1990 Reise in den Norden Südamerikas und Curaçao

Norberts Traum

Seitdem ich 1966 mit dem Schulschiff Ruhr der Bundesmarine rund um Südamerika gefahren war, zog es mich zu diesem Kontinent hin. Einmal im Leben auf der Panamericana durch die Anden fahren. Das muss doch herrlich sein!

Irgendwann willigte mein Freund Hartmut ein, mitzukommen. Zu viert wäre es vielleicht sicherer. Also überzeugte Hartmut seinen Bekannten Matthias, von Beruf Zimmermann, groß und kräftig. Der vierte Mann wurde via Zeitungsanzeige gesucht und gefunden, der Spanier Artur, hervorragend deutsch und englisch sprechend, ein Weltreisender, aber das Gegenteil von Matthias, klein und schmal.

Ich suchte die Adressen der deutschen Konsulate in Südamerika zusammen, kümmerte mich um Visa und führte eine umfangreiche Korrespondenz, was alles bei dem Kauf eines Kraftfahrzeugs in den USA zu beachten sei und was man braucht, um mit dem Fahrzeug ohne Schwierigkeiten über die Grenzen zu kommen. Der Kauf eines Fahrzeugs in Südamerika wurde ausgeschlossen, weil zu unsicher. Das Risiko, nach den ersten 50 km schon 5 Reparaturen gehabt zu haben, war zu groß.

Der ADAC zeigte sich sehr hilfsbereit: Er wollte das benötigte Carnet de Passages für Südamerika gegen Stellung einer Bankbürgschaft in Höhe von 10.000 DM ausstellen. Das Carnet wird gebraucht, um ein Fahrzeug vorübergehend zollfrei einzuführen. Die Bürgschaft ist als Sicherheit für den Zoll gedacht, wenn das Fahrzeug nicht wieder ausgeführt wird. Ich besorgte die Bankbürgschaft und bezahlte die Gebühren für das Carnet in Höhe von 475 DM.

Je mehr die Durchführung dieser Reise Wirklichkeit zu werden drohte, um so mürrischer wurde meine Freundin Helga. Verständlicherweise! Es war ja geplant, ein Jahr unterwegs zu sein. Ihr Kommentar. „Scheiß Südamerika!“ Und so legte sie sich noch einen anderen Freund zu. Sie teilte mit mir das Bett und alles, was dazu gehört, aber sie teilte sich auch noch ein anderes Bett. Und da sage einer, die Frauen seien monogam. Viele aus dem Freundeskreis wussten Bescheid. Der einzige, der nichts wusste, war wie so oft, derjenige, den es angeht. Ich ahnte nur etwas.

Aber deswegen die Reise aufzugeben? Unmöglich! Alle möglichen Konsequenzen und eventuell hinterher zu bringende Opfer wurden weit weg geschoben.

Florida

Ende Januar 1990 wurde im engeren Freundeskreis Abschied gefeiert und am 5.2.1990 hoben wir um 08:40 Uhr ab nach Miami über New York. Es gab rührende Abschiedsszenen und Matthias Mutter legte mir ans Herz, gut auf den Jüngsten aufzupassen. Insgesamt dauerte der Flug 19 Stunden und nach 25 Stunden lagen wir erst wieder in einem Bett. Aber das spielte keine Rolle. In unserem Hochgefühl ertrugen wir alles leicht.

Nach 3 Tagen hatten wir bei Benny’s Auto Sales einen vierradangetriebenen Isuzu Trooper für 5.700 Dollar aufgetrieben, der einen guten Eindruck machte. Der Besuch beim amerikanischen Automobilclub AAA zwecks Abschluss einer Versicherung war erfolglos, weil ohne Tag (Nummernschild) keine Versicherung. So spendierte Benny ein Nummernschild mit der Nummer CYW 69S aus seinem Fundus. Mit dieser Nummer wurde das Carnet de Passages per Telefax beim deutschen ADAC angefordert, das dann am 25.2.1990 in Miami eintraf. Ausgerüstet mit dem Certificate of Right of Possession, ausgestellt vom Staat Florida, dem Certificate of Title, ausgestellt in Austin, Indiana (Bescheinigungen über die Besitzverhältnisse des Kraftfahrzeugs), sowie dem Carnet de Passages, aber ohne Kfz-Versicherung wollten wir Vier durch Südamerika. Am 23.2.1990 wurde der Isuzu auf das Schiff Richtung Guayaquil in Ecuador verladen. Jetzt hieß es erst mal auf das Carnet de Passages warten.

Der Aufenthalt in Miami war auf Dauer etwas nervig. Um uns die Zeit zu vertreiben, fuhren wir mit einem Leihwagen auf dem nicht enden wollenden Highway nach Key West bis zum südlichsten Punkt der USA, 90 Meilen von Kuba entfernt. Anschließend durch die Everglades bis Naples an der Pazifikküste. Es gab aber keine freien Plätze in Naples, No Vacancy, wahrscheinlich wegen eines Golfturniers. Also streckten wir uns zum Schlafen auf einer nassen Wiese aus.

Aus Langeweile besuchten wir zweimal das Seaquarium in Miami. Dort ließen wir uns von Lolita, dem Orca-Weibchen in Erstaunen versetzen. Auf Handbewegung der TrainerInnen schoss sie mit ungeheurer Wucht aus dem Wasser, schnellte hoch in die Luft, ließ sich wieder ins Wasser zurückplumpsen und gab den Zuschauern am Rande eine volle Dusche. Viel belachter Grund zur Schadenfreude für die Nichtbetroffenen. Die TrainerInnen balancierten sogar auf ihrer Schnauze, ließen sich in die Luft wirbeln und gaben ihr einen Kuss.

Es kam uns nicht in den Sinn, dass Lolita auf engstem Raum gefangen ist und dass sie zum Zwecke des Profits abgerichtet wird. Lolita war schon Anfang der 70er-Jahre gefangen und nach Miami verbracht worden. Und sie ist heute noch dort. Orca-Kühe können zwischen 80 und 100 Jahre alt werden. Hugo, ein Orca-Bulle war zeitweise ihr Gefährte. In der Gefangenschaft verhielten sie sich aber zunehmend aggressiver, so dass sie isoliert und in kleinen Behältern untergebracht wurden. Das ist natürlich eine Qual für Tiere, die es gewohnt sind, weite Entfernungen im Meer zurückzulegen. Hugo rammte sich deshalb 1980 den Schädel an dem Tank ein und starb.

Es gab auch schon eine Menge Angriffe von gefangenen Orcas auf ihre TrainerInnen, vier sogar mit tödlichem Ausgang. Und jetzt kämpfen sogar Amerikaner für die Freilassung, bzw. die Verrentung von Lolita und den anderen gefangenen Orcas. Im Januar 2015 versammelten sich Tausende von Menschen aus aller Welt vor dem Seaquarium, um für Lolitas Freilassung zu demonstrieren.

Eine andere Attraktion waren die Delfine, die es der Orca-Kuh nachmachten, allerdings wesentlich eleganter.

Das nächste Highlight, allerdings nicht für den Betroffenen, gab es am fünften Tag des Aufenthalts am Strand von Miami. Matthias war der erste im Wasser und den anderen ein Stückchen voraus. Das Wasser war noch flach. Plötzlich schrie er um Hilfe. Er schrie, blieb aber stocksteif stehen: Schockzustand! Sein Körper war über und über mit roten Striemen bedeckt. Etwas weiter vor Matthias lag etwas im Wasser, was auf die Entfernung nach einem Stock aussah. Dieses stockähnliche Ding war aber mit langen Tentakeln versehen: Eine Feuerqualle. Wir schleppten Matthias an Land und bekamen auch noch ein paar Striemen ab. Das brannte tatsächlich wie Feuer. Im Krankenhaus wurde sein ganzer Körper einbalsamiert. Eine tägliche Beschäftigung für die anderen war dann der Besuch beim Rekonvaleszenten. Ohne unser tatkräftiges Eingreifen wäre es für ihn lebensgefährlich geworden.

Ecuador

Endlich, am 25.2.1990 konnten wir per Flugzeug nach Guayaquil, dem wichtigsten und größten Hafen von Ecuador und wirtschaftlichen Zentrum des Landes, aufbrechen. Der erste Eindruck: hässlich, laut, schmutzig, kriminell. Wir bewegten uns oft mit dem Bus. Auf einer dieser Busfahrten saßen vier junge Burschen neben uns Gringos. Einer von ihnen holte eine Pistole heraus und nahm sich beim Busfahrer die offene Kiste mit dem Fahrgeld. Ein Anderer hatte ein Messer in der Hand und deutete damit auf die Wertsachen der Mitfahrer, die er haben wollte: Uhren, Ringe usw. Die Leute händigten ihm alles widerstandslos aus und regten sich noch nicht einmal groß auf. Der Bursche schluckte das kleinere Beutegut hinunter. Die Burschen näherten sich. Keiner von uns wusste, wie die anderen drei in so einem Fall reagieren und inwiefern man sich auf sie verlassen kann. Darauf waren wir nicht vorbereitet. Die Anspannung war groß. Doch bevor sie uns erreichten, hielt der Bus an und die Burschen stiegen aus. Es war noch einmal gut gegangen. Verwunderlich sind die Raubüberfälle nicht. Man bekommt die Armut hautnah zu spüren. Wir vergaben immer wieder unsere Essensreste an bettelnde Kinder. Und da, wo Armut ist, sind Kirchen und Sekten nicht weit. Es gab einen Haufen religiöser Prediger im zentralen Park von Guayaquil. Heutzutage hat sich dort bestimmt einiges verändert. Jedenfalls die Fassade.

