Die russische Revolution – Sozialismus ohne Demokratie ist kein Sozialismus

Warum die Sowjetunion nie eine Chance hatte, ein sozialistisches Land zu werden.

Im Jahre 1917 hing die Revolution in der Luft wie eine reife Frucht am Baum. Man brauchte sie nur zu pflücken. Die Mehrheit der Menschen in Russland wollte nicht mehr so weiter leben wie bisher. Die Städter wollten Brot, die Bauern wollten Land und alle zusammen forderten die Beendigung des Krieges. Im Februar 1917 musste Zar Nikolaus II. seine Krone abgeben und den Hut nehmen. Die Zarendynastie der Romanows hatte Russland lange genug ausgeblutet.

Es wurde eine bürgerliche Provisorische Regierung gebildet, die die Forderung der Massen aber genauso wenig erfüllte wie der Zar. An der Front wurde weiter gestorben. Tausende Soldaten desertierten, die Armee begann, sich aufzulösen. Der Hunger wurde nicht gestillt. Nur die Bauern begannen, sich des Großgrundbesitzes zu bemächtigen und unter sich aufzuteilen.

Arbeiter- als auch Bauernparteien, die sich an der Provisorischen Kerenski-Regierung beteiligten, wie z.B. die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, Menschewiki (Minderheit) oder die Sozialrevolutionäre hatten in den Augen der Massen abgewirtschaftet. Dafür wuchs der Einfluss der Bolschewiki unaufhaltsam. Sie waren es, die sich an die Spitze der revolutionären Bewegung setzten und die Kerenski-Regierung davon jagten (der legendäre Sturm auf den Winterpalais).

Auch das Timing stimmte. Am Abend der Vertreibung der Kerenski-Regierung wurde der II. Allrussische Sowjetkongress eröffnet. Dieser Kongress wählte den Rat der Volkskommissare mit Wladimir Iljitsch Uljanow, bekannt als Lenin, an der Spitze als neue Regierung. Der Kongress verabschiedete auch 2 Dekrete:

Dekret über den Grund und Boden (Volltext Dekret des 2. Allrußländischen Sowjetkongesses über den Grund und Boden, 26. Oktober (8. November) 1917 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München) und das

Dekret über den Frieden (PDF Dekret über den Frieden, 26.Oktober (8. November) 1917 / Bayerische Staatsbibliothek (BSB, München).

Manche reife Früchte sind aber zuweilen madig. Und diese beiden Dekrete waren es. Sie bedeuteten den Anfang vom Ende der sozialistischen Revolution:

1. Mit dem Dekret über Grund und Boden wurden die Großgrundbesitzer enteignet und die Verteilung des Bodens in die Hände der Bodenkomitees bzw. der Ortssowjets gelegt. Das war ein Zugeständnis an die tatsächliche Bewegung der Bauern. Millionen von Bauern bekamen durch das Dekret kleine Parzellen und wurden zu Kleinkapitalisten und damit zu Feinden des sozialistischen Aufbaus, weil sie jetzt ihren Grund und Boden mit Klauen und Zähnen verteidigen würden. Dieses Dekret war kein Dokument einer kommunistischen Politik, sondern nur eine Anpassung an die schon bestehenden und sich in diese Richtung weiter entwickelnden Verhältnisse. Ohne dieses Zugeständnis hätten sich die Bolschewiki nicht an der Macht halten können. Die russische Bevölkerung bestand damals zu 80 % aus Bauern und Landarbeitern. Und dieses politische Lavieren der Bolschewiki gegenüber den Bauern mit dem Ziel der Erhaltung der eigenen Macht zog sich durch die gesamte folgende Politik.

Nach der Oktoberrevolution zettelten alle reaktionären Kräfte, die durch die Revolution um Besitz und arbeitsloses Einkommen gekommen waren, einen mehrjährigen blutigen Bürgerkrieg an. Dieser Bürgerkrieg wurde von ausländischen kapitalistischen Staaten unterstützt, auch von denen, die vorher Verbündete von Russland im Kampf gegen das imperialistische kaiserliche Deutschland waren, z.B. Frankreich und Großbritannien.

