1988 Fahrradtour durch Österreich und Ungarn

Mit dem Fahrrad durch Österreich und Ungarn im Juli 1988

(oder auch Abenteuerurlaub im damaligen angeblich sozialistischen Ungarn)

Österreich

Gleich am zweiten Tag passierte es. Wir hatten gerade mal ein paar Kilometer auf den schönen Radwegen längs der österreichischen Donau zurückgelegt, da touchierte Helga mein Hinterrad, verlor die Kontrolle über ihr Fahrrad und mit einem lauten „Oooh“ wurde sie von der Anziehungskraft der Erde besiegt. Sie blieb erst sekundenlang auf dem Boden liegen, rappelte sich aber dann wieder auf und mein Erschrecken befreite sich in einem Lacher. Es war nichts Schlimmes passiert: nur ein paar Prellungen und Hautabschürfungen. Den blauen Fleck an der Wade zeigte sie wie eine Trophäe immer wieder gerne her. Auch das Fahrrad hatte den Sturz unbeschadet überstanden.

Zum Ausgleich hatte sich bei mir am Abend zuvor auf dem Campingplatz bei Schlögen ein Insekt in der bösen Absicht genähert, mir einen geschwollenen Knöchel zu verpassen. Und das hatte es voll und ganz erreicht. Der Knöchel schwoll und schwoll. Fast beängstigend. Aber der Arzt beruhigte mich: Normale Reaktion. Nur Radfahren und Wandern dürfte ich nicht. Was sollten wir machen? Natürlich weiterfahren. Und nach einigen Tagen mit zwischenzeitlicher Kühlung ging auch die Schwellung weg.

Heiß war es am Tag des Sturzes. Föhn mit Temperaturen über 30 Grad Celsius. Vor Ottensheim führte der Fahrradweg längere Zeit auf dem Damm entlang und wir waren der prallen Sonne ausgesetzt. Helga wurde ziemlich rot im Gesicht. Es war ihre zweite Urlaubstour mit dem Fahrrad. Ich tauchte ihr T-Shirt in die Donau und wickelte es ihr um den Kopf.

Es wimmelte nur so auf dem Fahrradweg: Junge, Alte, ganze Familien, Gemeinschaften und Vereine waren on the road. Überall luden Radler-Gaststätten zu Radler-Mahlzeiten ein. Natürlich gab es auch Almdudler, eine Kräuterlimonade, köstlich bei der Hitze.

In Ottensheim bauten wir auf einem Sport- und Spielplatz unser Zelt auf. Man spielte Stockschießen, bis die Sonne unterging. Und bei Sonnenaufgang wurde weiter gespielt. (Stockschießen ist dem Curling ähnlich.) Helga war knörig wegen der kalten Duschen und schmiss mit Badelatschen.

Es ging weiter nach Linz. Unser Besuch dort war nur kurz. Es gefiel uns nicht so. Größere Städte sind für Fahrradtouristen eh nicht das Wahre. Wir kamen bei Mauthausen vorbei und beschlossen spontan, das Konzentrationslager zu besichtigen. Grauenhaft!! Geschriebene Berichte können nicht diese bedrückenden Empfindungen hervorrufen, die ein persönlicher Besuch in solch einem KZ bewirkt. Man steht völlig verständnislos der Tatsache gegenüber, dass sich denkende, gefühlsbegabte Menschen mit Lust und Freude dazu hingegeben haben, die KZ-Häftlinge auf solch grauenvolle Art zu misshandeln, zu foltern, zu Tode zu hetzen und in die Gaskammern zu treiben. Ein sowjetischer General wurde bei klirrendem Frost ins Freie gestellt, mit Wasser übergossen und man ließ ihn so lange draußen stehen, bis er zum Eisklumpen erstarrt war. Unmenschlich und barbarisch! Die SS hatte aber zum Ausgleich für ihre anstrengende Tätigkeit an die 10 Prostituierte im Lager. Viele Länder haben Mahnmale errichtet. Das Mahnmal der Bundesrepublik gemahnt wohl in seiner Scheußlichkeit an die scheußlichen Vorgänge im KZ.

Die Nacht verbrachten wir auf den Lattenrosten eines Schwimmbades, wo wir auch das Zelt hätten aufbauen können. Aber dazu hatten wir an dem Abend keine Lust. Andere Radler folgten unserem Beispiel.