Guayaquil hat natürlich auch schöne Fleckchen. Einen Steinwurf von der Kathedrale entfernt liegt der kleine Seminario-Park. Leguane liefen frei herum und kauten in aller Seelenruhe auf Blättern herum. Sie plumpsten auch manchmal von den Bäumen aufs Steinpflaster. Es platscht gewaltig, aber den Tierchen passiert nichts dabei.

Es war Karnevalszeit in Südamerika. Man musste höllisch aufpassen, dass man keinen mit Wasser gefüllten Luftballon oder eine Mehldusche abbekommt. Die Ballons klatschten gegen die Busse und manch einer fand seinen Weg durch die wegen der Hitze geöffneten Fenster. Hartmut erwischte es einmal ganz fürchterlich.

Wieder begann eine Zeit des Wartens. Die Ankunft des Schiffes mit dem Fahrzeug verzögerte sich.

Wir nutzten die Zeit mit Ausflügen, z.B. mit dem Bus nach Milagro. Dort stiegen wir in eine Bahn, die genauso gut im Wilden Westen fahren könnte. Milagro ist dementsprechend eine echte Western-Stadt. Bruchbuden aus Brettern, Staubstraßen, Farmer auf Gäulen und Toyotas. Mitten auf dieser Staubstraße liegt das Gleis. Es gibt einen stilechten Bahnhof mit Wild-West-Möbeln. Ein alter Fernschreiber tickt. Es bimmelt eine Glocke und um die Straßenbiegung zieht unter großem Gepfeife und Gebimmele der Zug ein. Die Lok aus dem Jahr 1910 ist rot lackiert und mit riesigen Scheinwerfern, Kuhfänger (Räumgitter) und Radschiebegestänge versehen. Viele Menschen saßen auf den Dächern – und sparten so das Fahrgeld. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl auf dem Dach. Aber man hat einen phantastischen Ausblick. Auf der einen Seite geht es steil bergan und auf der anderen steil bergab. (2007 wurde die Mitnahme auf dem Dach nach einem tödlichen Unfall verboten.) Diese Bahn wurde 1908 mit der Unterstützung von verschiedensten Ländern, darunter England und China, erbaut. Es ist ein Wunderwerk damaliger Ingenieurskunst. Das Schmalspurgleis klettert aus der Tiefebene 3.560 m in die Anden hinauf. Zwischen Bucay und Guamote werden dabei auf einer Strecke von 65 km 2.751 m Höhe überwunden. An der Nariz del Diablo (Teufelsnase) klettert der Zug in Zick-Zack-Rangierfahrt eine fast 300 m hohe Felswand hinauf.

Wir mussten 2 Stunden warten, weil die Dampflok weiter unten aus den Geleisen gesprungen ist. In der Tiefebene hatte es geregnet. Später lesen wir in der Zeitung, dass es in Guayaquil so viel geregnet hatte, dass ganze Stadtteile unter Wasser standen. Es setzte eine furchtbare Mückenplage ein. In Duran, der Endstation, stiegen wir um aufs Boot. Auf den schmutzigtrüben Fluten des Guayas, wo alles hineingeleitet wird, was Mensch und Natur so hergeben, ging es wieder zurück nach Guayaquil.

Tage später fuhren wir mit dem Bus zu dem angeblich mondänen Badeort Salinas an der Pazifikküste, verbrachten dort 3 Tage und fuhren weiter nach Playas. Es war laut und heiß und wenig aufregend. Die einzige Aufreger war ein Hund, der Hartmut das Frühstücksbrötchen vom Teller klaute.

Die nächsten Tage verbrachten wir mit dem Auslösen des Isuzu. Die Fracht in Höhe von 985,15 Dollar musste bezahlt werden. An der einen Stelle mussten 5.000 Sucres (12 DM) und an der anderen Stelle 1.942,60 Sucres (4,70 DM) Gebühren abgedrückt werden. Am 12.3. ging ein ganzer Tag flöten, an dem wir uns am Hafen herumtrieben, ohne das Auto zu bekommen. Und das mit 39 Grad Fieber, das ich mir durch die Klimaanlage zugezogen hatte. Da das Fahrzeug auf meinen Namen lief, musste ich dabei sein. Rücksicht auf das Fieber wurde aber von den anderen nicht genommen. Sie schafften es gerade noch, mir eine Wasserflasche ins Hotel mitzubringen.

Am 13.3.1990 hatten wir dann endlich das Auto und fuhren auch gleich los auf einer Schotterpiste Richtung Alausi. Anfangsstand auf dem Tachometer: 84.636 Meilen.

Auf dem Weg von Alausi nach Cuenca kamen wir an Ingapirca vorbei. Eine Kultstätte der Kañaris, die später auch von den Inkas benutzt wurde. Das wollten wir uns anschauen. Nur gab es ein Problem: Der Zugang zu der Anlage wurde blockiert. Die Anwohner, verstärkt durch Studenten, waren der Meinung, dass an den Touristen, die hierher kommen, gut verdient wird und dass das Geld doch bitte schön auch der Region zugute kommen sollte. Und recht hatten sie. Die Straße nach Ingapirca war katastrophal schlecht. Artur bekam heraus, dass es noch einen anderen Zugang zu der Ruine gab. Wir wollten diese schlechte Straße nicht umsonst gefahren sein. Also stellten wir das Auto an einem Haus ab und benutzten den Schleichweg.

Zu sehen war nicht viel. Einsam in der Landschaft steht ein sauber aufgeschichteter Rundbau. Erbaut wurde er im 15. Jahrhundert mit großen Felssteinen, mit den Kanten aufeinander sitzend und vorn glatt geschliffen.

Es dauerte nicht lange, da entdeckte man uns. Unter Johlen und Pfeifen kamen einige Blockierer vom Zugang die ca. 5-minütige Wegstrecke auf uns zu: 4 Erwachsene und einige Kinder. Und schwupp waren zwei der vier Südamerika-Reisenden verschwunden, ohne etwas zu sagen: Matthias, der kräftige Zimmermann und angeblicher Karatekämpfer und der spanischer Held Artur. Die anderen beiden filmten und fotografierten so lange, wie es ging und machten sich dann auf den Weg zurück zum Wagen. Ein paar Steine flogen hinter uns her.

Wir sahen, wie 2 Schatten vom Wagen wegliefen. Ein ungutes Gefühl überkam uns. Und siehe da, 3 Reifen waren platt, aber Gott sei Dank nicht zerschnitten. Das passierte am zweiten Tag, an dem wir mit dem Isuzu unterwegs waren. Und wir hatten keine Luftpumpe, kein Werkzeug und keinen Wagenheber. Letzterer war auf dem Frachter geklaut worden. Ein LKW-Fahrer, der zufällig vorbeikam, besorgte aus dem nächsten größeren Ort einen Kompressor. Damit konnten wir Luft nachfüllen, bis die Stromleitung des Hauses, wo wir den Kompressor anschlossen, zusammen brach. Mit halb gefüllten Reifen und sehr vorsichtig fuhren wir zu der Werkstatt, die den Kompressor geliefert hatte und brachten den Schaden wieder völlig in Ordnung. Es kostete 12 Dollar. Abends gab es eine große Aussprache mit gegenseitigen Vorwürfen.

Cuenca ist ein hübsches Städtchen. Es liegt in 2.500 m Höhe und fast das ganze Jahr über ist warmes Frühlingswetter. Zwei Kathedralen gibt es und natürlich den unvermeidlichen Markt, auf dem sich ein großer Teil des Lebens abspielt. Nicht alle Leute ließen sich filmen, aber die meisten.

Nicht weit von Cuenca liegt ein kleiner Ort namens Baños (Bäder). Hier gibt es Thermalbäder, leider nicht ganz sauber. Eigentlich wollten alle das warme Wasser genießen, aber bei näherer Betrachtung der Anlage strichen drei die Segel. Artur wagte es trotzdem. Er kam ganz grün im Gesicht wieder heraus. Ein Mann hatte trotz Verbot immer wieder ins heiße Wasser gespuckt.

Wir fuhren zurück nach Alausi, um noch einmal mit dem Western-Train über die Teufelsnase zu fahren. Im Hotel gab es kein fließend Wasser. Deshalb haben wir weniger bezahlt. Der Wirt war sehr aufgeregt und drohte, die Polizei zu rufen, tat es aber nicht, obwohl eine Streife an dem Hotel vorbei ging.

In Riobamba sahen wir den 6.310 m hohen Vulkan Chimborazo in der Abendsonne liegen. Eine Sehnsucht überkam uns: Da müssen wir hoch. Wir wussten, von Quito aus kann man Bergsteigertouren machen. Aber ein bisschen Höhenluft wollten wir vorher schon schnuppern. So quälten wir unseren Trooper bis zur Schutzhütte Edward Whymper in eine Höhe von 5.000 m hinauf. Aber dem Auto machte es weniger aus als uns. Boo ey, war das kalt und die Luft dünn. Der Atem ging stoßweise. An größere Anstrengungen war gar nicht zu denken. Eigentlich wollten wir in der Schutzhütte übernachten. Aber das ließen wir dann doch lieber sein. Für Hartmut und mich war damit jegliche Vulkanbesteigung gestorben, die anderen beiden wollten es trotzdem wagen. Da ich diese Besteigung für ungeübte Bergsteiger für sehr gefährlich hielt und ich der Mutter von Matthias versprochen hatte, auf ihn aufzupassen, wollte ich die Besteigung verbieten. Das war natürlich völlig verfehlt und goss nur Öl in die schon etwas aufgeheizte Atmosphäre.

