Partei gegenüber anderen rechtsextremen Parteien wie der NPD an Bedeutung. Sie ist seit 2001 nur noch in kommunalen Parlamenten vertreten.

    Das Parteienkarussell drehte sich im März 1987 mit der Gründung der Deutschen Volksunion (DVU) weiter. Hauptfinanzier und Alleinherrscher war der Zeitungsverleger Gerhard Frey. Die Partei war in finanzieller Hinsicht vollkommen abhängig von ihm.

    Die DVU verschmolz ab Januar 2011 mit der NPD und der Rest löste sich im Mai 2012 endgültig auf.

    Ehemalige Mitglieder der DVU gründeten daraufhin am 27. Mai 2012 die Partei Die Rechte. Sie wurde ausdrücklich als Konkurrenz zur NPD gegründet, wegen deren weichgespültem Auftreten. Eine führende Rolle spielte der Aktivist Christian Worch. Der war schon aufgefallen als Leiter der Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS), stellvertretender Vorsitzender der FAP (siehe unten), Aktivist der Freien Kameradschaften (siehe unten) und durch mehrere Strafverfahren, in denen er einmal zu 3 Jahren und ein anderes Mal zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Die Partei fordert „die Aufhebung der Duldung von Ausländern“ und Freiheit für den Holocaust-Leugner Horst Mahler: Sie wird immer mehr zum politischen Auffangbecken für rechte Gestalten aus dem Dunstkreis der NPD und verbotener Kameradschaften. (Die Rechte: Diese Neonazi-Partei ist gefährlicher als die NPD)

    Die Pro-Bewegung entstand im Jahr 1996 mit der Gründung der Wählergemeinschaft Bürgerbewegung pro Köln. Es ist der Dachverband für z.B. die Bürgerbewegung pro NRW, pro Deutschland oder pro Köln, die als Keimzelle der pro-Bewegung gilt. Diese Bewegung hat sich wie die Alternative für Deutschland (AfD) das Schüren von Ängsten gegenüber Muslimen, die Ablehnung der multikulturellen Gesellschaft sowie die Warnung vor Islamisierung und Überfremdung auf die Fahnen geschrieben. Einem von pro Köln und pro NRW in 2008 durchgeführten Anti-Islamisierungskongress mit 100 Teilnehmern standen 40.000 Gegendemonstranten gegenüber. Im November 2017 hat Pro Deutschland ihre Auflösung beschlossen und ihre Mitglieder aufgefordert, zur AfD zu wechseln.

    Radikale völkische Nationalisten, unter ihnen ehemalige NPD-Funktionäre und Aktivisten des im Juli 2014 verbotenen Freien Netzes Süd (FNS), gründeten im September 2013 die Partei Der III. Weg. Sie versteht sich als Kaderpartei und wird als höchst gewaltbereit eingestuft. Sie propagiert einen deutschen Sozialismus als dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus in Anlehnung an die Programmatik des linken Flügels der NSDAP um Otto Strasser. Diese Ideen stoßen sowohl in der NPD als auch in den Freien Kameradschaften und den Autonomen Nationalisten auf Resonanz. Die Partei verbreitet rassistische Ressentiments gegen Asylsuchende und gibt Tipps zur Verhinderung von Flüchtlingsheimen heraus.

    Die drei zuletzt genannten Organisationen sind Miniparteien bzw. -vereine ohne nennenswerten Einfluss und Erfolge. Dafür sorgte eine andere Partei in letzter Zeit für Furore, die Alternative für Deutschland (AfD). Zur Einschätzung des Wahlprogramms 2017 siehe die Ausführungen auf dieser Website: (Einige Gedanken zum Programm der AfD – NORBERTs GESCHICHTEN ÜBER GESCHICHTE) Die AfD ist nach diesem Programm eine kleinbürgerliche Partei, aber sie ist aufgrund ihrer Flüchtlings- und Islamfeindlichkeit zum Sammelbecken rassistischer und neonazistischer Personen geworden. Im Jahre 2017 ist sie mit 11 Frauen und 83 Männern in den Deutschen Bundestag eingezogen. Mit den Stimmen der anderen bürgerlichen Parteien, darunter auch der SPD, sind drei ihrer Mitglieder zu Vorsitzenden in den Ausschüssen des Bundestages gewählt worden. Darunter der rechtspopulistische Hardliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, der vom Leiter des Instituts für Konfliktforschung und Strafverteidiger Günter Tondorf als geistiger Brandstifter bezeichnet wurde. (Jugendkriminalität: Senatorin geht auf Distanz zu Staatsanwalt – WELT) Reusch wurde Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, also dem Gremium, das sich u.a. mit den deutschen Geheimdiensten befasst.