Wir radelten weiter durch die schöne Wachau: Melk, Weißenkirchen, Dürnstein, wo die Barockkirche mit dem weithin sichtbaren schönen blauen Turm steht. Hier in Dürnstein wurde der König von England Richard Löwenherz von dem österreichischen Herzog Leopold V. gefangen gehalten. Der Sage nach wurde Richard von seinem getreuen Troubadour Blondel gesucht und gefunden, der dann seine Befreiung veranlasst haben soll. Die Wirklichkeit sah wie so oft ganz anders aus:

Richard Löwenherz befand sich gerade als Pilger verkleidet auf dem Rückweg vom Dritten Kreuzzug und versteckte sich dabei u.a. in einer Gaststätte in Erdberg, einem Vorort von Wien. Er hatte sich während des Kreuzzuges durch seine Überheblichkeit viele europäische Adlige zum Feind gemacht, auch den Herzog Leopold V. Aber Richard muss nicht nur überheblich gewesen sein, sondern auch noch dämlich dazu (was ja gut zusammenpasst). Er schickte einen Vertrauten in die Stadt, um Lebensmittel einzukaufen. Der fiel aber durch die große Menge an morgenländischen Münzen auf. Häscher folgten dem Einkäufer ins Gasthaus und schlugen Richard in Bande. Leopold lieferte Richard nach einiger Zeit an den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Heinrich VI. aus. Freilassung nur nach Zahlung eines deftigen Lösegeldes (man spricht von insgesamt 23 Tonnen Silber) . Richards Mutter Eleonore von Aquitanien versuchte, das Geld in England zusammenzukratzen, was dort wiederum zu Unruhen führte. Richards Bruder Johann Ohneland, der in Richards Abwesenheit England verwaltete, verweigerte die Lösegeldzahlung und intrigierte mit dem französischen König Philipp II. zur Verlängerung und Aufrechterhaltung der eigenen Macht.

Mit dem gezahlten Lösegeld eroberte Heinrich VI. Sizilien und kehrte von dort mit einem Vielfachen zurück. Die Adligen Europas bereicherten sich also skrupel- und grenzenlos auf Kosten des bzw. der Anderen.

105 km hatten wir an diesem Tag geschafft. Aufgrund der schönen, abwechslungsreichen Landschaft war uns das gar nicht aufgefallen. Von Krems aus machten wir einen Abstecher zum Heurigen. Die Einheimischen an unserem Tisch füllten immer wieder unsere Gläser nach. Die Räder fanden den Weg zum Zeltplatz allein zurück. Wir hätten das nicht geschafft.

Tags darauf ging es weiter nach Wien. Auf den Rat von Einheimischen fuhren wir nicht direkt nach Wien auf einen Zeltplatz, sondern blieben in Klosterneuburg und erkundeten von da aus die Metropole mit Bahn und Metro. Auf diese Weise kamen wir schnell und problemlos von einer Sehenswürdigkeit zur anderen.

Zwischen Wien und dem Neusiedler See liegt 1. das Leithagebirge und 2. regnete es. Allerdings biss sich vor dem Gebirge die Sonne wieder durch und es wurde warm. Wir stärkten uns in Hof vor der 3,5 km langen Steigung in einem Café. Ein zweites Pärchen mit Fahrrädern ließ sich ebenfalls zur Rast nieder. Karen und Reiner aus der Pfalz. Sie wollten auch zum Campingplatz bei Rust und dann weiter nach Ungarn, genau wie wir. Und so waren wir einen Teil unserer Tour zu viert unterwegs.

Helga war an diesem Tag gar nicht gut drauf. Die größte Strecke der Steigung schob sie. Durch die Abfahrt wurden aber die Strapazen der Auffahrt belohnt.

Der Neusiedler See ist einer der wenigen europäischen Steppenseen und ca. 320 km² groß. Weil der See höchstens 2 m tief ist, fand jedes Jahr das Seewandern statt von einem Ufer zum anderen. Bis zu 500 Leute nahmen daran teil. Das Wasser verströmt einen etwas fauligen Geruch. Das reichlich vorhandene Schilf wird im Winter geschnitten und exportiert, u.a. nach Norddeutschland zum Decken der Rieddächer. Der größte Teil des österreichischen Gebietes des Neusiedler Sees gehört der Familie Esterhazy. Die Firmen, die das Schilf schneiden, müssen dafür einen einen ziemlichen Batzen an die Familie Esterhazy abdrücken. Die kassiert, ohne einen Finger zu rühren.

Gleich am Tage nach unserer Ankunft umrundeten wir den See mit dem Fahrrad. Bei Mörbisch setzten wir mit dem Dampfer über. Allerdings führte der Fahrradweg die meiste Zeit nicht durch abwechslungsreiche Landschaft. An den seltenen Orten, wo man ans Wasser kam, war Badebetrieb und es durfte noch Eintritt gezahlt werden. Die Errungenschaften des Privatbesitzes!