Angesichts der Preise in Quito erledigte sich die Sache dann von selbst. Denn die beiden verhinderten Bergsteiger waren diejenigen, die am meisten aufs Geld achteten.

Mit dem Geld war es so eine Sache. Anfangs gab es eine gemeinsame Reisekasse. Da die erste Zeit in den USA und Ecuador hart war, wurde die Gruppe zusammengehalten. Man versuchte auch, nicht so viel Geld auszugeben, weil die USA recht teuer war. Das war ein gemeinsames Anliegen. In Ecuador sind aber die Lebenshaltungskosten niedrig. Trotzdem wollten Matthias und Artur so wenig wie möglich für Unterkunft und Essen ausgeben. Das Mittagessen wurde gestrichen. Hartmut und ich wollten zwar auch nicht in Saus und Braus leben, aber nicht unbedingt in den billigsten Unterkünften mit kleinen ungebetenen Gästen das Bett teilen oder nur das Billigste essen. Darüber gab es heftige Auseinandersetzungen. Die Reisekasse wurde daraufhin getrennt. Das gab Ruhe an dieser Front.

Ein unterschwelliges Unbehagen gab es bei Matthias und Artur wegen der häufigen, zuweilen länger dauernden Stopps zum Filmen und Fotografieren. In dieser Zeit waren die beiden zur Untätigkeit verdammt.

Von Riobamba fuhren wir über Ambato zum nächsten Baños, dem Baños de Agua Santa (Bäder des Heiligen Wasser). Und dieses Baños ist sehr nett. In einem Talkessel liegt es in ca. 1.800 m Höhe. Das Klima ist angenehm und es gibt eine reichhaltige Vegetation. Das Städtchen hat eine gewisse Kuratmosphäre.

Ein steiler Weg führt zum Talrand hinauf. Eine Stunde dauert es und man hat den Bellavista, den schönen Ausblick, erreicht. Der Weg wird auch für die Körperertüchtigung der Schulkinder benutzt. Einmal hinauf und wieder hinunter in vollem Galopp. Einige Schüler gingen es aber ziemlich langsam an.

30 Minuten von Baños entfernt liegt ein beeindruckender Wasserfall, der Pailón del Diablo, die Schlucht des Teufels. Es heißt so, weil man in einem Stein inmitten des gischtenden Wassers den Kopf des Teufels zu erkennen meint.

Quito, schönste Hauptstadt Südamerikas. Fürwahr, fürwahr. Und auf einer Höhe von 2.800 m liegend auch die höchste Hauptstadt der Welt. Der reizvollste Teil liegt natürlich in der Altstadt um die Plaza de Independencia mit dem Regierungspalast.

Nicht weit vom Zentrum entfernt erhebt sich der Panecillo (das Brötchen), der Stadthügel von Quito. Von hier aus hat man einen prächtigen Rundblick. Zum Panecillo hinauf gibt es viele, viele Treppen. Und die Bewohner müssen alles, was sie so brauchen, diese Treppen hoch und runter schleppen. Man denke nur an die Getränkeverkäufer mit den vielen, vielen Kästen.

Und oben auf dem Hügel hat die katholische Kirche Ende der 70er Jahre die beflügelte Virgen de Quito(Jungfrau von Quito) aus Aluminium errichtet. Es ist das 45 m hohe Abbild einer Marienstatue aus der Kirche San Francisco. Mit Recht stieß die Statue auf Kritik. Einmal war sie sehr teuer. Arme Menschen, die das Geld hätten brauchen können, gibt es genug in Ecuador. Darüber hinaus dreht diese Statue dem Armenviertel auch noch den Rücken zu.

Auf halber Höhe des Panecillo lag eine Gemeinschaftswäscherei. In langer Reihe standen die Frauen an den Bottichen und walkten die Wäsche durch. Dahinter war gleich das Gefängnis. In langer Reihe standen, gingen oder saßen die Männer müßig im überdachten Gang. Da drängt sich die Frage auf, wer wohl mehr gefangen ist?

Beim Filmen einer Musikgruppe fasste mir eine alte Frau mit Kopftuch an meinen weithin sichtbar am Gürtel angebrachten Geldbeutel. Ich schlug Krach. Die Frau zog ganz verschüchtert ab. Dabei war in diesem Beutel nur wenig Geld. Das Portemonnaie mit dem vielen Geld war an anderer Stelle versteckt. In Quito gibt es über 50 Kirchen. Der richtige Drang, die Kirchen von innen anzusehen, fehlte uns aber. Dabei gibt es sehr schöne darunter. Eine ist besonders bemerkenswert: die Iglesia de la Compañía de Jesús. In diese von den Jesuiten erbaute Kirche wurden 7 Tonnen Gold zum heutigen Preis von 214 Millionen € verbaut. Gold, das den Inkas geraubt wurde. Außerdem gibt es ein Gemälde mit dem Namen El Infierno zu besichtigen, das die Leiden in der Hölle darstellt. Es erinnert an die Werke von Hieronymus Bosch.

Nachmittags fängt es in Quito meistens an zu regnen. Auf einer Fahrt durch den Wald zum Vulkan Pichincha, dem Hausberg von Quito, (die höchste Spitze ist 4.792 m hoch) erwischte uns haselnussgroßer Hagel. Es trommelte so aufs Dach, dass wir dachten, die Körner müssten jederzeit durchschlagen. Zu dieser Zeit gab es auf dem Weg zum Pichincha noch keine Probleme. Heute liest man, dass es dort Überfälle auf Wanderer gibt, die ausgeraubt und Frauen vergewaltigt werden.

Die Strecke von Quito zur Pazifikküste ist einmalig schön. Erst kommt Bergurwald mit dichtem Gehölz, rauschenden Flüssen und tosenden Wasserfällen, oft in Nebel eingetaucht. Urplötzlich taucht am Wegesrand ein Dämon zur Vertreibung der bösen Geister auf.

Der Bergurwald geht dann allmählich in Hügellandschaft über. Witzige kleine Kuppen, auf denen

Palmen stehen. Hier findet man die charakteristischen Pfahlhäuser, die gegen Überschwemmungen durch starke Regenfälle schützen. Dazwischen reichere Ranchos und riesige Bananenplantagen. Kurz vor der Pazifikküste verbreitert sich der Rio Chone zu einer Seenlandschaft, in denen Fische gezüchtet werden.

Wir suchten ziemlich lange, bis wir ein ansprechendes Fleckchen gefunden hatten. In San Vicente entdeckten wir eine schöne Anlage mit Bungalows, in der Mitte ein Swimmingpool. Für ecuadorianische Verhältnisse traumhaft, dabei für uns spottbillig. Hier konnten wir uns so richtig ausruhen, den Körper und die Kleidung pflegen. Hier war die Gruppe noch fröhlich zusammen, was sich später ändern sollte. Die einen schwammen, die anderen fischten, der nächste schrieb und der letzte filmte. Drei wollten im Pool einen Turm aufbauen. Aber beim dritten Mann brach der Turm regelmäßig in sich zusammen.

Der Drang, Neues zu entdecken, trieb uns weiter. Zurück ging es nach Quito, vorbei an den Seen, vorbei an den Pfahlhäusern, vorbei an den kuppeligen Hügeln, vorbei an den Ranchos, vorbei an den rauschenden Flüssen und den donnernden Wasserfällen, vorbei am Vulkan Cotopaxi.

Wir erreichten Otavalo, den wahrscheinlich berühmtesten Indio-Markt in Ecuador. Samstags früh

um fünf Uhr wird aufgebaut. Campesinos mit riesigen Warenbündeln auf dem Rücken, LKW’s, die Indios und deren Waren ausspucken. Es gibt alles: Früchte, Gemüse, Getreide, Haushaltswaren, Tiere und natürlich Artesania: Wandteppiche, Webereien, Ponchos, Pullover, Taschen. Die Marktpolizei hat auf alles ein wachsames Auge.

Bei der Abfahrt hieß es warten. Einer hatte Verstopfung. Er saß stundenlang auf dem Thron, aber nichts rührte sich. Wir kauften bei der nächsten Apotheke Abführmittel mit durchschlagendem Erfolg. Er kam ein zweites Mal nicht mehr runter vom Thron.

Nicht weit von Otavalo liegt der Vulkan Cotocachi mit der wunderschön gelegenen Laguna Cuicocha. Es ist Naturschutzgebiet, also nichts mit Schwimmen.

Auf der Fahrt nach Tulcan an der kolumbianischen Grenze wird die Landschaft karger und zerklüfterter. Ein Bauer, den wir mitnahmen, erzählte, dass hier Banditen den Einheimischen schwer zu schaffen machen. Nachts würden sich die Menschen nicht mehr auf die Straße trauen.