    Das sind noch längst nicht alle Parteien im rechtsextremen Karussell: Z.B. wurde 1962 auf Betreiben des Arnsberger DSU-Bezirksvorsitzenden Erhard Kliese die Unabhängige Arbeiterpartei (UAP) als Abspaltung von der 1956 gegründeten Deutsch-Sozialen Union (DSU) ins Leben gerufen. Von der UAP wiederum spaltete sich 1968 in Baden-Württemberg die Sozial-Liberale Deutsche Partei (SLP) unter Martin Pape ab, die sich 1978 in Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) umbenannte. Die FAP war unter anderem berüchtigt für aggressiv-nationalistische Propaganda, ihre inhaltliche Nähe zum Nationalsozialismus und gewalttätige, rassistisch motivierte Übergriffe, vor allem gegen dunkelhäutige Menschen unterschiedlicher (auch deutscher) Nationalität und andere Minderheiten in Deutschland. Sie unterstützte kroatische Paramilitärs mithilfe angeheuerter Söldner aus Deutschland. (siehe: Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei – Wikipedia) Einige Anhänger und Mitglieder der FAP wurden wegen unterschiedlicher Straftaten angeklagt und verurteilt. Viele ehemalige Kader der FAP sind heute in der NPD und den Freien Kameradschaften aktiv. Sie wurde 1995 verboten.

    Wenn man sich auch über das auf dem Konkurrenzdenken basierende Parteienwirrwar lustig machen kann, so sind die zugrundeliegenden Ideen nicht so lustig:

    Diese Parteien propagieren einen völkischen Nationalismus. Mit der Forderung, dass eine Überfremdung verhindert werden müsse, agitieren sie für die Ausweisung der nichtdeutschen Bevölkerung aus der Bundesrepublik. Sie setzen sich für die Wiedereinführung der Deutschen Mark und den Austritt Deutschlands aus internationalen Bündnissen wie NATO und EU ein. Sie hetzen gegen Juden und sind gegenüber Israel feindlich gesinnt. Sie fordern einen autoritären Staat, der den Willen der Volksgemeinschaft durchsetzen soll. Sie setzen sich für die Rückverschiebung der deutsch-polnischen Grenze und Wiederherstellung der Staatsgrenzen Deutschlands auf den Stand von Ende 1937 ein. Das alles lässt sich durch folgende Begriffe umreißen: Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Revanchismus und Befürwortung einer Diktatur.

    Alle diese Ideen sind einerseits ein Aufwärmen von nationalsozialistischem Gedankengut und andererseits ein Aufgreifen der Stimmung in Teilen des Kleinbürgertums.

    Mit der FAP sind wir beim gewalttätigen Teil der Rechtsextremisten gelandet. Während die vorgenannten Parteien mit ihrer Ideologie, ihrer Hetze und ihrem Hass den Boden für die Gewalttaten vorbereiten, wird die Gewalt von anderen Gruppen in die Tat umgesetzt. Das hat für die Parteien den Vorteil, dass sie jederzeit den Vorwurf der Gewalttätigkeit zurückweisen können.

    Da sind zuerst einmal die verschiedenen Wehrsportgruppen (WSG) zu nennen.

    WSG’s führten Waffentraining und Gelände- und Nahkampfübungen durch. Eine Einzelkämpferausbildung gehörte dazu, sowie das lautlose Töten potentieller Gegner und des Wachpersonals an besonders gesicherten Objekten sowie das Legen von Hinterhalten und die Durchführung von Überfällen.