Das Wetter wurde schlechter und kälter. Es fing an zu nieseln. Wir kamen fast den ganzen Tag nicht aus dem Zelt heraus. Am 3. Tag wagten wir es, Wäsche zu waschen und hatten Glück. Es regnete nicht mehr. Wir mieteten uns ein E-Boot und fuhren damit im Schilf umher. Kleine Häuschen, Pfahlbauten sind im Schilf versteckt. Die Duschen vor den Häuschen schienen mit Wasser aus dem See versorgt zu werden.

Abends radelten wir zur Premiere der Operette Eine Nacht in Venedig von Johann Strauß ins 10 km entfernte Mörbisch. Die Seebühne macht sich sehr gut. Die SängerInnen gaben ihr Bestes und auch das anschließende Feuerwerk war toll. Doch es war hundsmiserabel kalt an diesem Abend. Deshalb litt die ganze Atmosphäre an Unterkühlung. So wenig Beifall hatten die Akteure nicht verdient. Die Aufführungen auf der Seebühne sind das gesellschaftliche Ereignis im Burgenland. Aus allen Teilen Österreichs kommt man angereist. Auf dem Rückweg wälzte sich eine endlose stinkende Blechlawine an uns Vorüber. Als Abendtrunk leerten wir zu viert noch eine Flasche Rotwein auf dem Campingplatz.

Ungarn

Der nächste Vormittag sah uns bei Sopron an der ungarischen Grenze. Wir fuhren an einer langen Autoschlange vorbei. Karen und Reiner hatten noch keine Visa und mussten 3 Stunden warten. Wir verabredeten uns auf einem Campingplatz am Balaton.

Schöne Radwege waren jetzt out. Schon nach kurzer Zeit drehten wir von der Hauptstraße ab und benutzten die Straßen dritter Ordnung. Hier bliesen uns die Busse, Trabbis und sonstige Zweitakter nicht in dem Maße ihren fürchterlichen Gestank in die Nase.

Das erste, was wir in landwirtschaftlicher Hinsicht sahen, war nicht die „sozialistische“ Großproduktion, sondern Klein- bis Kleinstanbau aller Arten von Gemüse, von Kartoffeln und Kohl über Mohrrüben, Paprika, Mais bis zu Sellerie und Rote Beete. Die großen Felder mit Getreide und Sonnenblumen kamen dann natürlich auch. Von der Landschaft im Nordwesten Ungarns waren wir erst mal enttäuscht. Flach, keine große Abwechslung, wenig Wald. Auch die Dörfer eintönig. Sie waren nicht etwa verwahrlost, die Häuser sahen im Gegenteil wie neu renoviert aus. Aber in erster Linie Straßendörfer glich ein Dorf dem anderen wie ein Ei seinem Zwillingsbruder. Sie luden nicht zum längeren Verweilen ein.

Nicht weit von der ungarisch-österreichischen Grenze liegt bei Fertöd ein malerisches Rokoko- Schlösschen. Das hatte einmal dem Fürsten Esterhazy gehört. Nach 1945 wurde es verstaatlicht. Es war restauriert worden und dient heute als Museum. Punkt 17 Uhr allerdings wurde es geschlossen.

Dort sprachen wir mit 3 Leuten aus dem Wessiland, die auch mit Fahrrad unterwegs waren. Sie gaben uns den Tipp, nicht in Hotels zu übernachten, weil die von den Preisen her bundesdeutschen Standard hätten. Aber die Preise wären auch das einzige, was diesem Standard entsprechen würde. Wild zu campen sei in Ungarn verboten. Und Zeltplätze gäbe es in den Gebieten, wo kein Massentourismus herrscht, nur wenige. Also wäre es besser, irgendwo privat unterzukommen. Da man sich aber, wenn man sich länger als 48 Stunden an einem Ort aufhielt, bei der Polizei melden musste, achteten viele Anbieter von Privatunterkünften darauf, dass man nur eine Nacht blieb und am nächsten Morgen weiterzog. Man wollte sich verständlicherweise unangenehme Fragen und evtl. Ärger ersparen.