Tulcan selbst ist ein langgestrecktes Straßendorf und nicht sehr interessant. Am Tage unserer Ankunft fand ein Umzug statt. Eine Attraktion besitzt Tulcan, den Friedhof. Kunstvoll zu Figuren zurechtgestutzte Hecken machen diesen Friedhof zu einem Kleinod.

Kolumbien

Mit dem Carnet de Passages kamen wir ohne Probleme über die Grenze. Der Zöllner auf kolumbianischer Seite war der einzige, der mit dem Carnet etwas anzufangen wusste. Allen anderen musste es erst erklärt werden.

Die Landschaft ist wunderschön. Aber leicht beklommen waren wir doch. Was mag uns in Kolumbien erwarten? Gehört und gelesen hatten wir schon viel Negatives. Kaum sind wir einen Kilometer gefahren, bekamen wir den ersten Schock. Seile waren über die Straße gespannt. Kurz bevor wir die Seile passierten, wurden sie aber entspannt. Kinder wollten auf diese Weise die Autos anhalten und Geld erbetteln. Wir mussten durch einige Militärkontrollen durch. Die Soldaten waren durchweg freundlich und überprüften nur oberflächlich die Papiere und das Gepäck, als sie erfuhren, dass wir Deutsche sind. Bei einer Kontrolle durften wir sogar filmen. Der Offizier riet uns, bis zur nächsten größeren Stadt Popayan durchzufahren, weil es in der bergigen Gegend nicht sicher sei.

Wir folgten natürlich dem Rat. Wir fuhren und fuhren. Die Straßen waren eng und schlecht. Wir kamen nur langsam voran, weil immer wieder der Asphalt aufgerissen war, große Löcher in der Straße oder Teilstrecken nur Stein- und Schotterpisten waren. Schon brach die Dunkelheit herein. Kurz vor 21 Uhr kamen wir in Popayan an.

Popayan ist eine hübsche Kolonialstadt. Auch Alexander von Humboldt war schon da und hat im Jahr 1801 hier gewohnt. Auf dem Hügel Morro del Tulcan, steht ein Reiterstandbild, Sebastian de Balalcázar, spanischer Konquistador und Gründer der Stadt. Der Morro del Tulcan war eine indianische Pyramide, auf deren Spitze14 Gräber gefunden wurden. Eine Zeichnung zeigt Balalcázar und seine Soldaten, die mit dem Segen der Kirche Indios niedermetzeln. Ich ging trotz Warnung hin. Soldaten waren gerade dabei, die Hänge des Hügels vom verfilzten Buschwerk zu befreien. Nichts passierte.

Wir fuhren weiter in Richtung San Agustin. Das Reisehandbuch machte es mit präkolumbianischen Funden schmackhaft. Dabei kamen wir durch einen urwaldähnlichen Naturschutzpark auf einer Straße, auf der wir manchmal nur im Schritttempo fahren konnten. In der Nähe von San José de Isnos fanden wir ein schönes Hotel, das Parador del Idolos. Es liegt auf einem Hügel. Von hier hat man einen prächtigen Rundblick. Es war aber den beiden Sparsamen wieder zu teuer. Es kostete große Überredungskunst, sie zum Bleiben zu bewegen. Am nächsten Morgen zeigt sich Artur aber zufrieden und meint, er wäre bereit, noch einen Tag zu bleiben. Wir besuchten das Alto de los Idolos, die Anhöhe der Götzen. Hier stehen eine Anzahl geheimnisvoller Steinfiguren, die in dieser Gegend gefunden wurden. Der Ursprung und die Bedeutung dieser Figuren sind noch nicht genau erforscht.

Der Alto de los Idolos liegt drei Kilometer vom Hotel entfernt. Ich fuhr mit dem Auto, weil mir meine in der Silvesternacht angerissene Sehne am Fuß noch zu schaffen machte. Die anderen gingen zu Fuß.

Irgendwelche Abmachungen über das weitere Vorgehen nach dem Besuch der Figuren wurden nicht getroffen. Also schaute ich mir den Park an, fuhr noch ein bisschen in der Gegend umher. Anwohner führten mich zu Figuren, die mitten in der Landschaft standen.

Gegen Mittag kam ich wieder im Hotel an. Die anderen drei saßen auf ihren Rucksäcken und schauten mich mit langen Gesichtern feindselig an. Wo ich denn bliebe und es wäre doch verabredet gewesen, gleich nach dem Besuch des Alto weiterzufahren. Ich war platt, war doch davon überhaupt nicht die Rede.

Noch am gleichen Tag erklärte Artur, dass er noch bis Bogota mitfährt und dort aussteigt. Daraufhin wollte Matthias auch nicht mehr mit dem Auto weiterfahren. Und da ich mich kurz vorher mit meinem langjährigen Freund Hartmut in die Wolle gekriegt hatte, wollte der auch aussteigen. Jeder Mensch hat nun mal seine Eigenheiten, die in normalen Zeiten von den oder dem anderen akzeptiert werden. Doch bei einer sowieso schon gereizten Stimmung ist manch einer nicht mehr bereit, bestimmte Eigenheiten des anderen, die ihn einschränken oder belasten, zu akzeptieren. Irgendwann muss das dann raus, bzw. will man das ändern. Wenn man nur zu zweit unterwegs ist, ist man gezwungen, sich wieder zusammenzuraufen. Das war bei den gemeinsamen Reisen von Hartmut und mir auch immer der Fall gewesen. Aber hier war man zu viert und man konnte bei den anderen Unterstützung suchen. So teilte sich die Gruppe neu auf. Artur und Hartmut teilen sich ab jetzt ein Zimmer und Matthias und ich.

Wir fuhren am selben Tag weiter nach San Agustin, um dort den Parque Arqueológico zu besuchen. Vorher schauten wir noch am Salto de Bordones vorbei. Er gilt mit seinen rund 200 m Höhe als einer der schönsten Wasserfälle Kolumbiens.

Der Parque Arqueológico von San Agustin, gleich am Rio Magdalena gelegen, umfasst eine einzigartige Sammlung von präkolumbianischen Steinfiguren. Der Anfang dieser Kultur wird auf das Jahr 3.300 vor unserer Zeitrechnung datiert. Ihre Blütezeit soll sie zwischen dem 5. Jahrhundert vor und dem 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erlebt haben. Die ersten Berichte über diese Figuren stammen vom Kapuzinerpater Juan de Santa Gertrudis aus dem Jahr 1775. Erste fundierte Forschungen unternahm der Deutsche Konrad Theodor Preuss 1913/14. Er hatte mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei den Ausgrabungen mussten mit minimalen Mitteln Urwaldriesen gefällt, Buschwerk niedergerissen und große steinerne Dachplatten bewegt werden. Vor der Kirche von San Agustin standen 14 von den Dorfbewohnern dort aufgestellte Kolosse. Zwei davon dienten als Stütze für die Holzpfeiler des Kirchenportals.

Es ist unbekannt, welches Volk oder welcher Stamm diese Steinfiguren hergestellt hat. In diesem Gebiet siedelten nach dem Volk der Bildhauer immer wieder andere Völker. Zuletzt wurden sie durch die spanischen Eroberer kräftig durcheinander gewirbelt. Sicher ist, dass die Bildhauer keine Quechua sprechenden Stämme waren. (Quechua war die Staatssprache der Inkas.)

Die verwendeten Steinblöcke sind Findlinge oder Geröll, manche mit Dimensionen bis zu 5m. Es war schon eine Leistung, diese Brocken überhaupt zu bewegen. Es wurden damals viele Erdbewegungen ausgeführt: Die Gipfel der Hügel wurden abgetragen und eingeebnet, um den Lebenden und den Toten Unterschlupf zu gewähren. Da das Ganze wie ein kleiner Tisch aussieht, nennt man es auch Mesita. Der Totenkult spielte eine große Rolle. Um den Verstorbenen den Weg von einem Leben zum anderen zu erleichtern, wurden Schachtgräber gebaut mit Kammern, in welchen Gefäße und Schmuck den Toten begleiten sollten. Manchmal standen Götter als Wächter vor diesen Gräbern. (Also ähnlich wie in Ägypten. Nur dass hier der Pharao der Einfachheit halber der Gott selber war.)

Eine sehr oft gebrauchte Darstellung ist die Tierschnauze mit gekreuzten Hauern, vielleicht sogar das hauptsächliche Charakteristikum der agustinischen Bildhauerkunst. Forscher nehmen an, dass hier ein intensiver Jaguar- oder Puma-Kult als Inkarnation des Sonnengottes geherrscht hat. Auch bei den alten Mexikanern war der Tiger z.B. eine Verkleidung des Gottes Tezcatlipoca, des all-mächtigen, vielgestaltigen, allgegenwärtigen Gottes.

Der Frosch soll eine Gottheit bzw. ein Symbol des Todes und des Wassers gewesen sein. Der Tod hatte und hat für die Lateinamerikaner keineswegs eine negative Bedeutung. Die Ideen von Erde und Tod waren immer in inniger Verbindung zu ihren religiösen Konzeptionen.

Die Figur des Adlers ist möglicherweise ein Symbol der Schöpfung, verbunden mit dem Ursprung des Lichts und des Feuers. Und es heißt, er wäre das Symbol der politischen Macht. Motive von Raubvögeln auf Goldschmiedearbeiten fand man in Gräbern, die Personen von Rang vorbehalten waren. Der Affe soll das Symbol der Fruchtbarkeit sein.