An der Front und in den Städten herrschte Hunger. Die zu Kleinkapitalisten gewordenen Bauern hielten Getreide zurück, um sie zu Wucherpreisen zu verkaufen. Also wurde Ablieferungspflicht des Getreides festgesetzt. Dabei gingen die Kommandos, die das Getreide eintrieben, zuweilen von falschen Zahlen aus. So mussten Bauern soviel abliefern, dass ihnen selbst nichts mehr zum Leben übrig blieb. Die Bauern reagierten oft mit einer Verkleinerung ihrer Anbauflächen, da ihnen kein ökonomischer Anreiz mehr gegeben war, Überschüsse zu produzieren. Dies machte die befohlenen Ablieferungsmengen noch utopischer. Was die Bauern auch in Aufruhr versetzte, war die Tatsache, dass das beschlagnahmte Korn bis zum nächsten Bahnhof gekarrt wurde und dort unter freiem Himmel verdarb. Außerdem kam es vor, dass diese Kommandos genauso wie die gegenrevolutionären Weißen Garden plünderten. Das requirierte Getreide wurde größtenteils mit Kredit oder Papiergeld bezahlt, wie Lenin in dem Beitrag Über die Naturalsteuer schrieb (LW32.pdf S. 355). Die Bauern konnten sich für das Geld aber keine industriellen oder handwerklichen Güter kaufen, weil die Produktion am Boden lag.

Die Periode des Bürgerkriegs inklusive der von den Bolschewiki ergriffenen Maßnahmen wurde Kriegskommunismus genannt, auch von Lenin und Trotzki.

Trotzki beschrieb diese Zeit in seiner Schrift Verratene Revolution Kap. II folgendermaßen: „Die Wirklichkeit jedoch geriet immer mehr in Konflikt mit dem Programm des „Kriegskommunismus“: Die Produktion ging ständig zurück, und zwar nicht nur infolge der verheerenden Wirkungen des Krieges, sondern auch, weil der Anreiz des persönlichen Interesses bei den Produzenten erloschen war. Die Stadt verlangte vom Dorf Korn und Rohprodukte, ohne dafür etwas anderes zu geben als bunte Papierlappen, die aus alter Gewohnheit Geld genannt wurden. Der Muschik vergrub seine Vorräte. Die Regierung sandte bewaffnete Arbeiterabteilungen nach Korn aus. Der Muschik säte weniger an. Die Industrieproduktion des Jahres 1921, unmittelbar nach Beendigung des Bürgerkriegs, betrug bestenfalls ein Fünftel der Vorkriegsproduktion. Die Stahlerzeugung war von 4,2 Millionen Tonnen gesunken auf 183.000 Tonnen, d.h. auf ein Dreiundzwanzigstel. Die gesamte Getreideernte von 801 Millionen Zentner auf 503 Millionen im Jahre 1922: das war das Jahr der furchtbaren Hungersnot! Gleichzeitig rutschte der Außenhandel von 2,9 Milliarden Rubel herab auf 30 Millionen. Der Verfall der Produktivkräfte stellte alles in den Schatten, was die Geschichte diesbezüglich früher aufzuweisen hatte. Das Land und mit ihm die Macht standen am Rande des Abgrunds.“ (Leo Trotzki: Verratene Revolution (Kap.2)

Der Unmut und Hass bei den Bauern führte zu mehreren Bauernaufständen. Der Aufstand im Gebiet Tambow im August 1920 war wohl der größte. Die Bauern verweigerten die Ablieferung ihres Getreides und töteten mehrere Mitglieder des Beschaffungskommandos. In der Folgezeit stellten sie eine regelrechte Armee auf, die große Teile der Region unter ihre Kontrolle bringen konnten. Der Aufstand wurde von der Roten Armee blutig niedergeschlagen. Schätzungen zufolge wurden 100.000 Menschen inhaftiert und rund 15.000 erschossen. Diese Zahlen zeigen die riesigen Ausmaße des Aufstandes.