In Kapuvar fragen wir uns mit Händen und Füßen nach einer Bleibe durch. Es sprechen zwar viele Ungarn deutsch, aber man trifft sie nicht immer unbedingt dann, wenn man sie braucht. Einige Zeit später trafen auch die 3 Wessis vom Schloss in derselben Unterkunft ein. Abends gingen wir ins private Vendeglö Gasthaus zur Linde. Die Speisekarte war ins Deutsche übersetzt. Und das war in jedem Restaurant so, in dem wir gegessen haben. Das Essen war nicht schlecht. Und wir bekamen, was wir bestellten. Und das war nicht in jedem Restaurant so. Das nächste Abendessen nahmen wir in Papa im staatlichen Hotel ein. Von den auf der pompösen Speisekarte aufgeführten Speisen gab es nur noch 2 und die haben noch nicht einmal geschmeckt. Danach bestellten wir uns in der Pension, in der wir übernachteten, Eiskaffee. Wir freuten uns schon darauf, was wir serviert bekommen. Richtig. Es gab heißen Kaffee mit einer Portion Eiscreme darauf.

Bei meinem Hinterrad waren mittlerweile 3 Speichen weggeknackt. Ein aufgeschrumpftes Teil der Nabe hatte sich gelockert, wie sich hinterher herausstellte. Wieder unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen fanden wir in Papa einen Fahrradmechaniker. Er schien weit und breit der einzige zu sein. Und er sprach ausgezeichnet deutsch. Er war einige Jahre Gewichtheber in Dresden. Er ging sofort an die Reparatur und bewirtete uns mit Gebäck und Balaton-Wein. Die Reparatur war traumhaft billig.

Kaum waren wir aus Papa raus, knackte die nächste Speiche weg. Bei Helga riss der Seilzug für die Gangschaltung. Bis nach Keszthely am Balaton waren es noch ca. 75 km. Dort hatte uns unser gewichthebender Fahrradmechaniker einen anderen Fachmann empfohlen, falls wir wieder Probleme haben sollten. Wir schafften es nicht ganz bis Keszthely. Die Strecke war zu eintönig. Wir waren abgeschlafft. Der nächste Zeltplatz war unser. Aber er war überfüllt. Hochsaison. Jedes kleinste Plätzchen war belegt. Nach langem Suchen fanden wir endlich ein klitzekleines Plätzchen direkt am Zaun. Plötzlich donnerte hinter dem Zaun ein Zug an uns vorbei. Also Zelt wieder eingepackt und die Suche am anderen Ende fortgesetzt. Dabei legten wir uns mit einem humorlosen Caravan-Besitzer an, der einen uns ins Auge stechenden Platz für seinen Wohnwagen-Nachbarn reservieren wollte. Wir stellten unser Zelt trotzdem auf. Der später kommende Nachbar war gemütlicher. Wir wollten eh am nächsten Tag weiter. Die sanitären Anlagen waren weit entfernt und primitiv. Wir beeilten uns. Am Strand gab es Imbissbuden. Man wusste ja nie, wie lange man dort noch etwas zu essen bekam. Richtig. Es gab nur noch Bohnengulasch, 2 abgemagerte Hühnerbeine und 2 Mini-Schnitzel. Schon das 3. Bier war schlecht. Es hatte das Verfallsdatum längst hinter sich gelassen. Gefrustet gingen wir schlafen.

Balaton

Am nächsten Tag weiter nach Keszthely. Lange stinkende und miefende Autoschlangen wälzten sich neben uns die Straße entlang. In Keszthely wimmelte es von Touristen. Wir fanden den Meister der Fahrradzunft, ich begrüßte ihn freudestrahlend, richtete ihm Grüße aus Papa aus und trug ihm unser Anliegen vor. Er machte ein finsteres Gesicht. Irgendetwas musste ich falsch gemacht haben oder er hatte etwas falsch verstanden. Er hätte keine Zeit und Ersatzteile hätte er auch nicht.

Irgendwie hatten wir jetzt keine Lust mehr zum Radfahren und steuerten den nächsten Bahnhof an. Wir wollten unsere Fahrräder natürlich gleich mitnehmen. Aber das ginge nicht, wurde uns gesagt. Die Räder könnten nur als Reisegepäck verschickt werden, würden aber am nächsten Tag ankommen. Bei einer Pause auf einer Parkbank fiel Helga ein, dass wir ja am Balaton waren und wir auch die Fähre nehmen könnten. Gesagt, getan. Da die nächste Fähre erst am nächsten Morgen ging, kamen wir zu einer Übernachtung bei einer älteren Dame gleich neben einem Restaurant, in dem eine Band bis Mitternacht spielte. Helga kochte mit unserer Zimmerwirtin Paprika und Ei. Wir verständigten uns mit Hilfe der Tochter, die auf der Schule deutsch lernte.