Es wurden aber nicht nur Statuen bearbeitet. An der Fuente de Lavapates (Quelle der Pfotenwäsche) wurde das felsige Flussbett benutzt, um Flachreliefs hinein zu arbeiten, die komplizierte geometrische Kombinationen zeigen.

Eine interessante Erscheinung ist die Darstellung des zweiten Ichs, der Figuren mit zwei Köpfen. Das geht zurück auf die Vorstellung des Nagualismus, der davon ausgeht, dass das Wesen des Menschen schicksalsmäßig mit dem Tier verbunden ist. Eine Vorstellung, die auch bei uns in der Gestalt der Tierkreiszeichen enthalten ist. Das Tier wird dem Menschen durch den Tag der Geburt zugeordnet, muss aber erst für sich gewonnen werden. Der Nagual ist der Helfer des Menschen. Seine Verwundung oder Tod bestimmt zugleich das Schicksal des Menschen. Dieser kann sich in sein Nagual verwandeln, wodurch er dessen Kräfte ausnutzt oder sich wie mit einer Maske der Verfolgung entzieht.

Wir fuhren weiter nach Neiva. Es war Palmsonntag, Beginn der Semana Santa, der Osterwoche. Die Polizei eskortierte uns zu einem Hotel. Es gehörte Verwandten eines der Polizisten. Es war uns aber zu teuer und wir suchten uns ein anderes. Im Restaurant wurde ich vom Sohn der Wirtin angesprochen. Er fuhr mit mir im offenen Jeep, zeigte mir seine Wohnung, wo zwischendurch immer mal der Strom ausfiel. Die Wände waren tapeziert mit selbst aufgenommenen Fotos von diversen Frauen, ein ausgesprochener Macho. Abends aßen wir bei seiner Mutter, bezahlten sein Essen natürlich mit und das war gar nicht mal so billig.

Anderntags ging es weiter nach Bogota. Im Resi Berlin mit bayrischer Musik aßen wir Gulasch und tranken ein gutes Bier. In Bogota trennte sich die Gruppe. Es lag eine bedrückende Atmosphäre über der Stadt. In Deutschland hörte man ja einiges von dem, was in Kolumbien passiert. Aber hier las man jeden Tag in der Zeitung: Soundsoviel Leute erstochen, erschossen, entführt. Und Bogota war ein Zentrum dieser grausamen Taten. Ich wollte so schnell wie möglich raus aus dieser Stadt. Ich behielt das Auto, weil ich der offizielle Besitzer war. Unter dem äußeren Druck der Stadt und auch der Gruppe unterschrieb ich einen Vertrag, aufgrund dessen ich nach Rückkehr aus Südamerika an die anderen drei jeweils 2.000 Dollar zu zahlen hatte. Dieser Vertrag sollte mich noch viel Nerven, Kopfzerbrechen und Geld kosten. Aber erst mal war ich froh, aus dem unmittelbaren Schlamassel raus zu sein. Keine Auseinandersetzungen mehr. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte.

Mein nächster Halt war Zipaquira. Es ist eigentlich nichts Besonderes, hat aber eine Sehenswürdigkeit, die Catredal de Sal, die Salzkathedrale. Es geht durch einen langen Gang, mit Holzbalken abgestützt. Früher war das mal ein Salzbergwerk. Daraus wurde eine Kathedrale gehauen, die 9.000 Leute fassen kann (also ähnlich wie in Wieliczka bei Krakau). Alles ist aus Salz, die Säulen, die Altäre, die Nischen. Früher durfte man hier mit dem PKW hineinfahren. Aber durch die Erschütterungen und Auspuffgase entstanden Risse in den Säulen, die daraufhin mit Stahltrossen umwickelt wurden. Aufgrund der Instabilität wurde die Kathedrale im Jahre 1995 60 m tiefer komplett neu gebaut.

Weiter ging es nach Villa de Leyva, beliebter Ausflugsort für die Bewohner von Bogota. Der Plaza Mayor, der zentrale Platz, ist riesig, ca. 12.000 qm. 1812 wurde hier der erste Kongress der kolumbianischen Republik abgehalten. Der Ort ist tiptop restauriert, sehr hübsch und sehr gemütlich.

Fast jedes Haus hat irgendeinen Blickfang, sei es Balkon oder Dachgiebel oder Türverkleidung. Durch ihre geringe Höhe geben die Häuser die Sicht auf die umgebenden Bergrücken frei. Wegen der Semana Santa war es schwierig, ein Zimmer zu bekommen. Alles ausgebucht. Nach drei Stationen und liebenswürdiger Vermittlung bekam ich doch noch ein klitzekleines, nicht abschließbares Zimmer für 3.000 Pesos, ca. 6 Dollar. (Für 1 Dollar bekam man 476 Pesos)

Ich fuhr deshalb am nächsten Tag weiter nach Tunja. 20 km vor Tunja steht das Nationaldenkmal

der Schlacht an der Puente de Boyacá, (Brücke von Boyacá) wo die Kolumbianer unter Führung von Simon Bolivar 1819 einen entscheidenden Sieg über die Spanier errang. Überall in Kolumbien auf zentralen Plätzen begegnet man solchen Denkmälern. Tja, überall auf der Welt lässt sich die gerade herrschende Klasse für ihre Heldentaten feiern.

Es war Gründonnerstag und es fand eine Kinderprozession statt. Episoden aus dem Neuen Testament wurden bildlich dargestellt.

Auf dem Weg zum Lago de Tota kam ich an einer Ziegelbrennerei vorbei. Der Rohstoff Lehm lag gleich vor der Haustür, wurde mit Wasser gemischt, gebrannt und fertig ist der Ziegel. Kaum war ich über dem Bergrücken, breitete sich wunderschön der See vor mir aus. Ich erholte mich einen Tag und schaute mir in Sogamoso die Karfreitagsprozession an. Abends gab es im Hotel Rocas eine schöne Forelle aus dem See für 1.500 Pesos, ca. 3 Dollar.

Ostersamstag fuhr ich 240 Meilen nach San Gil. Die Straße führte durch eine imposante Landschaft. Sie war schmal und führte im Zickzackkurs durch die Berge. Und der Verkehr war stark. Ich kam an einem LKW nicht vorbei. Ich fasste mir ein Herz und machte es den Kolumbianern nach. Ich schoss hinter dem LKW hervor und wollte überholen. Da tauchte von vorn ganz nah hinter der nächsten Biegung ein anderer LKW auf. Ich drückte das Gaspedal voll durch, drückte gleichzeitig auf die Hupe, schloss die Augen und riss instinktiv den Lenker nach rechts, als ich meinte, dass ich an dem zu überholenden LKW vorbei war. Der erwartete Crash blieb aus. Puh, noch einmal gut gegangen. Nie wieder solch ein gewagtes Überholmanöver!

Der zentrale Platz in San Gil ist wunderschön. Riesige alte Bäume stehen hier. Um 18 Uhr fand wieder eine Prozession statt. Bei Dunkelheit wurde Feuer vor der Kirche angezündet. Nachts um 22 Uhr war Messe. Die Kirche war proppenvoll. Sonst war alles ausgestorben. Am nächsten Morgen ging die Prozession weiter.

Weiter ging es nach Bucaramanga. Immer wieder diese herzerweichende Armut. Eine alte Frau, die an einer Ecke des Busterminals kampierte, holte sich die Reste von den Tellern des Restaurants und schüttete ausnahmslos alle Getränke zusammen in einen Topf. Anderntags fuhr ich weiter nach Bosconia. Hier ist Tiefebene. Die Strecke wurde eintönig, nur unterbrochen von Schlaglöchern, die einen aus der Schläfrigkeit wecken. Links und rechts Kühe. Es war sehr heiß und sehr schwül. Im besten Hotel von Bosconia gab es nur Ventilatoren, keine Klimaanlage. Die Nacht war unmöglich. Ich stand immer wieder auf und duschte mich. Nach fünf Minuten war ich aufs neue durchgeschwitzt. Nur weg von hier in Richtung Küste. Die Landschaft wurde auch wieder abwechslungsreicher. In einem Seengebiet wird Salz gewonnen.

Cartagena an der Karibik ist eine sehr hübsche Stadt. Gewaltige Stadtmauern bis zu 13 m Höhe und 20 m Dicke aus dem 17. Jahrhundert, ein Labyrinth von Gassen mit alten Kolonialhäusern, schön geschnitzten Balkonen und viele Barockkirchen. Im Gassengewirr gibt es einen Schwung gemütlicher Kneipen und Bars. Hier traf ich Jürgen, einen deutschen Schifffahrtskaufmann. Er sprach mit mir über den Autoverkauf, denn schon jetzt hatte ich die Schnauze voll vom Alleinfahren. Die Wirbelsäule schmerzte und auch das Geld geht rasend schnell weg, wenn man das Auto allein unterhalten muss. In Kolumbien waren immer wieder Straßenbenutzungsgebühren zu bezahlen. Abends konnte man das Auto nicht auf der Straße stehen lassen, sondern musste es irgendwo gegen Entgelt sicher unterbringen. Jürgen sah sich das Auto an. Er wollte beim Autoverkauf behilflich sein. Er würde mit dem Schiff nach Santa Marta kommen. Da wollte ich auch hin. Dort sollte alles Nähere besprochen werden.