    Die bekannteste WSG, die durch ein fürchterliches Massaker auf sich aufmerksam machte, ist die WSG Hoffmann.

    Die 1973 von Karl-Heinz Hoffmann gegründete Gruppe übernahm anfänglich den Saalschutz für verschiedene rechtsextreme Veranstaltungen, z.B. der NPD und der DVU. Anlässlich einer Veranstaltung des reaktionären Hochschulring Tübinger Studenten am 4. Dezember 1976 in der Tübinger Universität verletzten Mitglieder der WSG Hoffmann mehrere Gegendemonstranten so stark, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. Auf einer „Hitler-Gedenkfeier“ der Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) am 22. Juli 1978 in Lentföhrden lieferten sich Mitglieder der WSG Hoffmann zusammen mit ANS/NA und NSDAP/AO-Anhängern eine Saalschlacht mit der Polizei.

    Die Aktivitäten der WSG Hoffmann wurde vom CSU- Politiker und Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß folgendermaßen heruntergespielt: Man solle Hoffmann doch „in Ruhe lassen“, wenn er „sich vergnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land mit einem Rucksack und einem mit Koppel geschlossenen ,battledress‘ spazieren geht“. (DER SPIEGEL 43/2011 – Im rechten Netz)

    Die WSG begriff sich als Speerspitze eines Umsturzes. In einem 1. Manifest der Bewegung zur Verwirklichung der Rational Pragmatischen Sozial-Hierarchie forderte Hoffmann „eine radikale Veränderung der Gesamtstruktur in allen Bereichen“. Das bestehende System sollte durch eine „nach dem Leistungs- und Selektionsprinzip ausgerichtete Führerstruktur“ ersetzt werden, wobei die Regierungsgewalt „von einer in der obersten Führung zusammengefassten Gruppe“ ausgehen solle. In dieser der „Volksgemeinschaft dienenden Staatsform“ sollten die Mitglieder der Regierung anonym sein. Wahlen wären verboten, Gewerkschaften und Kirchen seien zu entmachten. (siehe: Wehrsportgruppe Hoffmann – Wikipedia)

    Die WSG Hoffmann wurde am 30. Januar 1980 durch den Bundesinnenminister Gerhart Baum wegen des Ziels der Untergrabung und Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland verboten und aufgelöst.

    Bei Hausdurchsuchungen wurden nach offizieller Angabe in drei Bundesländern 18 Lastwagenladungen an Material beschlagnahmt. Darunter befanden sich u.a. Waffen wie Karabiner, Pistolen, Munition, Bajonette und Handgranaten.

    Nach dem Verbot setzte sich ein Teil der Gruppe in den Libanon ab. Hoffmann unterhielt gute Kontakte zur Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Sie stellte der WSG im Lager Bir Hassan im Süden von Beirut ein Teil des Geländes zur Verfügung. Von hier aus sollten terroristische Akte in der Bundesrepublik durchgeführt werden. Hartmut Brenneisen, Juliane Bohrer, Dirk Staack schreiben in ihrem Buch: 60 Jahre Grundgesetz. Polizei und Sicherheitsmanagement. Bd 6. LIT, Münster 2010, S. 216, dass es das Ziel der im Libanon tätigen WSG-Ausland war, die staatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland durch terroristische Akte zu bekämpfen und den Boden für eine Diktatur zu bereiten. Die Ziele der faschistischen WSG Hoffmann damals und des faschistischen Islamischen Staates (IS) heute liegen also nicht so weit entfernt voneinander.

    Folgerichtig verübte am 26. September 1980 das Mitglied der WSG Hoffmann Gundolf Köhler einen Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen, darunter Köhler selbst, getötet und über 200 zum Teil schwer verletzt wurden. (Zum Verhalten der bundesrepublikanischen Behörden in diesem Fall siehe den Abschnitt über die Geheimdienste.)