Am nächsten Vormittag brachte uns der Dampfer bei strahlendem Sonnenschein zur Halbinsel Tihany. Das Stimmungsbarometer stieg wieder, wenngleich der fettige Bratfisch, den wir auf der Halbinsel zu Mittag aßen, uns bis zum Abend schwer im Magen lag. Auf dem nächsten Zeltplatz auf der Südseite des Balatons bei Szantod trafen wir unsere wackeren Mitstreiter aus der Pfalz wieder. Wir bekamen wieder nur ein kleines Plätzchen am Rand zur Straßenseite hin. Wir konnten die Heringe der anderen Zelte gleich mitbenutzen, so eng ging es hier zu. Rund um den Balaton war ein einziges Menschengewimmel. Viele Ungarn und vor allem deutschsprachige Touristen : Österreicher, Deutsche aus Ost und West und Holländer.

Die Urlauber aus der DDR waren ein Kapitel für sich. Sie durften nicht länger als 2 Wochen im Land bleiben und durften für diese Zeit nur 3.000 Forint, ca. 100 DM West, eintauschen. Benzin durften sie in Ungarn auch nicht kaufen, d.h. sie waren in Ungarn Menschen zweiter Klasse. 2 junge Ostdeutsche, die durch Ungarn trampten, erzählten uns, dass sie sich tagsüber von Milch und Brot ernährten und spät nachts über die Zäune der Campingplätze kletterten, um sich mal anständig waschen zu können, sich dann irgendwo auf dem Platz schlafen legten, um sich morgens früh leise davon zu stehlen. Andere erzählten uns, dass viele DDR-Bürger zu Weltmeistern im Schmuggeln geworden waren.

Abends gingen wir Vier ins Vendeglö. Super! Das Essen war zwar teurer als in den anderen Gaststätten, aber dafür fantastisch. Es gab gespickten Fasan, Fleischnudelsuppe und 1 Liter Wein. Alles zusammen für 40 DM für 2 Personen. Wir reservierten gleich einen Tisch für den nächsten Abend.

Am dritten Tag fuhren wir weiter. Unsere Freunde aus der Pfalz wollten von Siofok aus nach Budapest mit dem Zug fahren. Ihnen blieben nur noch wenige Tage. Wir verabschiedeten uns herzlich von Ihnen, fuhren am Balaton weiter und fanden endlich einen ruhigen Platz, ein privates Wassergrundstück in der Nähe von Balatonvilagos. Himmlische Ruhe, ein Plumpsklo und als warme Dusche einen Wasserschlauch, der von der Sonne aufgewärmt wurde. Als Mitcamper waren noch ein Flensburger Pärchen, 4 junge Wiener und später noch 2 österreichische Familien da, mit denen wir uns samt und sonders prächtig verstanden.

In der Nacht vor der Weiterfahrt brach ein starker Sturm über uns herein. An Schlaf war nicht groß zu denken. Immer wieder aufstehen und Heringe überprüfen. Das Iglu-Zelt bog sich weit nach hinten über, aber es hielt stand. Am nächsten Morgen mussten wir dann gegen den Wind ankämpfen, der bis zum Mittag wütete. Also machten wir eine Zwischenstation an dem kleinen Velencei-See vor Budapest. An diesem Abend wollte man uns 2 abgekämpften Gestalten partout kein Essen geben. Der Kellner im ersten Restaurant ließ sich ungeheuer viel Zeit, um überhaupt die Bestellung aufzunehmen. Der Kellner im zweiten Restaurant, in das wir hinüberwechselten, brachte uns zwar das Bier, aber das Essen vergaß er. Wir schlugen Krach und mussten eine neue Bestellung aufgeben. Der Kellner konnte sich an nichts mehr erinnern. Wir waren bedient und das ganz schlecht.

Die Fahrt nach Budapest am nächsten Tag wurde zur Hölle. An und für sich war es nicht mehr weit. Auf der Karte lag Budapest ganz nahe vor uns. Ab Erd folgten wir einem sogenannten Radfahrweg. Normale Straße, aber über Berg und Tal, mal links und mal rechts abbiegen. Wir hatten den Eindruck, wir würden von Budapest wegfahren, anstatt näher zu kommen. Das Schlimmste aber war die Hitze. Über 35 Grad im Schatten. Die Sonne brannte unerbärmlich (Helgas Wortschöpfung, als die Sonne allmählich das Gehirn austrocknete). Wir stürzten irgendwelche Flüssigkeiten in uns hinein, literweise. An diesem Tag waren wir so hohl, so ausgebrannt wie noch nie in unserem Leben. 50 km sind es an diesem Tag doch noch geworden.