Das Hotel Bellavista in Cartagena gefiel mir ganz ausgezeichnet. Es lag gleich am Strand, kostete nur 2.500 Pesos, ca. 5 Dollar, und hatte ebenerdige Zimmer rund um einen Innenhof mit schattenspendenden Bäumen, unter denen die ArbeiterInnen aßen und schon frühmorgens Obstverkäuferinnen saßen. Abends übte eine karibische Tanzgruppe. Aber es gab noch andere possierliche Bewohner des Hotels, ein Kätzchen und einen Pelikan mit seinem Begleiter, einem möwenähnlichen Vogel, der ihm nicht von den Federn rückte und ihn regelrecht betuttelte.

Am Strand gibt es kleine abgeschirmte Meeresbuchten. Ich schwamm natürlich aus der Begrenzung hinaus. Eine gefährliche Unterströmung packte mich und drohte, mich aufs offene Meer hinauszuziehen. Ich mobilisierte alle Kräfte und konnte mich noch an den Begrenzungssteinen fest-krallen, riss mir aber dabei Hände und Füße auf.

Cartagena wurde 1501 gegründet. Es war einer der wichtigsten Stützpunkte der Spanier bei der Eroberung des Kontinents und ein wichtiger Exporthafen, z.B. des Silbers aus der Potosi-Mine. Es war auch wichtigster Hafen für die Einfuhr schwarzer Sklaven aus Afrika. Nach Zahlung der Zollsumme wurde dem Sklaven vorn auf die Brust ein Stempel eingebrannt und auf dem Rücken der Name der Gesellschaft. Die Besitzer der Lizenz für den Sklavenhandel verdienten sich dumm und dämlich. 1528 bekam das Augsburger Handelshaus Welser für einen Obolus von 20.000 Dukaten von Kaiser Karl V. diese Lizenz für vier Jahre. Dieser Mann aus dem Hause Habsburg, König von Spanien, wurde mithilfe der Gelder des damals größten und mächtigsten Handelskonzerns der Welt aus Augsburg, der Fugger, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) gemacht.

Der Reichtum Cartagenas lockte natürlich die Karibik-Piraten an. Die ersten Angriffe erfolgten bereits Mitte des 16. Jahrhunderts durch französische Piraten. Den größten Coup landete der englische Pirat Francis Drake, der mit einer Söldnertruppe 1568 nachts in die Stadt eindrang und frech eine Lösegeldsumme von mehr als 100.000 Golddukaten forderte, nach heutiger Rechnung mehrere Millionen DM und so lange Häuser in Brand setzte, bis er die Summe bekam. Francis Drake wurde 1581 aufgrund seiner Verdienste für die englische Krone in den persönlichen Adelsstand erhoben und durfte sich fortan Sir nennen. Da kann man nur sagen: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Verteidigungsanlagen wurden somit dringend notwendig. Es entstand u.a. die Superfestung San Felipe, die gewaltigste Festungsanlage der Spanier auf dem südamerikanischen Kontinent. Fertig gestellt 1657, wurde sie während der spanischen Kolonialzeit nur einmal eingenommen: 1697 von dem französischen Piraten Baron de Pointis. (Man sieht, die adligen Piraten gaben sich die Klinke in die Hand.) Selbst den massiven Angriffen der englischen Piraten unter Admiral Vernon, der mit 186 Schiffen und 18.000 Mann die Stadt angriff, widerstand diese Festung. 1811 erklärte sich Cartagena als erste Stadt des heutigen Kolumbiens von den Spaniern unabhängig. Das geschah noch vor der erfolgreichen Schlacht Simon Bolivars bei Boyacá.

Gleich hinter dem Torre de Reloj, dem Uhrenturm, liegt die Plaza de los Coches, auf der zu Kolonialzeiten die Sklaven feilgeboten wurden. Heute stehen dort Pferdekutschen für die Touristen.

Unweit einer Plastik, die einen Schwarm fliegender Pelikane darstellt, stehen Gedichte des kolumbianischen Komponisten, Poeten, Maler, Unternehmer und Politiker Daniel Lemaitre Tono:

Lange Reihen der Melancholie

bilden die Pelikane auf ihrem Flug

und geben vor, die Entfernung zu zerteilen.

In Bezug auf das Meer heißt es:

Das Meer zerschellt dynamisch und wohlklingend,

jede Woge ist ein Block aus Smaragd

und jeder Brecher eine Kaskade aus Gold.

(Übersetzung vom Verfasser)

Nicht weit von Cartagena entfernt liegt Santa Marta, ein ausgesprochener Badeort. Zwei junge Kolumbianer sprachen mich an. Sie wunderten sich, dass ich allein unterwegs war und boten sich als Reisebegleiter an. Sie zeigten mir den Weg nach Cañaverales, 24 km von Santa Marta entfernt. Hier kann man in einem Naturschutzgebiet, direkt am Meer in strohgedeckten Hütten auf Liegen schlafen. Hätte man können, wenn die Administration da gewesen wäre. Aber sie war es nicht und Wasser gab es auch nicht. Also wieder zurück nach Santa Marta. Der eine Junge bot mir an, bei seiner Familie zu übernachten. Ich nahm an. Die Hütte seiner Eltern lag oberhalb von Santa Marta und bot einen schönen Rundblick. Schmutziges Wasser gab es aus der Tonne. Es war eine große Familie. Drei bis vier ältere und drei bis vier jüngere Kinder und die Frau war schon wieder schwanger. Ich schlief im Ehebett (ohne die Mutter), aber mehr schlecht als recht. Nachts pfiff der Wind um die Wellblechhütte. Früh um 5 Uhr stand die Familie auf und stellte das Radio auf volle Lautstärke. Als ich mich endlich erhob, war mein Auto schon gewaschen. Auf diese Art und Weise gab es an diesem Tag für die Familie einen Esser weniger durchzufüttern. Frühstück, Mittagessen und mehrere Getränke gingen auf meine Rechnung.

Beim Besuch im Hafen stellte sich heraus, dass Jürgens Schiff, die Euro Florida, zwar angekommen, der Kapitän auch Deutscher war, er aber keinen Jürgen kannte.

Abends traf ich einen anderen Kolumbianer mit einem hübschen Mädchen, das er als seine Schwester ausgab, aber eher ein Lockvogel war: Juan und Janice. Juan wollte beim Autoverkauf behilflich sein. Er hätte viele Beziehungen. Außerdem schwärmte er mir von einer

Finca vor, direkt am Strand, mitten im Urwald. Arrecife hieße es und liege nicht weit von Cañaverales. Und da wollte ich ja sowieso hin. Am nächsten Morgen ging es los. Das Auto ließen wir in der Obhut einer Polizeistation zurück. Es wurde nur das Nötigste mitgenommen und die Wertsachen. Es folgte ein halbstündiger strammer Fußmarsch durch den Urwald. Dann war die Finca erreicht. Einige strohgedeckte Hütten, viele Tiere und einige Touristen: Schweizer und Deutsche. Die Finca gehörte Don Alfredo, der meistens in der Hängematte lag, ständig im Suff war und ein so schlechtes Spanisch sprach, dass nur seine Leute ihn verstanden. Ansonsten markierte er den starken Mann als Besitzer. Ich schlief in einer Hütte auf einer Liege aus Bambusholz ziemlich hart und schlecht. Janice ließ sich küssen, küsste aber und roch auch nicht gut.

Ich stand früh auf. Das zwar an der Polizeistation, aber trotzdem in der Wildnis abgestellte Auto ließ mir keine Ruhe. Auch das Meer war unruhig. Der Rückmarsch erfolgte ziemlich früh. Doch mit dem Auto und dem Gepäck war alles in Ordnung. Papageien saßen auf dem Dach und knackten Nüsse.

In Santa Marta zurückgekehrt, stellte ich fest, dass mir die Kreditkarte und ein Reisescheck über 100 Dollar fehlen. Da ich mir die Adresse von Juan gemerkt hatte, fuhr ich hin. Sie erschraken nicht, als sie mich sahen. Sie zeigten mir ihre Brieftasche, sie hätten nichts weggenommen. Also fuhr ich mit Janice noch einmal nach Arrecife. 24 km mit dem Auto, eine halbe Stunde Fußmarsch. An der Finca angekommen, bat mich Janice, sie vorgehen zu lassen und ihr 5 Minuten Zeit zu lassen. Nach 5 Minuten folgte ich ihr, durchsuchte die Hütte, und siehe da, die Kreditkarte fand sich in einem Karton, wo ich sie bestimmt nicht hineingelegt hatte. Der Reisescheck blieb verschwunden. Ich war froh, wenigstens die Kreditkarte wieder zu haben. Da war ich dann doch ziemlich blauäugig.

Das war die erste negative Überraschung in Santa Marta. Den zweiten Schock erlebte ich, als wir die Höhe des Einfuhrzolls erfragten: 100 %. Der Zöllner schätzte den Zoll für das Auto auf 10.000 Dollar.