Unter dem Eindruck dieses Aufstandes und der katastrophalen wirtschaftlichen Lage veränderten die Bolschewiki ihre Politik. Lenin rief die Neue Ökonomische Politik (NÖP) aus.

Es wurde eine Naturalsteuer für die Bauern eingeführt. Die für die Armee und die Stadtbevölkerung erforderliche Mindestmenge an Getreide wurde als Steuer genommen und der Rest gegen Industrieerzeugnisse getauscht.

NÖP bedeutete aber auch, dass der freie Handel wieder eingeführt wurde, wieder Gewinne gemacht und bürgerliches Eigentum (Eigentum an Produktionsmitteln) gebildet werden konnte, Kapitalisten ihre Unternehmen wieder bekamen und Konzessionen an ausländisches Kapital vergeben wurde.

Die NÖP wurde eingeführt unter Hinweis auf den Aufbau eines Staatskapitalismus, der als notwendiges Zwischenstadium zum Sozialismus angesehen wurde. Unzweifelhaft ist es so, dass der Kapitalismus die materiellen Voraussetzungen für den Sozialismus schafft, dass die sozialistische Wirtschaft nur auf einer Konzentration modernster Technik und Produktionsmethoden und einer Produktion auf hoher Stufenleiter aufgebaut werden kann. Aber hier wurde aus der Not geboren zwischen Kommandoregime und bürgerlicher Freiheit herumlaviert und das Ganze als kommunistische Politik hingestellt.

Daran anschließend wurde 1921 eine Parteireinigung durchgeführt, in der u.a. auch die Mitglieder ausgeschlossen wurden, die die Wiedereinführung des Kapitalismus nicht als das Ergebnis ihres Kampfes sahen und die NÖP nicht akzeptierten. 170.000 Personen, etwa 25 % der Gesamtmitgliedschaft wurden aus der Partei ausgeschlossen.

Dazu noch ein Zitat von Karl Marx: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ (Karl Marx – Zur Kritik der Politischen Oekonomie – Vorwort)

Anders ausgedrückt: Bevor die Produktivkräfte nicht weit genug entwickelt sind, kann eine Revolution nicht erfolgreich sein. Diese Lehre, die Karl Marx aus der geschichtlichen Entwicklung abgeleitet hat, wurde in Russland in den Wind geschlagen. Russland war kein hoch entwickeltes Industrieland, sondern ein rückständiges Agrarland. Marx hätte mit größter Wahrscheinlichkeit gegen die sozialistische Revolution in Russland und Lenin genauso polemisiert wie gegen die Theorien und Überzeugungen von Wilhelm Weitling, Ferdinand Lassalle oder Wilhelm Liebknecht.

2. Im Dekret über den Frieden klingt schon das Steckenpferd der Bolschewiki an, das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Damit wollten Lenin und Trotzki die Randstaaten von Russland, wie Polen, die Ukraine, Finnland und die baltischen Staaten an die Revolution binden. Nur trat das Gegenteil ein, „eine nach der anderen dieser Nationen benutzte die frisch geschenkte Freiheit dazu, sich als Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus zu verbünden und unter seinem Schutze die Fahne der Konterrevolution nach Russland zu tragen.“ (Rosa Luxemburg: Die russische Revolution). Das Selbstbestimmungsrecht bis zur staatlichen Lostrennung war das Trojanische Pferd in diesen Randländern, die vorher zu Hochburgen der Revolution zählten. Wie ich schon in dem Beitrag Volk-Nation-Monopolkapital auf dieser Website ausgeführt habe, ist die Nation das ideologische Vehikel, mit der das aufstrebende Bürgertum die feudalistischen Verhältnisse bekämpfte. Mit Hilfe dieser Ideologie und den deutschen Bajonetten zerschlug die einheimische Bourgeoisie die Revolution in den Randländern Russlands.