Budapest

In Budapest fanden wir an der Stadtgrenze ein nettes, vor allem kühles Zimmer bei einem älteren Ehepaar. Gleich in der Nähe war ein Restaurant, wo abends ein Blinder auf der elektronischen Orgel spielte und dazu sang. Und das gar nicht schlecht. Es gab fast gar keine Touristen. Am zweiten Tag wurden wir von einheimischen Musikfans (Arbeiter vom nahegelegenen Bahnhof) mit Wodka abgefüllt. Und der Blinde spielte deutsche Lieder dazu.

Budapest hat uns sehr gut gefallen. Empfehlenswert. Jedenfalls damals. Es war wieder brennend heiß. Zuerst sahen wir uns Pest an. Es war mein Geburtstag. Wir gingen durch Straßen mit alten Häusern, denen man ansah, dass sie schon bessere Zeiten miterlebt hatten. Viele Häuser hätten einen neuen Anstrich nötig gehabt. Wir schauten in einen Hinterhof hinein. Auf den einzelnen Etagen lief rundum ein Wandelgang. Einladung zum Schwätzchen mit Nachbarin und Nachbarn und es war schön kühl dort drinnen.

Wir fuhren kreuz und quer durch Pest mit den wahnsinnig billigen öffentlichen Verkehrsmitteln: Bus, Tram und Metro. Eine Fahrt mit der Metro kostete 2 Forint (ca. 8 Pfennige), eine Fahrt mit dem Bus 3 Forint. Doch nach nicht allzu langer Zeit hatte uns die Hitze schon wieder geschafft. Wir ließen im Varosliget-Park die Beine ins nicht gerade kühle Wasser baumeln. Helga war sauer. Irgendwie hatte sie sich meinen Geburtstag anders vorgestellt.

Abends gingen wir zur Feier des Tages in ein besseres Restaurant mit Terrasse neben einem Weiher. Auf der Fahrt mit dem Bus dorthin stieg ein Kontrolleur zu. Wir durften 100 Forint (ca. 4 DM) Strafe zahlen, weil Helga eine Fahrkarte verbaselt hatte.

Am nächsten Tag war es Gott sei Dank kühler. Der Budaer Berg war unser Ziel. Vor der auf den Berg führenden Seilbahn stand eine lange Schlange. Oben ist es recht hübsch. Nach dem Pflichtbesuch im Parlament mit Fresken und Wandbildern aus der ungarischen Geschichte, der Fischerbastei und der Matthias-Kirche mit jeder Menge unglaublicher Verzierungen gingen wir ins Labyrinth. Das Labyrinth ist ein Gewirr von 25 km langen Kalktuffhöhlen im Budaer Berg, die durch Ausbruch warmer Quellen und Auswaschungen entstanden sind. Es war allerdings nur 1 km zur Besichtigung frei gegeben. Eine Gruppe von Künstlern hat in diesen kühlen, teilweise feuchten Gängen Szenen aus der ungarischen Geschichte in Panoptikum-Art nachgestellt. Die Höhlen wurden auch schon mal zur Pilzzucht benutzt. Danach fuhren wir mit einem geliehenen Zweisitzer mit Pedalantrieb über die schöne Margareten-Insel.

Die Odyssee durch Budapests Bahnhöfe

Der Tag der Rückkehr war angebrochen. Wir hatten uns einen Fahrplan für die Eisenbahn besorgt. Nach Ostberlin fuhren täglich mehrere Züge von verschiedenen Bahnhöfen ab. Wir fuhren zum ersten Mal mit dem Fahrrad durch Budapest. Es war nicht so schlimm, wie wir erwartet hatten. Wir ließen uns Zeit, fotografierten noch ein bisschen und kauften eine Schallplatte. Mittags kamen wir am Nyugati-Bahnhof an, von wo der nächste Zug nach Ostberlin gehen sollte. Am Reisegepäckschalter gaben wir unsere Fahrräder auf. Laut und deutlich sagten wir den Bestimmungsort: Westberlin. Gerade wollten wir bezahlen, da kam ein anderer Berliner, der sein Fahrrad aufgeben wollte. Ein Arbeiter sagte zu ihm: „ Hier nicht nach Westberlin, hier nur Ostberlin.“ Wir schauten uns an, schnallten unsere Taschen wieder auf und zockelten von dannen. Alle Schließfächer waren besetzt. Bei der Gepäckaufbewahrung stand eine Wahnsinns-Schlange.