    Am 19. Dezember 1980 wurden der jüdische Verleger und ehemalige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Shlomo Levin, und seine Lebensgefährtin Frieda Poeschke in Erlangen von Uwe Behrendt, einem weiteren Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, erschossen. Levin hatte zuvor mehrfach öffentlich vor der deutschen Neonaziszene und insbesondere vor Hoffmann gewarnt. Die Tatwaffe, eine Maschinenpistole vom Typ Beretta, gehörte Hoffmann; am Tatort wurde die Brille von Hoffmanns Ehefrau Franziska Birkmann gefunden. Uwe Behrendt flüchtete anschließend in den Libanon. Bei späteren Prozessen berichteten Mitglieder der Wehrsportgruppe von den Plänen Hoffmanns, einen Staatsanwalt ermorden zu lassen. Obwohl Generalbundesanwalt Kurt Rebmann 1981 die im Libanon tätige Wehrsportgruppe Ausland zur terroristischen Vereinigung deklarierte, verhinderte der Bundesgerichtshof weitere Ermittlungen und ein Strafverfahren mit der Begründung, nur diejenige Gruppe, „die im räumlichen Geltungsbereich des Grundgesetzes besteht“, dürfe als terroristische Vereinigung verfolgt werden. (siehe: Wehrsportgruppe Hoffmann – Wikipedia )

    Sturm 34 wurde im März 2006 ausgerufen. Der Name war von einer SA-Brigade übernommen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der Region Mittweida stationiert war. Ziel der Gruppe war es, die Region durch Gewalt und martialisches Auftreten zu terrorisieren und einzuschüchtern. Sie richtete sich vornehmlich gegen Ausländer und Vertreter der Linken. Beispielsweise überfiel sie das Büro der Ortsgruppe der Linkspartei, Döner-Imbissstände, Afrodeutsche und Punks. Die Angriffe erfolgten meist aus einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe heraus. Die Gruppe wollte eine „national befreite Zone“ um Mittweida errichten.

    Der NPD-Kreisvorsitzende von Mittweida hat Sturm 34 mehrfach für Veranstaltungen angefordert. Dabei stiftete er deren Mitglieder zu Straftaten an, indem er sie beispielsweise aufgefordert hat, gegen Linke, die auf der Veranstaltung auftauchen würden, körperliche Gewalt anzuwenden.

    Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Die Linke) bezeichnete Sturm 34 als „den bewaffneten Arm der NPD“.

    Nach Hausdurchsuchungen am 26. April 2007, bei der unter anderem Schreckschusswaffen, Sturmhauben und rechtsextremes Propagandamaterial gefunden wurden, verbot der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo die Gruppe mit sofortiger Wirkung. (siehe: Sturm 34 – Wikipedia)

    Aufgrund der Verbote von mehreren faschistischen Parteien und Gruppen (FAP, Wehrsportgruppen, Sturm 34) bildeten sich Mitte der 1990er Jahre Freie Kameradschaften heraus. Das waren autonome, aber miteinander vernetzte Gruppen, die sich als Teil des nationalen Widerstandes verstehen, einer rechten Einheitsfront. Diese Gruppierungen haben keine feste Organisationsstruktur. Sie fallen nicht unter das Vereinsrecht, besitzen aber auch nicht das Parteienprivileg. Parteienprivileg heißt, dass die Parteien

    – das Recht haben, mit Landeslisten zur Bundestagswahl antreten zu können. Sonstige politische Vereinigungen dürfen dort lediglich Direktkandidaten nominieren.

    – in besonderem Maße vor einem Verbot geschützt sind. Ein Parteiverbot kann nur vom Bundesverfassungsgericht ausgesprochen werden.

    – vom Staat bei einer Wahl pro erhaltener Wählerstimme (und pro erhaltenem Spenden-/Beitrags-Euro) einen bestimmten Betrag (früher „Wahlkampfkostenerstattung“ genannt) bekommen. Außerdem sind die Mitgliederbeiträge bei der Einkommensteuer weit höher absetzbar als Spenden an beispielsweise gemeinnützige Vereine.