3. Ein äußerst wichtiger Punkt ist die Frage der Demokratie.

Vor der Oktoberrevolution forderten die Bolschewiki stürmisch die sog. Konstituierende Versammlung, die von der Kerenski-Regierung immer wieder hinausgezögert wurde. Die Konstituierende Versammlung (auch Konstituante genannt) sollte die Regeln für den weiteren staatlichen Aufbau festlegen.

Lenin äußerte sich klar vor der Revolution, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten, … von jetzt an vorübergehend bis zum Zusammentritt der verfassunggebenden Versammlung in ihren Bezirken mit voller Regierungsautorität ausgestattet sind. (Russische konstituierende Versammlung – Wikipedia)

Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung, die am 12. November 1917 stattfanden, kamen die Bolschewiki auf 22,5 % der Stimmen. Enttäuschend. Daraufhin verhinderten sie das Zusammentreten dieser Konstituante am zweiten Tag. Es mag sein, dass sich so kurz nach der Revolution in der Zusammensetzung der Konstituante das Bild der Vergangenheit widerspiegelte, wie die Bolschewiki argumentierten. Wenn dem aber so war, was hinderte sie daran, sofortige Neuwahlen für diese Versammlung durchzuführen? Darauf gibt es nur eine Antwort: Die Erhaltung ihrer Macht und die darauf aufbauende Ideologie der Bolschewiki.

Lew Dawidowitsch Bronstein, bekannt als Leo Trotzki, schreibt in seiner Abhandlung: Von der Oktoberrevolution bis zum Brester Friedensvertrag: „Dank dem offenen und unmittelbaren Kampf um die Regierungsgewalt häufen die arbeitenden Massen in kürzester Zeit eine Menge politischer Erfahrungen an und steigen in ihrer Entwicklung schnell von einer Stufe auf die andere. Der schwerfällige Mechanismus der demokratischen Institutionen kommt dieser Entwicklung um so weniger nach, je größer das Land und je unvollkommener sein technischer Apparat ist.“ Nach (Rosa Luxemburg: Die russische Revolution)

Und weil die demokratischen Institutionen so schwerfällig sind, schafft man sie am besten gleich ganz ab. Damit haben aber die Bolschewiki, wie Rosa Luxemburg schrieb, den lebendigen Quell der Demokratie, nämlich das aktive, ungehemmte, energische politische Leben der breitesten Volksmassen verschüttet.

Und wenn nach den Worten der Bolschewiki die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernsowjets viel demokratischer, direkter und kontrollierbarer gewählt wurden und deshalb ihnen die Regierungsgewalt zustehen würde, wo bleiben denn diejenigen, die nicht in diesen Sowjets vertreten sind? Z.B. Handwerker, Händler oder Nichtarbeitende. Die wären demnach von jeder demokratischen Mitwirkung abgeschnitten.

Das fehlende Vertrauen in die Massen und das daraus folgende Kommandoregime äußerte sich bei Lenin schon lange vorher. Rosa Luxemburg hatte in ihrer Schrift Die Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie aus dem Jahre 1904 den von Lenin befürworteten Ultrazentralismus in der Partei kritisiert. Sie schrieb, dass diese Herangehensweise hauptsächlich auf die Kontrolle der Parteitätigkeit und nicht auf ihre Befruchtung, auf die Einengung und nicht auf die Entfaltung, auf die Schuriegelung und nicht auf die Zusammenziehung der Bewegung zugeschnitten sei. (Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie (1904)

Am Ende dieser Schrift schreibt sie jenen denkwürdigen Satz: „Fehltritte, die eine wirkliche revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermesslich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees.“

Rosa Luxemburg war es auch, die schon 1918 im Breslauer Gefängnis bezüglich der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus schrieb: „In Russland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Russland gelöst werden.“ (Rosa Luxemburg: Die russische Revolution) Der Versuch war also in ihren Augen gescheitert. Hätten die Bolschewiki das eingesehen, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.