Am nächsten Tag war ich früh auf den Beinen, ich wollte nach Venezuela. Davor musste ich mir noch ein Visum in Riohacha besorgen. Es lag auf der Strecke. Ich fuhr wie der Teufel und schaffte es rechtzeitig, bevor das Konsulat schloss. Ich bekam das Visum ohne Schwierigkeiten und fuhr dann zur Polizei, um den Verlust des Reiseschecks anzuzeigen. Nach anfänglichem Schreiben erklärte sich die Polizei für nicht zuständig. Aber ein Polizist in Zivil begleitete mich ab dort überall hin, auch zum Essen. Die Indios seien nicht ungefährlich hier. Weiter östlich säße das Schießeisen sehr locker und ich sollte dort so schnell wie möglich durch fahren. Ich hielt mich an diesen Rat und fuhr ohne Halt bis zur Grenze. Einen Halt gab es doch: Ein Polizist zeigte auf meinen schönen Hut, den er unmissverständlich haben wollte. Ich kaufte mich mit 20 Pesos frei. Vor dem Grenzübertritt ging ich aber noch bei der Bürgermeisterei vorbei und gab meinen verschwundenen Reisescheck zu Protokoll. Hier war ich richtig. Ich habe den Reisescheck nach meiner Rückkehr in Deutschland auch anstandslos ersetzt bekommen.

Venezuela

An der venezolanischen Grenze gab es diesmal Schwierigkeiten, weil die Grenzer keine Ahnung hatten, was sie mit dem Carnet anfangen sollten. Es gab zwei Kontrollstellen, die einen Kilometer voneinander entfernt waren. Ich fuhr hin und her, weil ich von einem zum anderen geschickt wurde. Ich war genervt und nervte meinerseits. Dann bekam ich den Stempel für die Einreise auf den Ausreiseschein. Zuletzt fand ich dann doch noch den richtigen Mann, der alles ordnungsgemäß nach meinen Angaben erledigte. Vorher tauschte ich noch Geld: Kolumbianische Pesos in venezolanische Bolivar. Der Kurs war 1.050 zu 100.

Ich machte einen kurzen Abstecher zu den Pfahlhäusern von Sinamaica. Eine Bootsfahrt kostete 20 Dollar. No, gracias!

In einer Seitenstraße von Maracaibo fand ich ein kleines, nettes Hotel für 270 Bolivar, ca. 6 Dollar.

Endlich gab es wieder gutes Essen. Ich speiste fürstlich mit Vorsuppe, gut schmeckendem Fleisch und Fruchtsalat für 3 Dollar. Anderntags lernte ich eine Familie aus British Guayana kennen. Der Mann war Lehrer, unterrichtete Englisch an der Schule, sprach aber kein Wort Spanisch. Nur die Tochter hatte es inzwischen gelernt. Sie zeigten mir Maracaibo, u.a. das als Schiff gebaute Haus. Maracaibo ist riesig. Aus dem See wird der Reichtum Venezuelas gefördert: Erdöl.

Oman, der Lehrer, fuhr mit mir wegen des Autos zu mehreren Bekannten und zum Zoll: 85 % Einfuhrzoll in Venezuela und nur mit Genehmigung des Wirtschaftsministeriums in Caracas. Das hatte sich somit auch erledigt.

Das Geldwechseln wuchs sich zur mittleren Katastrophe aus. Ich wurde von einer Bank zur anderen geschickt mit meinen Reiseschecks von Thomas Cook. Zuletzt landete ich bei einem Schweizer Makler. Crameri hieß er, gab sich als großer Börsenmakler aus. Er hatte angeblich das Bankwesen in Venezuela mit aufgebaut, hatte aber nicht genug Geld im Haus, um 100 Dollar zu wechseln. 10 % Provision berechnete er bei einem Kurs von 44 Bolivar zu 1 Dollar. Der alte Gauner wollte mich noch zusätzlich um 500 Bolivar, ca. 11 Dollar, übers Ohr hauen. Nicht mit mir!

In der Zeitung las ich, dass die Eltern den 16-jährigen Jungen, der den Präsidentschaftskandidaten Bernard Jaramillo der linken Union Patriotica Kolumbiens ermordet hatte, an das Rauchgiftkartell für 10.000 Dollar vermietet hatten. Der Junge selbst war über seine Aufgabe völlig im unklaren: blindes Werkzeug der Mafia. Gleichzeitig las ich, dass Lafontaine lebensgefährlich in den Hals gestochen wurde.

Abends holte ich die Familie aus Guayana ab. Wir wollten uns bei Nacht die Urdaneta-Brücke ansehen, mit 10 km Länge eine der größten aus Beton vorfabrizierten Brücken der Welt (im Jahre 1990) Aber die Brücke wurde bewacht wie ein militärisches Objekt. Filmen verboten. Nachdem ich die Familie wieder nach Hause gebracht hatte, stellte ich fest, dass mein Portemonnaie mit umgerechnet 90 Dollar weg war. Ich fuhr zum Hotel, kein Geldbeutel zu finden. Ich fuhr noch einmal zur Brücke, immer wieder gewaltige Entfernungen. Fuhr auf die andere Seite der Brücke und siehe da, dort im Halbdunkel lag das Objekt der Begierde. 10 m weiter stehen ein paar Halbwüchsige, die sich bestimmt über den schönen Fund gefreut hätten. Nachts um 1 Uhr fiel ich todmüde ins Bett. Ich war über 100 km für nichts gefahren.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Coro. Die Landschaft wurde öde, öde, öde. Wüste mit Kakteen. Auf der Karte war zu sehen, dass es von Coro aus eine Fährverbindung zu den Niederländischen Antillen gab. Ich wurde aufmerksam. Vor 25 Jahren war ich schon einmal auf Curaçao mit dem Schulschiff Ruhr. Und wenn diese Inselgruppe zu Holland gehört, dann kann doch auch der Zoll nicht so hoch sein. Im Hotel traf ich zwei Zöllner von Curaçao. Sie zeigten Interesse am Wagen und erzählten, dass der Einfuhrzoll 40 % betragen sollte. Halleluja! Eine Riesenlast fiel mir von den Schultern.

Ich fuhr noch am selben Tag freudig beschwingt weiter in Richtung Caracas, um dort die Post bei der Botschaft abzuholen – und stand auf einmal vor dem Abgrund. Nichts ging mehr, auf dieser Straße fuhr auch niemand. Es war die falsche Route.

An der Küste gibt es langgestreckte Kokospalmenfelder. Ich suchte heruntergefallene Kokosnüsse und öffnete sie mit meiner Machete. Köstlich! In Chichiriviche machte ich einen Zwischenstopp. Hier liegt der Parque Nacional Morrocoy. Es gibt Lagunen, viele kleine vorgelagerten Inseln mit niedrigem Buschwerk, Palmen und Mangroven. Das sollte man eigentlich gesehen haben. Aber ich wollte so schnell wie möglich weiter.

Auf der Fahrt nach Caracas nahm ich Françoise und Kevin mit, ein französisch-amerikanisches Pärchen. Sie erzählten wahre Schauergeschichten über die Art und Weise, wie in Peru geklaut wurde, die Polizisten vorneweg. Sie geben z. B. vor, Dollarnoten zu überprüfen, packen die Geldscheine in ein Täschchen und vertauschen es dann mit einem anderen Täschchen, in dem weniger Geld ist. Sie erzählten, dass ein Ire an einem Tag dreimal überfallen wurde, sogar in der Kirche.

Ein anderer Polizisten-Trick: Beim Kontrollieren des Passes haben sie auf einmal ein Päckchen Rauschgift in der Hand. Die anderen Polizisten bezeugen das natürlich. Sie stellen dich vor die Wahl: entweder 3.000 Dollar oder ins Gefängnis. Die beiden haben gesehen, wie ein Norweger auch brav bezahlt hat.

Zwei Tage blieb ich in Caracas und lief mir die Füße wund, wie es in einer größeren Stadt normal ist.

Der nächste Tag war der 1. Mai. Zufällig lag der Aufstellungsort der Demonstration nicht weit vom Hotel. Alle einzelnen Gewerkschaften wurden vom Sprecher begrüßt und es waren viele. Viele Gewerkschaftsvertreter gaben ein Statement ab. Ich ging auch auf die Rednertribüne und filmte von dort. Wenn ich vorbereitet gewesen wäre, hätte ich sogar ein paar Worte sagen können.

Es war ein riesiger Zug. Schätzungsweise 100.000 Leute. Es wurde u.a. protestiert gegen die Benzinpreiserhöhung und gegen die Privatisierung der Elektrizitätswirtschaft, die als eine Übergabe des nationalen Vermögens an das nationale und internationale Kapital gebrandmarkt wurde. Man protestierte gegen das neue Arbeitsgesetz und gegen das Regierungspaket der wirtschaftlichen Maßnahmen. Die Sektion Venezuela der trotzkistischen Internationale verteilte Flugblätter, in denen die Gewerkschaften scharf angegriffen wurden. Sie schrieben, dass die Mobilisierung der Gewerkschaften die Demobilisierung der Arbeiter bedeute. Diese Einschätzung konstruiert einen Gegensatz zwischen der Arbeiter- und der Gewerkschaftsbewegung.

Auch die Landarbeiter waren dabei, die sich dagegen wehrten, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.

Es war eine ungeheuer kämpferische Demonstration, wie ich sie noch nie am 1. Mai erlebt hatte.

Nach dieser eindrucksvollen Manifestation der ArbeiterInnen fuhr ich zurück nach Chichiriviche. Unterwegs goss es wie aus Kübeln. Riesige Pfützen standen auf der Autobahn. Abends holte mich der Regen in Chichiriviche ein. Es schüttete unvorstellbare Mengen vom Himmel, unaufhörlich, mit elementarer Wucht. Am anderen Morgen standen Pfützen im Zimmer.