    Die Mitglieder dieser Kameradschaften sind tendenziell viel gewalttätiger als die Mitglieder der NPD, von der sie sich auch abgrenzen, weil sie die Teilnahme an den Wahlen zu diesem Schweinesystem ablehnen und das als Verrat an ihren Ideen betrachten. Und sie haben eine Vorliebe für Waffen und Sprengstoff. So wurden 1997/98 in Jena bei drei Mitgliedern des Thüringer Heimatschutzes Sprengstoffattrappen und drei Rohrbomben mit insgesamt 1,4 kg TNT gefunden. Ein vierter Kamerad hatte sich in Jena am 28. September 1998 beim Bombenbau selbst in die Luft gesprengt. Weitere Waffendepots der THS und zugehöriger Kameradschaften in Thüringen wurden in Heilsberg bei Saalfeld und 2004 in Weimar sowie 2003 das Sprengstofflabor eines 19-jährigen Neonazis in Ohrdruf entdeckt. Im Januar 2004 wurden zudem bei einer Abspaltung der Kameradschaft Elbmarsch in Pinneberg (Schleswig-Holstein) namens Combat 18 Pinneberg über ein Dutzend Schusswaffen nebst Beweisen für einen regen Waffenhandel unter norddeutschen Neonazis gefunden.

    Der ehemalige Funktionär und Schulungsleiter der FAP Detlef Nolde, der die Kameradschaft Treptow in Berlin gegründet und geleitet hatte, war in einen Mordfall verwickelt. Ein Mitglied dieser Kameradschaft verübte 1995 einen Brandanschlag auf das Jugendzentrum Gerard Philipe. Kay Diesner. ein weiteres Mitglied dieser Kameradschaft verletzte einen der PDS angehörenden Buchhändler mit Schüssen schwer und tötete kurz darauf einen Polizisten. Weitere Kameradschaftsmitglieder waren der 17-jährige Patrick Demming und der 20-jährige Carsten Müller, die zusammen eine Rohrbombe bauten, deren Opfer ein PDS-Mitglied in Treptow werden sollte.

    Zum 65. Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9. November 2003, plante die Kameradschaft Süd unter Führung von Martin Wiese ein Sprengstoffattentat bei der Grundsteinlegung des jüdischen Kulturzentrums am St.-Jakobs-Platz in München, das jedoch vereitelt werden konnte. (siehe: Freie Kameradschaften – Wikipedia )

    Eine andere Spielart dieser Struktur ohne Organisation sind die Autonomen Nationalisten.

    Im ersten Demonstrationsaufruf 2004 hieß es: „Der nationalrevolutionäre, schwarze Block unterscheidet sich nicht hauptsächlich durch sein Äußeres von den anderen Demonstrationsteilnehmern, sondern durch die revolutionären Inhalte und seine Aktionen (Blockaden, Besetzungen, Verweigerungen, etc.): Wir glauben nicht daran, dass das kapitalistische System reformiert oder verbessert werden kann – das vorherrschende System IST der Fehler und muss durch eine neue, freie, gerechte und NATIONAL UND SOZIALE Gesellschaftsform ersetzt werden.

    Ihr Ziel ist es, „alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für (ihre) Zwecke zu instrumentalisieren. Es spielt keine Rolle welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht.“ (Autonome Nationalisten – Wikipedia)

    Dafür übernehmen sie das Auftreten, den Kleidungsstil und die Aktionsformen der Linksautonomen. Sie geben sich unangepasst, sprühen Graffitis und zeigen sogar die geballte Kommunistenfaust.

    Nach anfänglichen gegenseitigen Berührungsängsten und Anfeindungen kamen sich die Autonomen Nationalisten und die Altnazis von der NPD näher. Die neuen und die alten Nazis stehen fest auf dem Boden der nationalsozialistischen Ideologie, des Rassismus, des Antisemitismus und des Nationalismus.

    Aus den Freien Kameradschaften entwickelte sich z.B. der Thüringer Heimatschutz, aus dem wiederum der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hervorging. (Zum NSU siehe Abschnitt zum Verfassungsschutz)

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