Und jetzt noch ein längeres Zitat von Rosa Luxemburg: „Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, an Stelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im Gelobten Land, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei.“ (Rosa Luxemburg: Die russische Revolution)

D.h. Sozialismus ohne Demokratie ist kein Sozialismus. Demokratie ist unabdingbar für den Aufbau des Sozialismus, auch unter den schwierigsten Bedingungen. Die Periode des Zwangs und der Repression gegen die Bauern im Bürgerkrieg als Kriegskommunismus zu bezeichnen, zeigt nur den Irrweg an, der schon früh in Sowjetrussland beschritten wurde.

Der Despotismus und die Verbrechen zu Stalins Zeiten waren also schon lange vorher in der Politik von Lenin und Trotzki angelegt. Es ging nicht um revolutionären Fortschritt, um sozialistische Demokratie, sondern nur um den Machterhalt der Partei und später um den Machterhalt einer kleinen Clique. Daraufhin wurden Politik und Ideologie zugeschnitten. Die Diktatur des Proletariats (Herrschaft der Mehrheit der Ausgebeuteten über die Minderheit der Ausbeuter) verwandelte sich in die Diktatur der Partei über das gesamte Volk. Und so gesehen hat nicht nur Stalin, sondern haben auch Lenin und Trotzki der kommunistischen Weltbewegung großen Schaden zugefügt.

Zum Schluss noch einige Fakten über die Lage Sowjetrusslands nach der Oktoberrevolution:

  • Sowjetrussland war nach der Oktoberrevolution weltweit isoliert. Auch von der internationalen Arbeiterklasse, vor allen Dingen der deutschen, auf die die Bolschewiki große Hoffnungen gesetzt hatten, brachte keine großartigen Aktionen zur Unterstützung der russischen Revolution zustande. Ganz zu schweigen von einer eigenen Revolution. Rosa Luxemburg nannte das ein vollständiges Versagen des deutschen Proletariats.

  • Die Mittelmächte, also das imperialistische kaiserliche Deutschland und die Habsburger Monarchie Österreich-Ungarn hatten große Teile des Landes besetzt. Mit dem Diktatfrieden von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 verlor Sowjetrussland 26 % des damaligen europäischen Territoriums, 27 % des anbaufähigen Landes, 26 % des Eisenbahnnetzes, 33 % der Textil- und 73 % der Eisenindustrie sowie 73 % der Kohlegruben. Alle abzutretenden Gebiete umfassten insgesamt 1,42 Millionen km², auf denen rund 60 Millionen Menschen, mehr als 1/3 der Gesamtbevölkerung des einstigen Russischen Reiches, lebten. (Friedensvertrag von Brest-Litowsk – Wikipedia)

  • Sowjetrussland war wütenden Angriffen von Seiten der Gegenrevolution ausgesetzt:

– Im Süden standen 1918/1919 die Bewaffneten Kräfte des Süden Russlands, die sich aus einer Freiwilligenarmee aus größtenteils zaristischen Offizieren, gebildet hatte. Mit Unterstützung durch die Don- und Kubankosaken wuchs die Armee auf eine zwischenzeitliche Stärke von 35.000 bis 40.000 Mann. Anton Iwanowitsch Denikin hatte sich als Oberbefehlshaber durchgesetzt und wurde von Großbritannien unterstützt. Er kam bis auf wenige hundert Kilometer von Süden an Moskau heran, wurde aber dann von der Roten Armee mit Hilfe der Schwarzen Armee des Anarchisten Nestor Machno aufgerieben. Ohne die Schwarze Armee wäre Moskau wahrscheinlich gefallen.

– Auf der Krim hatte 1919/1920 der Baron Pjotr Nikolajewitsch Wrangel eine Weiße Russische Armee aufgebaut, die nach Denikins Armee auch von der Roten Armee mit Hilfe von Machnos Schwarzer Armee besiegt wurde. Die Bolschewiki bedankten sich bei Machno und seiner Bewegung, indem sie die durch die Kämpfe geschwächte Schwarze Armee angriffen und auseinanderjagten.