In Coro angekommen, fuhr ich gleich zur Fähre, die am selben Tag fahren sollte. Denkste! Weil in dieser Woche der 1. Mai war, fuhr die Fähre in dieser Woche nur einmal und das war ausgerechnet am 1. Mai selbst. Es traf mich hart. Eine Woche zur Untätigkeit verdammt. Der Rücken tat mir weh, ich war niedergeschlagen.

Am nächsten Tag berappelte ich mich und zog erst mal in das Hotel Miranda um. War zwar teuer, aber dafür schön mit einem Swimmingpool unter Bäumen. Die letzten Tage auf dem Festland wollte ich es mir noch einmal gut ergehen lassen. Ich fing an zu relaxen, las viel. El Universal hat die Größe und Umfang der Süddeutschen Zeitung und einen starken internationalen Teil. So war ich bestens über das Weltgeschehen informiert. Das Fernsehen war pervers. Auf einem Kanal gab es die äußerst kurzen Nachrichten mittendrin zwischen Filmen und den Werbespots, die die Filme immer wieder unterbrachen. Es ging mir zusehends besser. Abends ging ich in den Aero Club tanzen: Merengue. Soraya brachte es mir bei. Als die Lichter in der Disco für kurze Zeit ausgingen knutschten wir wie die Weltmeister. Mehr passierte leider nicht.

So vergingen die Tage. Endlich war es soweit. Die Fähre sollte um 22 Uhr ablegen. Ich schaute zu, wie Fischer ihren auf Grund sitzenden Kahn näher ans Ufer brachten. Zuerst mit Motorkraft, dann mit Muskelkraft. Nichts wollte so richtig klappen. Am Abend hatten sie es aber doch geschafft.

Der südamerikanische Kontinent verabschiedete mich mit dem schönsten Sonnenuntergang.

Curaçao

Um 23.40 Uhr legte die Fähre endlich ab. Morgens um 8 Uhr erreichte sie Willemstad, die Hauptstadt von Curaçao. Es war noch so wie vor 25 Jahren: die Pontjesbrug (Pontonbrücke, die immer zur Seite gefahren werden muss, wenn ein Schiff kommt), die Kolonialhäuser, die Öltanks (vorneweg Esso), der schwimmende Markt.

Die Passkontrolle dauerte zwei Stunden. Bei der Hotelsuche bekam ich den ersten Schreck. 30 Dollar für ein Zimmer. Es ist Touristengebiet und die Preise haben europäisches Niveau. Dollars und die einheimischen Gulden sind gleichberechtigt. Man kann mit beidem bezahlen. 1 Dollar = 1,78 Niederländische Florides (Gulden). Im Hotel Stelaris fand ich ein kleines stickiges Zimmer für 15 Dollar.

Ich verabredete mich mit dem Zöllner, der sich in Coro für das Auto interessiert hatte. Der kam natürlich nicht.

Ich gab Anzeigen in zwei Zeitungen auf. Eine einzige Frau meldete sich. Sie bot 10.000 Gulden cash (ca. 5.600 Dollar, also fast derselbe Betrag wie der Kaufpreis in Miami). Ich wollte mehr haben, aber sie blieb bei ihrem Angebot. Nach einiger Bedenkzeit willigte ich ein. Das geschah vier Tage nach meiner Ankunft in Willemstad. Das Geld ging weg wie warme Semmeln. Ich hatte kein Bargeld und keine Reiseschecks mehr. Auf Kreditkarte Geld abzuheben, war recht teuer. Und ich hatte auch gründlich die Schnauze voll und wollte so schnell wie möglich nach Hause. Ich fühlte auch, dass mit meiner Freundin Helga nicht alles in Ordnung war. Bei den gelegentlichen Telefonaten verhielt sie sich sehr ausweichend und distanziert.

Ich fuhr mit der Käuferin zusammen zum Zoll. Es war Freitag. Der einzige Beamte, der diesen Fall bearbeiten konnte, war nicht da. Wir sollten am Montag wieder kommen.

Die Käuferin hieß Maike, war Lehrerin und ganz patent. Sie schloss eine Kfz-Versicherung für den Wagen ab. Zum ersten Mal auf dieser Reise war das Auto versichert.

Am Wochenende schaute ich mir die Insel an. Viel hatte sie für einen Durchschnittsbürger mit wenig Geld nicht zu bieten. Ein paar hübsche kleine Buchten mit heißer Musik aus riesigen Lautsprechern luden zum Baden und Schnorcheln ein. Die Strandschönheiten tänzelten im Rhythmus der Musik ins Wasser.

Die Unterwasserwelt war natürlich herrlich.

Abends stürzte ich mich ins erhoffte Nachtleben. Die Einkaufsstraßen von Willemstad waren ausgestorben. Es gab nur wenige Plätze, wo etwas los war. Einige blonde Meisjes warfen mir einen kühlen Blick zu. Immer wieder drängelte sich mir eine Nutte aus Jamaica auf. Sie würde es für 75 Gulden sehr gut machen. Als sie merkte, dass nichts läuft, wollte sie wenigstens ein Bier spendiert haben. Das Geschäft schien nicht gut zu laufen.

Am Sonntag besuchte ich das Seaquarium. Es war zwar nicht so groß und hatte auch nicht die Attraktionen wie Miami, aber es war nett und gemütlich. Der Wärter spielte mit einigen Tierchen und sagte mir, wann er füttert, so dass ich filmen konnte.

Am Montag gingen wir wieder frohen Mutes zum Zoll. Der Zöllner erklärte, dass er erst mal einen Stempel vom Amt für wirtschaftliche Angelegenheiten braucht. Also nichts wie hin. Dort eröffnete man uns, dass der Stempel ohne eine Genehmigung des Ministers nicht zu bekommen sei. Also auf zum Minister. Ein Sekretär, ein kleines Männlein, nahm uns in Empfang und hielt erst mal einen langen Vortrag, dass es Ausländern nicht erlaubt sei, ihren Wagen auf Curaçao zu verkaufen. Gegen solche Umtriebe ist extra ein Gesetz erlassen worden. (Die Nord-Amerikaner haben früher ganz gern ihre alten Schrottkarren auf den Niederländischen Antillen abgeladen). Es gäbe nur einen Weg: eine Ausnahmegenehmigung vom Minister. Und wenn der Minister so etwas unterschreiben würde, dann bestimmt das allerallerletzte Mal. D.h. er hoffte auf ein ordentliches Trinkgeld. Aber ich wollte ihm partout keins geben. Maike war hoffnungsfroh. Sie war zuversichtlich, dass wir die Genehmigung bekommen würden. Ihr Bruder hätte schon mit dem Sekretär zusammengearbeitet. Er wolle nur ein bisschen Zeit schinden. Am nächsten Morgen standen wir wieder vor seinem Schreibtisch. Er vertröstete uns auf den Nachmittag. Am Nachmittag hatte sich aber auch nichts getan. Am nächsten Tag ging ich allein hin, Maike musste ihre Kinder unterrichten. Natürlich war keine Genehmigung da. Nachmittags dasselbe Spiel. Immer wieder neue Ausreden und Vertröstungen. Ich hatte die Schnauze voll, mimte vollendet einen Nervenzusammenbruch. Ich hätte diesem kleinen, schmierigen Kerl liebend gern den Hals umgedreht. Dann endlich, am 17.5. um 11.30 Uhr rückte er mit der Genehmigung raus. Ich hatte keine Kraft mehr zum Jubeln.

Danach ging alles sehr schnell. Ich drückte 2.832 Gulden (ca. 1.590 Dollar) für den Zoll ab, verabschiedete mich von dem Wagen, der mich bis fast zum Schluss nicht im Stich gelassen hatte. Zuletzt ging nämlich einem Reifen, der schon die ganze Zeit über Schwierigkeiten gemacht hatte, endgültig die Luft aus. Der in Ecuador gekaufte Wagenheber gab beim ersten Versuch den Geist auf. Mit einem geliehenen Heber wurde der Ersatzreifen aufgezogen. Der Tachometer zeigte 90.030 Meilen. Gefahrene Meilen mithin 5.394. Das sind 8.680 km.

Als Erlös aus dem Autoverkauf blieben rund 4.000 Dollar übrig.

Am nächsten Morgen saß ich im Flugzeug. Zu Hause angekommen, schauten mich nur die beiden Mädchen von Helga mit großen Augen an. Es war aber noch jemand anderes zu Hause: Ein Papagei krakeelte in seiner Voliere im Schlafzimmer vor sich hin. Madame machte mit dem Besitzer dieses Papageis, ihrem neuen Freund, einen Ausflug. Als die beiden ankamen, machten auch sie große Augen. Der Nachfolger, der es sich in meiner Wohnung schon gemütlich gemacht hatte, musste sofort seine Sachen packen. Der Papagei musste auch raus in die abendliche Kühle. Der arme Papagei, das würde ihm aber gar nicht gut bekommen. Er könnte sich doch einen Schnupfen holen.

Die anderen Drei aus der Gruppe, die nach unserer Trennung nach und nach in ihre Einzelteile zerfiel, so dass zum Schluss jeder allein unterwegs war, waren mit je 1.000 Dollar nicht zufrieden und klagten sich die laut Vertrag ausgemachten 2.000 Dollar ein, so dass ich noch 3.000 Dollar plus Gerichtskosten nachschießen musste.

Eine letztendliche teure Reise, die ich aber nicht missen möchte.

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