Wir fuhren also mit Gepäck zum Keleti-Bahnhof. Dort stand noch ein Zug nach Ostberlin, der schon vor 45 Minuten abfahren sollte. Es gab keine Probleme bei der Aufgabe der Fahrräder, außer, dass der Abfertiger zwischendurch ein Kaffeepäuschen machte. Und nachdem wir unsere Fahrräder los waren, war der Zug nach Berlin weg. „Ist ja nicht so schlimm!“ sagten wir uns. Es sollten ja noch mehr Züge fahren. Nun kann man ja das Gepäck für eine Fahrradtour auf dem Drahtesel ganz gut transportieren, aber per Hand ist das doch eine recht unhandliche Sache. Wir ließen uns also vom Taxi wieder zurück zum Nyugati-Bahnhof bringen. 500 Forint sollten wir zahlen, handelten den Preis aber auf 300 Forint herunter. Wir waren pünktlich da. Auf der großen aktuellen Anzeigetafel stand unser Zug mit Bahnsteigangabe drauf. Die Zeit verging. Da endlich, mit Verspätung rollte ein Zug ein. „Berlin“ stand dran. Wir stiegen ein und bemerkten nach den ersten Worten mit Reisenden voller Schrecken, dass der Zug aus Berlin kam. Wir hasteten wieder raus. Die Schaffner auf dem Bahnsteig wussten nichts von einem Zug nach Berlin. Als wir ihnen das schwarz auf weiß zeigten, sagten sie: „Dann muss er ja schon weg sein.“ Diesen Zug, der auf dem Fahrplan und auf der Anzeigetafel stand, gab es einfach nicht. Wir packten unsere Siebensachen und fuhren zum Bahnhof Köbanya-Kispest. Diesmal mit der Metro. Unser letztes ungarisches Geld gaben wir für ein Abendessen aus. Der Bahnsteig füllte sich mit Rucksacktouristen. Kurz vor 20 Uhr sollte laut Fahrplan der nächste Zug gehen. Wir warteten und warteten. Kein Zug kam. Dieser Zug war ebenfalls eine Geisterbahn. Um 21.30 Uhr sollte die letzte Bahn an diesem Tag fahren. Endlich wurde er angezeigt und mit einer halben Stunde Verspätung kam er auch tatsächlich angerollt. Überfüllt natürlich. Es wurden noch drei Waggons angehängt. Der Bahnsteig war schwarz von Menschen, die dann diese drei Waggons regelrecht stürmten. Unter Einsatz des ganzen Körpers wurde gerangelt, Abteiltüren von innen mit Gewalt zugehalten. Ich erkämpfte 2 Plätze.

Rückfahrt mit Überraschung

Im selben Abteil waren vier junge Leute aus der DDR. Sympathisch, aufgeschlossen. Wir kamen ins Gespräch. Sie hatten eine deutliche Distanz zu ihrem Staat. Wir unterhielten uns über die DDR und rissen Witze darüber. Die schärfsten Sachen brachten die DDR’ler selber. In der Tschechoslowakei stiegen 2 junge Frauen zu. Sie sprachen tschechisch und deutsch und sahen so aus, als ob sie von einer internatsmäßigen Parteihochschule kämen. Die anderen konnten sie nicht leiden und stichelten gegen Parteibonzen. Die beiden jungen Frauen verzogen keine Miene. Auf dem Gang draußen wurde derjenige, der am meisten stichelte, von seinem Kumpel gewarnt. Er solle nicht zu weit gehen. Die beiden Mädchen wüssten, wenn sie es tatsächlich drauf abgesehen hätten, eine ganze Menge über ihn und könnten ihm enorm schaden. Mir erzählten sie, dass man wirklich nirgendwo sicher vor Spitzeln sei.

Zwischendurch wechselten wir in ein Abteil 1. Klasse. Der ungarische Zugschaffner wollte einen angemessenen Preis in Forint haben. Da wir kein ungarisches Geld mehr hatten, gaben wir ihm 10 DM. Kleiner hatten wir es nicht und er freute sich. Der tschechische Schaffner schlug gleich mit 20 DM zu. Wir kamen mit unseren Visa gut durch die CSSR. An der Grenze zur DDR wurde uns für je 5 DM ebenfalls ein Visum ausgestellt. Alles schien glatt zu gehen. Plötzlich standen in Dresden 2 ostdeutsche Grenzpolizisten an der Abteiltür und forderten mich auf, mitzukommen. In sächsischer Mundart: „Nu, kommse ma mit!“ Schock!!