1918 stellte Alexander Wassiljewitsch Koltschak in Sibirien eine Weiße Armee auf, die bis Kasan und über die Wolga vordrang und 148 Tonnen des Zarengoldes erbeuteteten. Koltschak wurde von Frankreich und Großbritannien unterstützt.

– General Nikolai Nikolajewitsch Judenitsch marschierte im Sommer 1919 mit ca. 14.000 gut ausgerüsteten und erfahrenen Berufssoldaten der Nordwest-Armee auf Petrograd zu. Der Angriff konnte erst in den Vorstädten der Stadt gestoppt werden.

  • Die Tchechoslowakische Legion, die vorher auf der Seite des Zaren gegen die deutsche Invasion gekämpft hatte, besetzte im Mai/Juni 1918 innerhalb einiger Wochen ganz Westsibirien und das Wolga-Gebiet. Anfang 1919 war das Heer ca. 60.000 Mann stark.

  • Die Entente, also Frankreich und Großbritannien, die vor der Revolution Verbündete Russlands gegen die Mittelmächte gewesen waren, wurden Feinde. Sie besetzten mit geringen Truppenkontingenten kleine Teile Russlands. Der militärische Einfluss der ausländischen Interventen auf den Kampf gegen Sowjetrussland war allerdings eher gering. Weitaus bedeutender war die Unterstützung der Weißen Armee. Winston Churchill schrieb in einem Memorandum vom 15. September 1919, dass im Jahr 1919 England 100 Millionen Pfund und Frankreich zwischen 30 und 40 Millionen Pfund für die weißen Truppen in Russland ausgegeben hätten.

  • Am 25.4.1920 fielen polnische Truppen mit französischer Hilfe in Sowjetrussland ein und eroberten schon am 7.5.1920 Kiew. Die Gegenoffensive der Roten Armee war ebenso erfolgreich. In der Schlacht von Warschau wendete wiederum die polnische Armee das Blatt und warf die Rote Armee bis tief in die Ukraine zurück. Im Vertrag von Riga vom 18. März 1921 wurden die Grenzen neu geregelt. Sie verliefen jetzt sogar bis zu 250 km östlich der vom britischen Außenminister Lord Curzon vorgeschlagenen Waffenstillstandslinie (Curzon-Linie).

  • Es drangen noch mehr Truppen aus dem feindlich gesinnten Ausland, u.a. Amerikaner, Griechen und Japaner (70.000 japanische Soldaten standen in Ostsibirien) in Russland ein. Und alle ohne Kriegserklärung.

Es gelang der am 15.1.1918 gegründeten Roten Armee in einem dreijährigen Bürgerkrieg, die Weißen Garden zu schlagen und alle Interventen aus dem Land zu drängen.

2 Kommentare bei „Die russische Revolution – Sozialismus ohne Demokratie ist kein Sozialismus“

  1. „Im Februar 1917 musste Zar Nikolaus II. seine Krone abgeben und den Hut nehmen.“
    Wow, friedlich, als wäre die ganze Familie, mit 5 Kindern, nicht erschossen worden.
    In der Geschichte der Menschheit gab es einen einzigen, wahren Revolutionär, Mahatma Gandhi! „Was man mit Gewalt bekommt, wird man mit Gewalt verteidigen“, ein ewiges Teufelskreis. keine Revolution ist „gut“, wenn sie aus Hunger und Not entsteht und nicht im Geiste.
    Heute wollen die Russen nichts anderes als eine Putin Diktatur, einen „starken Mann, starken Führer“ einen Zaren, einen Kaiser, einen Faschisten. Sie verdienen es auch nicht anders, weil ihre Revolution auf Massengräbern gebaut wurde. Andere werden die Macht genau so mit Gewalt an sich reißen.
    Die Welt will keine Demokratie, die Welt ist nicht reif für den Frieden und es gibt keinen einzigen Vorbild außer Mahatma Gandhi, der den MENSCHEN in den Mittelpunkt stellt, ob rechts/links/Inder oder Engländer. Wer ihm das nachmachen kann, ist ein wahrer Revolutionär. Ich bin überzeugt, dass der Mensch nur sich selbst besiegen muss, seine Selbstsucht, seine Ängste, sein Gier, seinen Neid, seine Gewaltbereitschaft, seine niederen Instinkte…wer das schafft, braucht keine „Revolution“ im Außen mehr, da alle Revolutionen außerhalb von einem selbst, aus Elend & Machtgier entstehen und Gewalt fördern. Es gibt keine „reife Frucht“ Namens Revolution, es gibt gar keine Revolution; Nur Krieg um Macht! Nein, Danke, sage ich.
    Ich empfehle, immer alle Seiten zu betrachten, jedes Leben ernst zu nehmen. Bei der Gelegenheit: „Bobik im Feuerofen“, ihn hätten Deine „Revolutionäre“ auch getötet. Er wurde „Der Arzt der Armen“ in Berlin.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Lindenberg
    -Eine Freundin aus den Achtzigern-

    1. Entschuldige, dass ich mich erst jetzt melde, aber ich hatte einiges um die Ohren.
      Jede Theorie muss in der Praxis beweisen, ob sie richtig ist. Das habe ich versucht, anhand der russischen Revolution zu veranschaulichen. Ich habe geschrieben, dass die Revolution gleich am nächsten Tag in die falsche Richtung gelenkt worden ist. Eine falsche Theorie führte zwangsläufig zu einer falschen Praxis. Am Ende ging es nur um den reinen Machterhalt einer Minderheit, der Partei.
      Der Beweis der Theorie in der Praxis gilt aber auch für Mahatma Gandhi. Was ist aus seiner Theorie geworden? Warum hat sich gerade in Indien, wo der Kapitalismus noch zusätzlich durch das Kastenwesen gestützt wird, nichts geändert? Es konnte sich nichts ändern, weil sich der Mensch in einer kapitalistischen Welt nicht ändern kann. Der einzelne Mensch muss mitschwimmen, ob er will oder nicht, ansonsten geht er vor die Hunde. Es ist dieses System, was die Gier, den Neid, die Selbstsucht, die Machtgier usw. hervorruft. Auch Menschen, die sich zur Gewaltlosigkeit bekennen, werden vielleicht eines Tages vor die Frage gestellt werden, ob sie sich wehren sollen, möglicherweise auch mit Gewalt, oder nicht. Ob sie auch die andere Backe hinhalten, wenn man sie auf die eine schlägt.
      Und wenn du schreibst, die Welt will keine Demokratie und sie ist nicht reif für den Frieden, so ist das einfach falsch. Die Frage muss so gestellt werden: Wer will keine Demokratie und wer will keinen Frieden? Ich kenne niemanden in meiner näheren Umgebung, der nicht für Demokratie und nicht für Frieden ist. Und das dürfte bei dir nichts anders sein. Offensichtlich ist es doch wohl so, dass nur eine Minderheit auf dieser Welt nicht für Demokratie und Frieden ist. Weil sie damit und davon gut leben. Bloß diese Minderheit hat überall auf der Welt die Macht. Diese Minderheit ist sogar zum großen Teil so, wie du sie dir vorstellst. Sie brauchen nicht missgünstig oder neidisch zu sein, weil sie alles haben. Sie brauchen selbst auch keine Gewalt anzuwenden, das lassen sie andere machen. Also im Grunde vorbildliche Menschen. Bloß diese vorbildlichen Menschen verwüsten und zerstören die Erde, nicht weil sie besonders böse sind, sondern weil die dem Kapitalismus innewohnenden Gesetze es erfordern. (Die von Karl Marx beschriebenen Entwicklungsgesetze des Kapitals wirken heute noch genauso wie früher.)
      Befreien kann man sich aus dieser Situation nur in einer, große Teile der Werktätigen umfassenden, gemeinsamen Aktion. Und nicht im stillen Kämmerlein, in dem man an sich selbst arbeitet.

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