Horrorgeschichten rasten uns durch den Kopf. Ich sah mich schon irgendwo in einem Gefängnis schmoren. Helga kam aus Solidarität mit. Auf die Frage nach dem Warum gab es keine Antwort. „Es tut uns leid. Wir führen nur unsere Befehle aus!“ sagte der eine Vopo. Genau das hatten die alten Nazis damals auch gesagt. Draußen wurde Helga bedeutet, dass es für sie keinen Zweck hätte, zu warten und dass sie auf dem schnellsten Wege die DDR zu verlassen habe. Uns wurde immer mulmiger. Wir teilten das Gepäck. In der Aufregung fand ich die Wohnungsschlüssel nicht. Dann wurden wir getrennt.

Ich musste in einer Baracke eine halbe Stunde warten. Da half auch das Trommeln an die Türe nichts. In der Ungewissheit kam mir das viel länger vor. Dann wurde ich aufgefordert, mitzukommen. Man setzte mich in den Speisewagen eines Zuges, der zurück nach Prag fuhr. An der Grenze bekam ich meinen Personalausweis und meine 5 DM für das Visum wieder. Das war außer einem Euro-Scheck das einzige Geld, was ich nun bei mir hatte. Man sagte mir, dass für mich die Einreise in die DDR nicht gestattet sei. Auch hier keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Auch meine Bitte um eine Bescheinigung, dass ich durch DDR-Organe zurückgeschickt wurde, wurde abgelehnt. Auf meine Frage, wie ich ohne Geld am Samstagabend nach Berlin kommen soll, wurde zynisch gesagt: „Das ist Ihre Sache!“

Und so stand ich nun da, ich armer Tor, mit 5 DM und einem Euro-Scheck in der Tasche. Das Visum für die CSSR bekam ich umsonst. Dem tschechischen Schaffner, der meine Fahrkarte sehen wollte, erklärte ich mit Händen und Füßen, was passiert war, und dass ich weder Fahrkarte noch Geld hatte. Ich war ihm nicht besonders sympathisch. Aber was sollte er machen. Aus dem fahrenden Zug rausschmeißen konnte er mich nicht.

In Prag fuhr mich ein Taxifahrer für meine 5 DM zur Deutschen Botschaft und wartete sogar davor. Der einzige (nicht unsympathische) Botschaftsangestellte, der um diese Zeit vor Ort war, fertigte mich durch das Fenster ab. Geld könne er mir nicht geben, da die Kasse nicht besetzt sei. Er telefonierte. Das einzig Konkrete, was er für mich tat: Er besorgte ein Hotelzimmer im Balkan-Hotel. Der nette Taxifahrer brachte mich dorthin. Der Tscheche an der Rezeption sprach gut deutsch. Ich erklärte ihm meine Situation. Er führte ein Telefongespräch nach dem anderen. Er rief Hotels an. Größere Hotels wechselten zwar Euro-Schecks, aber nur, wenn man dort übernachtet. Er rief den Flughafen an, doch der nahm auch keine Euro-Schecks. Zuletzt kamen wir auf die Eisenbahn. Noch am selben Abend ging um 22.30 Uhr ein Zug nach Nürnberg. Er gab mir 2 Metro-Fahrkarten und 50 Kronen, damit ich den Zug wenigstens bis zur Grenze bezahlen konnte. Ich wusste nicht, wie ich diesem Mann danken sollte. Meine Stimme war belegt und ich zerdrückte eine Träne im Auge. Ein gutes Beispiel dafür, dass nur die Solidarität zwischen den Völkern uns weiter bringt. Der eigene Staat hielt es nicht für notwendig, mir zu helfen. Dabei wäre es kein Problem, für Notfälle auch eine Notfallkasse bereit zu halten. Aber Notfälle sind nur die Banken, nicht der einzelne Mensch.

Endlich fuhren wir über die Grenze nach Westdeutschland. Ich war erleichtert und und freute mich auf die Reaktion des Schaffners, wenn ich ihm den Euro-Scheck als Zahlungsmittel in die Hand drücke. Das Abteil war voll. Jeder musste noch eine Karte lösen und alle hatten nur großes Geld dabei. Jeder hatte noch irgendeine Frage. Der Schaffner kam ins Schwitzen, musste dauernd Geld wechseln gehen, verlor den Überblick und übersah mich völlig in meiner Ecke.

In Nürnberg konnte ich endlich den Scheck einlösen, mir etwas zu essen kaufen und den erlösenden Anruf nach Berlin tätigen. Sonntag Nachmittag traf ich in Berlin ein. Noch eine Woche danach war ich wie gerädert.

Helga kam in die Wohnung hinein, weil wir vorher vorsichtshalber einen Schlüssel bei einem Freund deponiert hatten, der aber erst um Mitternacht nach Hause kam.

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